Weg vom Schweigen, hin zum Volk: Zum ersten Mal in der Geschichte der US-Notenbank Fed stellt sich der Chef einer Bürgerfragestunde. Ben Bernanke muss kämpfen für eine zweite Amtszeit.
Einer will wissen, warum die Notenbank große Finanzkonzerne rettet und den Mittelstand hängen lässt. Ben Bernanke hat die Hände im Schoß gefaltet und sitzt vor einer hohen Fensterwand, neben ihm ein Kaffeebecher und Moderator Jim Lehrer. Es ist die erste Bürgerfragestunde in der Geschichte der Federal Reserve.
"Es widert mich an." Ben Bernanke schießt bei der ersten Bürgerfragestunde der Fed hart gegen Unternehmen, "die wilde Wetten eingegangen waren". Er muss seine Worte anders wählen als sonst - denn der Fed-Chef ist im Wahlkampf. (© Foto: AP)
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Am Sonntag wurde sie in Kansas aufgezeichnet, am Montagabend im Fernsehen ausgestrahlt. Bernanke wägt seine Worte nicht erst lange ab. "Es widert mich genauso an, wie es sie anwidert," antwortet er. "Nichts macht mich wütender als die Notwendigkeit zu intervenieren, insbesondere in den Fällen, in denen Unternehmen wilde Wetten eingegangen waren."
Der Revolutionär der Fed
Mit den beispiellosen Markteingriffen der vergangenen Jahre hat Bernanke die Politik der Fed revolutioniert, er hat die Leitzinsen auf Null gesenkt und Rekordmengen von Geld in die Wirtschaft gepumpt.
Nun stellt er auch noch die Öffentlichkeitsarbeit der einst für ihre Verschwiegenheit berüchtigten Institution auf den Kopf. Man kann es auch sagen: Bernanke macht Wahlkampf.
Seit Anfang vergangener Woche ist er in eigener Sache unterwegs. Ein langes Interview im Fernsehkanal CBS machte den Anfang. Bernanke führte die Zuschauer durch seinen Heimatort Dillon in South Carolina, wie es sonst nur Politiker tun, die ihre Volksverbundenheit beweisen wollen.
Es folgten Meinungsbeiträge in Tageszeitungen, in denen er seine Politik erläuterte, und Auftritte vor dem Kongress, in denen er beschrieb, wie die Fed zur Normalität zurückkehren und Inflation verhindern will.
Obama entscheidet über seine Zukunft
Bernanke kämpft um seinen Job. 2006 wurde der Princeton-Professor, dessen Spezialgebiet die Große Depression ist, von dem damaligen Präsidenten George W. Bush ins Amt gehoben. Innerhalb der kommenden Monate muss Bushs Nachfolger Barack Obama entscheiden, ob er Bernanke eine zweite Amtszeit gewährt.
Andernfalls ist für Bernanke im Januar 2010 Schluss. Die Vorbehalte gegen Bernanke sind groß, obwohl er von Experten, darunter der mäkelige Nouriel Roubini, für sein Krisenmanagement gelobt wird. Doch viele Amerikaner haben das Vertrauen in ihre Notenbank verloren.
Je nach politischer Färbung glauben sie entweder, dass die Fed mit den Großbanken im Bunde stünde und Bernanke nur seinen Kumpels von der Wall Street helfe, oder dass die Fed die Marktwirtschaft abschaffen wolle und Bernanke im Gleichschritt mit Obama das Land in den Sozialismus führe.
Das Ende der Unabhängigkeit
Die Politiker haben die Stimmung im Volk längst erkannt. Mehr als 250 Kongressabgeordnete wollen die Fed einer schärferen Kontrolle unterwerfen. Das, warnt Bernanke, wäre das Ende der Unabhängigkeit der Zentralbank.
Auch die Regierung und Bernanke haben Differenzen. Der Fed-Chef lehnt eine von Obama geplante Behörde ab, die Finanzprodukte auf ihre Verbraucherfreundlichkeit testen soll. Die Regierung kritisiert: In den Jahren vor der Krise habe die Fed kaum etwas gegen die zwielichtigen Praktiken auf dem amerikanischen Immobilienmarkt unternommen, auch nicht unter Bernankes Regie.
(SZ vom 28.07.2009/kfa/tob)
Eurovision Song Contest
Jeder weiß, dass Prof. Dr. Bernanke bei bescheidener Beamtenentlohnung Übermenschliches und Einmaliges vollbrachte, um das Land vor der Katastrophe zu bewahren. Ob er sich momentan um Erneuerung seiner Beamtung bemüht oder nicht, ist letzten Endes belanglos, denn alles hängt allein von Obama ab.
Obama befindet sich jedoch in der Zwickmühle, denn draußen im Vorzimmer wartet Lawrence Summers, einst US-Finanzminister, dann Präsident der Harvard-Universität, der seit langem auf den noch von Bush Herrn Bernanke anvertrauten Fed-Job hofft. Obama verlieh Summers zwar im Januar als Trostpreis den Titel "Assistent des Präsidenten für Wirtschaftspolitik" und machte ihn zum Direktor des Nationalen Wirtschaftsrats, aber er pocht noch immer auf den Fed-Job.
Die "Fed" muss mittelfristig abgeschafft werden. Ihre Existenz erzeugt die absurde Lage, dass sich der angeblich souveräne Staat bei einer privaten Bank (denn nichts anderes ist die "Fed") Geld leiht, das diese nach Belieben selbst druckt und bezinst.
Zudem muß Schluss damit sein, dass jeder, der es wagt, Herrn Bernanke (oder seinen Vorgänger Greenspan) nicht nur hinter vorgehaltener Hand zu kritisieren, als Antisemit hingestellt wird. Vieles an der Kritik an diesen Personen war und ist berechtigt, sie haben durch ihre Finanzpolitik, die letztlich den Marktkradikalen das Wort geredet hat, großen Anteil an der jetzigen Situation.
Vieles konnte nur entstehen, weil es Personen und Institutionen gab und gibt, an denen Kritik nicht "gestattet" war. Herr Bernanke sollte keinen "Wahlkampf" machen, sondern zurücktreten und den Weg für einen Neuanfang freimachen. Es könnte ja auch zur Abwechslung mal ein Christ, ein Moslem oder ein Buddhist den Job machen ... auch wenn ich nciht viel Hoffnung habe, dass dann mehr rauskommt, der Laden gehört einfach dichtgemacht.