Der US-Sicherheitsdienst umwirbt entlassene Wall-Street-Banker. Sie sollen helfen, die obskuren Mechanismen der Finanzwelt aufzudecken.
Der Akkord aus dem Synthesizer ist noch nicht verhallt, da hebt die Männerstimme an: "Wirtschafts-, Finanz- und Unternehmensprofis, wenn euch das Streben nach dem Reingewinn einfach nicht reicht: Die Central Intelligence Agency hat eine Aufgabe für euch wie keine andere. Bewegt etwas in eurer Karriere - zum Wohle der Nation."
Telefon an der New Yorker Börse: Spekulanten werden vom US-Geheimdienst angeworben. (© Foto: Reuters)
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Mit dieser Radiobotschaft, gezielt gesendet im Wirtschaftssender Bloomberg, wirbt der US-Geheimdienst um die Gunst der Wall Street. Während die Bundespolizei FBI gegen Finanzfirmen ermittelt, interessiert sich die CIA für deren Personal. Ausgerechnet Manhattans in Ungnade gefallenen Finanzjongleure werden gebeten, an der "ersten Verteidigungslinie der Nation" (so die CIA über sich) zu dienen.
Die Krise als Chance
Nichts als Schimpf und Schande haben Banker und Broker in den vergangenen Wochen erfahren. Selbstsüchtig, dekadent, gar parasitär hat man sie genannt. Auf der Straße wurden sie angeschrien, am Telefon bedroht. Auch wenn sich der Volkszorn über den jähen wirtschaftlichen Absturz und die horrenden Bonuszahlungen von Pleitebanken etwas gelegt hat: Die Finanzelite steht weiter unter Generalverdacht.
Doch die CIA hält sich mit Schuldzuweisungen nicht auf. Sie betrachtet die Krise als Chance, um die klügsten Köpfe für die Spionage zu gewinnen. Wahrscheinlich ist das Reservoir an Hochqualifizierten so groß wie nie zuvor. In den vergangenen Monaten haben an der Wall Street Zehntausende Finanzangestellte ihre Jobs verloren. Viele der Gefeuerten haben Abschlüsse der besten Universitäten, Auslandserfahrung und Fremdsprachenkenntnisse.
Einblicke in die Hochfinanz
Vor allem aber haben diese Leute Einblicke in die obskuren Mechanismen der Hochfinanz, die für die CIA zunehmend wichtig werden. Die Zeiten, in denen sich der Geheimdienst hauptsächlich über die Nuklearprogramme von Schurkenstaaten, revolutionäre Umtriebe in Lateinamerika und islamistische Terrorcamps sorgte, sind vorbei. Heute schickt die CIA täglich eine ökonomische Lageeinschätzung ins Weiße Haus. Die USA sehen durch die Weltrezession ihre nationalen Sicherheitsinteressen bedroht. Befreundete Regierungen könnten durch Massendemonstrationen zu Fall gebracht und amerikanisches Eigentum im Ausland beschlagnahmt werden. Auch der Kampf gegen den Terror erfordert finanzielles Fachwissen. Die US-Spione wollen den Geldgebern von Taliban und al-Qaida auf die Spur kommen.
Einige hundert Bewerbungen aus der Wall Street hat die CIA schon erhalten. Am Montag finden erste Auswahlgespräche statt, wie es sich für einen Geheimdienst gehört, an unbekanntem Ort. Dass Bundesbehörden den Talentpool der Wall Street anzapfen, ist nicht neu. Sogar Spitzenpolitiker haben zuvor als Investmentbanker Karriere gemacht. Doch die Krise lässt die Verflechtung von New York und Washington verdächtig erscheinen. Nicht nur Verschwörungstheoretiker, auch der frühere Chefökonom des Weltwährungsfonds, Simon Johnson, warnt: Wirtschaftsoligarchen haben die politische Macht an sich gerissen, Regulierung verhindert und so den Nährboden für Spekulationsblasen gelegt.
Eine gelassenere Sicht verbreitet der Komiker Argus Hamilton. "Die CIA stellt Investmentbanker und Hedgefondsmanager ein", schreibt er in einer Kolumne. "Sie sollen herausfinden, wo afghanische Drogenschmuggler ihr Geld geparkt haben. Das macht doch Sinn: Wer sollte besser wissen, wo das Geld ist, als die Leute, die den Schmugglern geholfen haben, es zu verstecken?"
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(SZ vom 20.06.2009/tob)
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