Wohnen in Rom Kleine Freuden

Hier kostet ein Stellplatz im Zentrum so viel wie anderswo eine kleine Wohnung. Beklagen sollte man sich dennoch nicht, schließlich lebt man dafür in Italiens Hauptstadt - wo sonst?

Von Oliver Meiler

Rom! Nur schon der Klang des Namens weckt in vielen Menschen Sehnsüchte - und das noch immer zurecht, trotz vieler Skandale. Die Romantik wirkt vor allem bei Menschen, die aus dem Norden Europas oder aus Amerika kommen und mal einige Jahre hier leben, in dieser Kulisse aus einer anderen Zeit. Sie möchten dann natürlich am liebsten mittendrin wohnen, im Centro storico, der Altstadt, irgendwo zwischen Vatikan und Quirinal, zwischen Piazza del Popolo und Trastevere. Das wissen die Wohnungsbesitzer und die Immobilienmakler und nutzen die Sehnsucht der Ankömmlinge für ihr Geschäft. Und das kühlt die Romantik in der Regel schnell ab. Die Suche nach einer Wohnung in Rom ist eine unromantische Geschichte.

Am besten beginnt sie immer noch mit einem Blick in die Porta Portese. So heißt eine dicke Inseratenzeitung aus billigem Papier, verpackt in blauem Plastik. Sie ist eine Institution, kostet einen Euro am Zeitungsstand, erscheint zweimal in der Woche. Onlineportale gibt es zwar mittlerweile auch in Italien. Auch Porta Portese gibt es im Netz. Trotzdem gehört es irgendwie dazu, dass man sich mit einem Leuchtstift in eine Bar setzt und die Kleinannoncen auf Papier, jede nur einige Millimeter groß, nach wohlklingenden Angeboten durchforstet und umkreist. Vor allem bietet das den oftmals entscheidenden Vorteil, dass man direkt mit dem Besitzer in Kontakt tritt, ohne zwischengeschaltete Immobilienagentur.

Eine Ausgabe von Porta Portese führt je nach Konjunkturlage einige Hundert Seiten Immobilieninserate - und davon bewirbt jeweils nur ein minimaler Teil, etwa zwei Dutzend Seiten, den Markt der Mietwohnungen. Der Rest kreist um Kauf und Verkauf.

Das ist die erste wichtige Erkenntnis: Nur wenige Italiener mieten sich ein, die meisten sind Eigentümer ihrer Wohnungen. Die casa - wie man nicht nur das Haus nennt, sondern auch die Wohnung - ist ihre liebste Kapitalanlage. Eltern kaufen, sofern sie es sich leisten können, ihren Kindern eine casa. Und wer keine Wohnung zu kaufen vermag, der hat Chancen, von der Stadt eine Sozialwohnung in der Peripherie, in den borgate, zugesprochen zu erhalten.

Dann gibt es noch jene Römer, die seit Jahrzehnten in Wohnungen in bester Lage leben, die der Stadt gehören, ohne dass die es bisher zu wissen schien, und dort grotesk niedrige Mieten bezahlen. Gerade in diesen Wochen schwirrt wieder ein Mietskandal, ein sogenanntes affittopoli, durch die Medien. Der Paradefall daraus geht so: 110 Quadratmeter Wohnfläche beim Kolosseum für monatlich 97 Euro; das Mietverhältnis läuft seit achtzig Jahren, seit den Zeiten des Faschismus. Nun gelobt die Stadtverwaltung, dass sie solche Wohnungen, 600 allein in der Altstadt, zu marktüblichen Preisen verkaufen werde. Das könnte die Knappheit ein bisschen lindern.

Wer nach Rom zieht, will meistens mittendrin leben. Das wissen die Hausbesitzer und Immobilienmakler - und nutzen die Sehnsucht der Ankömmlinge für ihr Geschäft.

(Foto: Gabriel Bouys/AFP)

Noch aber ist der Markt so klein, dass die Preise für Mietwohnungen, die man auf normalem Weg findet, übertrieben hoch sind - zumal im Zentrum, wo der Mietpreis pro Quadratmeter bei etwa 25 Euro liegt; 120 Quadratmeter kosten um die 3000 Euro. Alle Wohnungen sind dort überteuert, und oft auch noch dürftig ausgestattet. Da kann es vorkommen, dass einem auf Anfrage eine teure Wohnung gezeigt wird, in der die Leintücher der verstorbenen Inhaberin noch übers Bett gespannt sind. Alles stand noch so herum, wie es die Dame hinterlassen hatte, auch in der Küche. Und so roch es auch bei der Besichtigung.

Schier unbezahlbar sind Mietwohnungen mit Dachterrassen und Sicht auf die Schönheiten der Stadt, ganz egal, wie die Räumlichkeiten darunter aussehen. Man lebt dafür mittendrin. Einen Privatwagen sollte man dort aber eher nicht besitzen, außer natürlich, man kann sich auch einen Stellplatz dafür leisten: Der kostet im Centro storico von Rom schon mal so viel wie anderswo eine Kleinwohnung, bis zu 600 Euro monatlich. Hat man keinen, dreht man oftmals halbe Abende lang durchs Viertel auf der Suche nach einem halbwegs legalen Parkplatz. Darum sind die unmittelbar ans Zentrum grenzenden Viertel besonders beliebt, wo das Parken etwas einfacher ist: Prati etwa, hinter dem Vatikan; Monteverde oberhalb von Trastevere; oder Parioli, das schicke Viertel für die alta borghesia der Stadt, wo auch viele Botschaften stehen.

Beim Verhandeln sollte man wachsam sein, wobei die Makler meistens wachsamer sind - und dabei nicht selten charmant. Zentral ist dabei die Verhandlung über die Zahlungsgarantien, die der Vermieter einfordert. Ein Mietdepot von einem oder zwei Monaten, wie das in anderen europäischen Großstädten üblich ist, reicht in Rom den wenigsten Hausbesitzern. Oft werden sogenannte fideiussione bancaria verlangt, Bankbürgschaften für vier, fünf oder gar sechs Monatsmieten.

Der "Portiere" ist sein Geld wert. Er weiß fast alles, kennt alle guten Adressen und allen Klatsch

Die italienischen Banken sind ganz froh darüber und lassen sich diese Bürgschaften mit Zinsen von zwei bis vier Prozent der Gesamtsumme vergüten - für jedes Vertragsjahr, vom Mieter natürlich. Risiko nehmen sie dafür aber keines in Kauf: Sie bürgen nur für das Geld, das die Kunden bei ihnen hinterlegt haben und blockieren es da. Das Prozedere kann wochenlang dauern.

SZ-Serie, Folge 15: Rom

Hinzu kommen die Provisionen für den Makler. Die teuren Agenturen nehmen zweieinhalb Monatsmieten und setzen dafür den Vertrag auf, besorgen die Neuanmeldung für Gas und Strom, Kosten, die in Rom stattlich ins Geld gehen wie übrigens auch die Abfallsteuer und die Hausverwaltung, das condominio. Letzteres kostet etwas mehr, wenn unten am Eingang ein Portier sitzt. Der "Portiere" aber ist sein Geld meistens wert. Er wacht nicht nur über den Palazzo, er nimmt auch die Postpakete entgegen, wenn man nicht daheim ist, kennt die verlässlichen Handwerker, und er weiß auch sonst alles, alle guten Adressen und allen Klatsch.

Dem Makler sollte man sagen, er möge dafür sorgen, dass die Wohnung einigermaßen sauber ist am Tag des Einzugs. Das gehört in Rom nicht zum Standard, außer man hat Glück. Es kann auch vorkommen, dass noch alte Möbel in der Wohnung herumstehen, wenn man schon mit 41 Kubikmeter eigener Ware vor der Tür steht. Man sollte auch nicht davon ausgehen, dass einfach alles funktioniert. Das tut es selten. Man sollte, für die eigene Seelenruhe, sich im Gegenteil an allen Dingen erfreuen, die funktionieren - an jeder intakten Steckdose, an jedem dichten Fenster. Auch bei Mieten in der höheren Preisklasse. Bei Beanstandungen lässt einen der Vermieter dann gerne wissen, man möge sich (und ihn) doch bitte nicht mit solchen Bagatellen aufhalten, jetzt, da man im Zentrum Roms wohne, mittendrin in der Wiege von allem. Ach, Rom.

Die SZ berichtet in dieser Serie in loser Folge über den Wohnungsmarkt in den wichtigen Metropolen der Welt. Bisher erschienen: Madrid (23. 10.), Peking (30. 10.), Rio de Janeiro (6. 11.), Sydney (13. 11.), London (20. 11.), Tokio (27. 11.), Wien (11. 12.), Goma (2./3. 1.), Tel Aviv (8. 1.), Paris (15. 1.), Brüssel (22. 1.), New York (29. 1.), Vancouver (5. 2.) und Zürich (12. 2.).