Wikileaks-Veröffentlichungen Die Angst der Wall Street

Amerikas Bankenbranche ist in Aufruhr - weil Wikileaks-Gründer Julian Assange Einblicke in ein "Ökosystem der Korruption" ankündigt. Wie sich das größte Finanzinstitut der USA gegen die Enthüllungen wappnet.

Von Moritz Koch

Es gab Zeiten, da waren Geheimdienste Behörden und Spione Staatsdiener. Doch viele Großunternehmen sind heute mächtiger als mancher Staat, und so verwundert es kaum, dass die hohe Kunst des Auskundschaftens längst auch in Konzernzentralen praktiziert wird. Vermutete das Management die Spitzel bisher im Dienst von Konkurrenten, ist in Wikileaks eine neue Bedrohung erwachsen. Die Spionageplattform im Internet kündigte unlängst an, die Betriebsgeheimnisse einer großen US-Bank zu verraten. Einblicke in ein "Ökosystem der Korruption" stellte Wikileaks-Chef Julian Assange in Aussicht - und versetzte die Wall Street in Aufruhr.

Vor allem die Bank of America sieht sich in großer Gefahr. Die vagen Drohungen von Assange reichten aus, um dem Aktienkurs in den vergangenen Wochen stark zuzusetzen. Inzwischen hat das Institut reagiert und einen Stab zur Spionageabwehr zusammengestellt. Der Abschirmdienst soll Informationslecks aufspüren und die hausinterne Kommunikation auf brisante Inhalte durchforsten.

Wie die New York Times berichtet, lässt sich Bankchef Brian Moynihan persönlich über die Ergebnisse der Fahnder unterrichten, die vom obersten Risiko-Manager Bruce Thompson angeführt werden. Außerdem hat Moynihan die Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton angeheuert, um den Schutz vor Hackern und Datendieben zu verbessern.

Natürlich könnte Assange auch geblufft haben, etwa um von dem Vergewaltigungsprozess abzulenken, der in Schweden gegen ihn vorbereitet wird. Und selbst wenn Wikileaks tatsächlich im Besitz kompromittierender Daten ist, müssen diese nicht unbedingt von der Bank of America stammen. An der Wall Street gibt es noch andere Banken, die sich mit Bonuszahlungen, Staatshilfen, Bilanztricks und krummen Wertpapiergeschäften ins Zwielicht manövriert haben.

Doch offenbar fühlt sich kein anderes Institut so verwundbar wie die Bank of America. Dafür gibt es Gründe. Assange prahlte schon Ende 2009 damit, die Festplatte eines führenden Managers der Bank of America in Händen zu haben. Zudem steht außer Frage, dass der größte Geldkonzern der USA ein lohnendes Ziel abgibt. Im Herbst 2008 übernahm die Bank of America die kurz vor der Zahlungsunfähigkeit stehende Investmentbank Merrill Lynch zu einem völlig überhöhten Preis. Kurz darauf musste die Bank of America massive Staatshilfe in Anspruch nehmen. Den Pleitebankern von Merrill zahlte sie dennoch Erfolgsprämien in Höhe von 3,6 Milliarden Dollar. Seither ist die Bank of America zum Symbol für Missmanagement geworden.

Ein besonderer Weg

Vielleicht wird sich Moynihan damit trösten können, dass sein Institut nicht das erste Wikileaks-Opfer aus der Hochfinanz wäre. Vor Jahren schon veröffentlichte das Enthüllungsarchiv Materialien der Schweizer Privatbank Julius Bär, die zeigten, wie das Institut das Geld reicher Kunden in Steueroasen versteckte. Julius Bär verklagte Wikileaks wegen der Veröffentlichung gestohlener Daten - und ließ die Klage im März 2008 fallen.

Juristisch ist Wikileaks offenbar kaum beizukommen. Einige Rechtsexperten empfehlen Unternehmen daher, von sich aus auf volle Transparenz zu setzen. Die Bank of America allerdings scheint sich vorerst für einen anderen Weg entschieden zu haben. Sie hat sich Internetadressen gesichert, die für Schmierkampagnen in Frage kommen. BrianMoynihanSucks.com ist nun Teil des Firmenvermögens - eher eine Verzweiflungstat als gute Spionageabwehr.