Börsenausblick Neues Börsenjahr, neue Gefahren

Helle Aufregung bei Börsenhändlern in Chicago. Die amerikanische Notenbank hat eben die erste Zinserhöhung seit 2008 bekannt gegeben.

(Foto: Tannen Maury/dpa)

2015 war für Anleger schon turbulent, 2016 dürfte kaum besser werden. Die fünf größten Risiken an den Börsen.

Von Harald Freiberger und Jan Willmroth

Vieles in der Welt ist unsicherer geworden im zu Ende gehenden Jahr, und das nicht allein wegen neuer Kriege oder der Terroranschläge in Europa. Die Notenbanken waren im siebten Jahr der Nullzinspolitik wieder der bestimmende Faktor an den Finanzmärkten, flankiert vom Preisverfall der Rohstoffpreise und dessen Folgen für viele Länder, die von deren Export leben. Im Frühjahr gab es einen Crash bei Anleihen, im Sommer brachen die Aktienkurse ein. Die Aussichten für Anleger, Rendite zu machen, sind nicht unbedingt gestiegen - wohl aber die Risiken, die sie beim Investieren eingehen müssen. Das sind die fünf größten Gefahren für die Kapitalmärkte im neuen Jahr.

Politische Krisen

Zuletzt blieben regionale Krisen und geopolitische Spannungen ohne größere Folgen für die Kapitalmärkte. Weder hat die Ukraine-Krise flächendeckend für Unsicherheit gesorgt noch die Konflikte in Syrien und den Nachbarländern. Das könnte sich ändern: "Die vom billigen Geld betäubten Märkte haben lange eine zunehmend gefährliche Welt ignoriert", schreibt die weltweit größte Vermögensverwaltung Blackrock in ihrem Kapitalmarktausblick. Besonders die Terrorgefahr könnte für größere Turbulenzen an den Kapitalmärkten sorgen. "Der Terror durch den IS stellt ein beträchtliches Risiko für die globale Wirtschaft dar", sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. Komme es wider Erwarten regelmäßig zu Terrorakten, führe dies zu massiver Unsicherheit, die Konsum und Investitionen auf Dauer belasten würden. Auch besteht die Gefahr, dass der weltweite Handel darunter leidet. Die Globalisierung, die das Wachstum der Weltwirtschaft in den vergangenen zwei Jahrzehnten angetrieben hat, könnte zurückgedreht werden.

Hinzu kommen die politischen Risiken in der EU. Die Flüchtlingskrise habe sich als Belastungstest für die Union erwiesen, und das anstehende Referendum in Großbritannien über den Verbleib in der EU könnte für stärker schwankende Märkte sorgen, schreibt Blackrock. Robert Halver, Kapitalmarkt-Stratege der Baader Bank, hält "die Eurosklerose auf Jahre hinaus" für das größte Marktrisiko.

Schwache Schwellenländer

Im vergangenen Sommer sorgten Verwerfungen in China weltweit für Turbulenzen auf den Aktienmärkten. Die Gefahr ist nicht gebannt. "Ich halte China derzeit für das größte Risiko für die Weltwirtschaft", sagt Commerzbank-Chefvolkswirt Krämer. Die Staatsunternehmen seien hoch verschuldet, vor allem in der Bau-, Immobilien-, Bergbau- und Versorgerbranche. Zudem gebe es Überkapazitäten, sodass die Absatzpreise fallen. Wenn Chinas Wirtschaft schwächelt, werden die Industrienationen angesteckt. In Deutschland exportieren etwa die Automobil- und Maschinenbaukonzerne einen merklichen Anteil ihres Geschäfts in das Reich der Mitte.

Warum billiges Öl politischer Sprengstoff ist

Der Verbraucher freut sich über billige Energie und günstiges Benzin. Aber der sinkende Ölpreis hat gefährliche Folgen für Wirtschaft und Politik. Von Nikolaus Piper mehr ...

Noch stärker abhängig von China sind asiatische Schwellenländer wie Malaysia, Vietnam oder Indonesien. Lässt das Wachstum in China nach, kann es in Asien zum Flächenbrand kommen. Das mindert die Exportchancen der westlichen Industrienationen. Der Münchner Vermögensverwalter Jens Ehrhardt sieht die Lage in China allerdings nicht so pessimistisch: "Die Zentralbank kann den Zins noch senken, das Land hat hohe Geldreserven, vor der Staatsverschuldung muss man nicht so viel Angst haben", sagt er.

DZ-Bank-Chefvolkswirt Ulrich Kater geht davon aus, dass die US-Zinserhöhung die Schwellenländer empfindlich treffen kann, wenn sie dazu führt, dass der Dollar weiter steigt. "Die Länder haben 2016 etwa 100 Milliarden US-Dollar in harter Währung zu refinanzieren", sagt er. Das könne dort Finanzkrisen auslösen und in der Folge eine Konjunkturschwäche, die auf die Industrieländer ausstrahle. Auch viele Unternehmen in Schwellenländern hätten hohe Kredite aufgenommen, die durch steigende Zinsen und schwächere Währungen teurer würden; das erhöhe die Pleitegefahr für die Unternehmen. In der Folge könnten ihre Anleihen ausfallen, zum Schaden der Gläubiger. Kater spricht von einer möglichen "dritten Welle der Finanzkrise", die auf die Schwellenländer übergreifen würde, nachdem die USA und Europa sich bereits wieder erholt hätten.