Warteräume Ledersessel oder Sitzschale

"Bitte nehmen Sie noch einen Moment im Wartezimmer Platz", heißt es oft beim Arztbesuch. In schlecht organisierten Praxen oder wenn Notfälle dazwischen kommen, werden aus dem "Moment" oft Stunden. Gut, wenn dann die Atmosphäre stimmt.

(Foto: Imago)

Ob beim Arzt, im Arbeitsamt oder am Bahnhof: Patienten freuen sich über gut gestaltete Aufenthaltsräume. Selbst die Deutsche Bahn gestaltet ihre Wartesäle zu Lounges um.

Von Joachim Göres

Einfache Plastikstühle stehen in mehreren Reihen hintereinander. Eng an eng sitzen hier wartende Menschen. Einige dösen, andere lesen, manche schauen zur gerade angezeigten Nummer an der Wand. Die Wände sind kahl, vereinzelt Plakate mit Anweisungen, wie man sich an diesem Ort zu verhalten hat. Die Blicke wirken resigniert, niemand redet miteinander. So hat der Fotograf Paul Graham die Stimmung in britischen Sozial- und Arbeitsämtern im Jahr 1984 eingefangen. Seine Bilder sind bis zum 18. Juni in der Ausstellung "Warten" der Hamburger Kunsthalle zu sehen - verschiedene Künstler zeigen auf unterschiedliche Weise, welche Bedeutung das Warten hat: Kinder im osteuropäischen Moldau warten auf den jährlichen Besuch der im Westen arbeitenden Mutter. Obdachlose haben sich in eine lange Schlange vor der Essensausgabe eingereiht, in Erwartung einer kostenlosen warmen Suppe. Ein düster dreinblickender Mann steht hinter einer Fensterscheibe eines Hospizes - dort wartet er auf den Tod.

Wem der Weg zu der sehenswerten Ausstellung zu weit ist, der kann selber beobachten, wie sogenannte transitorische Räume gestaltet sind: im Wartezimmer beim Arzt, in der Wartezone am Flughafen, im Bushäuschen. Wie ihre Gestaltung die Stimmung beeinflussen kann, darüber haben sich Experten schon vor langer Zeit Gedanken gemacht. In der Fachzeitschrift Der Arbeitsnachweis in Deutschland finden sich in den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts folgende Anregungen: "Eben wegen dieser häufigen, aus der Arbeitslosigkeit entstandenen Verstimmung ist eine sorgfältig ausgewählte gediegene Freundlichkeit des Raumes besonders wichtig. Schönheit wirkt beruhigend und befriedigend, und je besser ein Warteraum ausgestattet ist, umso besser pflegen sich auch die Ungesitteten in ihm zu benehmen. Die Bilder ersparen geradezu den Hausknecht."

Exklusive Kunden werden am Empfang persönlich begrüßt

Wer heute eine der bundesweit 156 Agenturen für Arbeit betritt, wird in einem großen Raum vom sogenannten Kundenzentrum empfangen. Früher sollte der Arbeitslose möglichst schnell einmal quer durch das Gebäude auf dem Weg zur richtigen Abteilung gelotst werden, heute wird er gleich am Eingang abgefangen mit dem Ziel, die Kontakte zu den Mitarbeitern in den höheren Stockwerken auf ein Minimum zu reduzieren. "Vor Besuchen werden inzwischen grundsätzlich Termine vereinbart, deswegen ist weniger Warteraum als früher notwendig", sagt Paul Ebsen, Sprecher der Bundesagentur für Arbeit. Ein einheitliches Konzept für die Gestaltung gebe es nicht.

Die Einrichtung des Wartebereichs in der Agentur für Arbeit im niedersächsischen Celle dürfte sich dabei nicht sehr von der anderer Agenturen unterscheiden: Die leicht gerundeten grauen Sitzschalen befinden sich eng nebeneinander auf einem Metallgestell, man kann den Abstand nicht ändern. Die harten und kalten Flächen laden nicht zum längeren Verbleib ein. An den Wänden finden sich Plakate mit Informationen sowie eine Hausordnung: Es gilt ein Verbot für Waffen sowie Alkohol- und Tabakkonsum, Tiere sind verboten, für Interviews und Fotos ist eine Genehmigung nötig. "Wir sind stets um kurze Wartezeiten bemüht", heißt es an einer Stelle, an einer anderen: "Wir bitten Sie, Ihren Aufenthalt in unserem Gebäude nicht über den für die Erledigung Ihres Anliegens erforderlichen Zeitraum hinaus auszudehnen."

Ein Satz, der bei der Deutschen Bahn gegenüber ihren teuersten Kunden undenkbar wäre. Die DB spricht nicht mehr von Warteraum, sondern von Lounge. Hier können an 15 größeren Bahnhöfen Reisende der ersten Klasse und Vielfahrer die Zeit zwischen zwei Zügen verbringen, ohne Zeitbegrenzung. Am Empfang wird man persönlich begrüßt und zeigt zur Legitimation seine Fahrkarte vor. Schwere rote Ledersessel und -sofas bieten bequeme Sitzmöglichkeiten, in kleine Nischen kann man sich bei Bedarf zum Gespräch zurückziehen. Kostenlose Getränke an Selbstbedienungsautomaten und Tageszeitungen gehören zum Service. Am Hauptbahnhof Hamburg gibt es für die Besitzer der teuersten Fahrkarten zusätzlich einen "Comfort First"-Wartebereich, in dem die Ledersessel noch etwas breiter sind als im übrigen Erste-Klasse-"Comfort-Bereich" und kostenlose Speisen von DB-Mitarbeitern in Uniform an den Platz gebracht werden. Überall in der Lounge sollen Grünpflanzen an den Fenstern, ein dunkler Fußboden in Parkettoptik, viel indirekte Beleuchtung sowie großzügige Glasflächen, durch die viel Sonnenlicht einfallen kann, zu einer angenehmen Atmosphäre beitragen.

Wartesäle für die zweite Klasse gibt es heute kaum noch

"Durch die Digitalisierung hat sich das Warten stark verändert. Wir haben bei uns viele Geschäftsleute, die die Zeit bei uns zum Arbeiten am Notebook nutzen. Allerdings fehlen uns in der Lounge Steckdosen zum Beispiel zum Aufladen der Handys, auch ein Ausdrucken von Texten ist nicht möglich", sagt Susanne Dietz, Teamleiterin für die Lounges in den Bahnhöfen Hamburg, Hannover und Bremen. Derzeit wird im Bahnhof Nürnberg an der DB-Lounge der Zukunft gearbeitet. Die Fläche wird mehr als verdoppelt, aus 24 Plätzen werden 60. Es werden unterschiedliche Zonen eingeführt, in denen man sich je nach Bedarf lebhaft unterhalten oder die Ruhe genießen kann. Mehr Bildschirme an den Wänden, Steckdosen an jedem Platz, ein Teppich im Ruhebereich, große Naturbilder an den Wänden, große Ohrensessel, keine roten Möbel mehr, dafür mehr Natur- und Holztöne, Steharbeitsplätze, um den begrenzten Raum effektiver zu nutzen - so sieht nach Auskunft von Carsten Müller, Projektleiter Neue DB-Lounge, die Nürnberger Lounge nach ihrem Umbau aus. Sie soll im Sommer öffnen und als Vorbild für die Erneuerung der übrigen Lounges dienen.

Und was macht die Mehrheit der Normalreisenden in ihrer Wartezeit auf dem Bahnhof? Wartesäle für die zweite Klasse gibt es heute kaum noch. Nicht wenige Reisende nutzen die Räume der Bahnhofsmission, um abseits der Geschäftigkeit in den Wandelhallen und auf den Gleisen etwas Ruhe zu finden. In der Hamburger Bahnhofsmission stehen einfache Holzstühle an einigen Tischen. Manche vertreiben sich die Zeit mit Kaffeetrinken oder mit dem Smartphone. Am Eingang hängt ein Plakat, auf dem ein vermisster Obdachloser gesucht wird. Neben dem Eingang steht ein Spielhaus für Kinder. Der große Raum der Bahnhofsmission sieht renovierungsbedürftig aus. "Wir haben hier Feuchtigkeitsprobleme. Eigentümer ist die Bahn, und die hat hier schon länger nichts mehr gemacht", sagt Eva Lindemann, für die Öffentlichkeitsarbeit beim Verein Hamburger Stadtmission zuständig.

In welcher Umgebung und wie lange jemand warten muss, ist letztlich auch eine Frage des Status. "Kürzere Wartezeiten am Flughafen oder beim Arzt lassen sich durch Fast-Check-in oder Privatversicherung erkaufen", heißt es im Flyer zur Ausstellung der Hamburger Kunsthalle. Kurt Tucholsky schrieb bereits 1930: "Das deutsche Schicksal: vor einem Schalter zu stehen. Das deutsche Ideal: hinter einem Schalter zu sitzen."