"Ich will unsere Gesellschaft von Grund auf ändern"
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Ihren Personalausweis hat jemand anders bezahlt, ihr Handy wird mit Prepaid-Karten aufgeladen; diese bekommt sie statt eines Honorars für ihre Vorträge, die sie regelmäßig hält. Bei der Postbank hat sie ein Sparbuch für ihre Einkünfte aus ihrem Buch "Das Sterntalerexperiment", das sie über ihr neues Leben geschrieben hat. "Ich habe so viel verdient, dass ich daran gedacht habe, doch noch reich zu werden, um alles an Arme verschenken zu können, aber das wäre nur ein Tropfen auf den heißen Stein gewesen. Ich will unsere Gesellschaft von Grund auf ändern", sagt Schwermer.
So hat sie ihre Tantieme an Bedürftige verteilt und setzt auf ihre Utopie: "Einfach das Geld abzuschaffen, das würde Mord und Totschlag bedeuten, aber ich möchte, dass die Menschen nicht mehr abrechnen, sondern teilen. Dafür muss jeder lernen, wer er ist, was er braucht, wo er steht und wohin er will".
Schwermer ist überzeugt, dass alles wie bei der wundersamen Fischvermehrung in der Bibel funktionieren könnte. Dabei klaubt sie Gedanken aus allen Religionen zusammen, ist spirituell und glaubt an Wunder: "Wenn ich etwas brauche, bekomme ich es auch." Obdachlosen und Sozialhilfeempfängern kann sie damit nicht kommen. "Die denken, ich mache mich über sie lustig", sagt sie.
Bis vor einem Jahr wurde Heidemarie Schwermer wie eine Außerirdische in Talkshows ausgestellt. Das ist heute vorbei. Heidemarie Schwermer hat sich eine Auszeit genommen.
Keine Angst vor dem Alter
An ihrem Lebensstil hat sie zwar nichts geändert, aber sie hat Angst, nicht mehr authentisch zu wirken und gibt deswegen kaum noch Interviews. Sie hat nämlich ihre Rente beantragt - um sie zu verschenken - und ist wieder in die Krankenversicherung eingetreten.
Seit dem 1. April 2007 gilt die Rückkehrpflicht. "Ich war aber schon seit 20 Jahren nicht mehr beim Arzt. Ich vertraue auf meine Selbstheilungskräfte", sagt sie. Auch das habe sie gelernt: "Als ich nicht mehr in der Krankenkasse war, musste ich darauf achten, wie ich mit mir umgehe. Ich esse nicht jeden Mist, ich schaue auf meine Gefühle und haushalte mit meinen Kräften". Krank sei sie deswegen schon lange nicht mehr gewesen. Das Alter mache ihr auch keine Angst.
In ihrer kompromisslosen Haltung erinnern manche der "kulturell Kreativen" an die Bettlerorden im Mittelalter. Andere schrammen haarscharf am Gedankengut kommunistischer und anarchistischer Ideologen vorbei.
Schwermers Freundin Olga Hoch, die in Heitersheim ein sogenanntes "offenes Haus" unterhält, in dem fremde Besucher kostenlos übernachten dürfen, betrachtet beispielsweise Mieten als "Schutzgelder für Möbel" und spricht von einer "Revolution im Geiste", die auf vollen Touren laufe.
Die Suche nach alternativen Lebensmodellen funktioniert aber auch weniger martialisch. Hoch ist Mitglied im Hospitality Club, dessen Mitglieder über die ganze Welt verteilt sind. Das Prinzip ist einfach: Jeder, der ein freies Bett im Haus hat, stellt das kostenlos Reisenden zur Verfügung.
Das ist absolute Freiheit für Olga Hoch. "Ich bin willkommen, egal wohin ich komme", schwärmt Hoch, und Heidemarie Schwermer nickt. "Das Leben wird so leicht", sagt sie, "es ist phantastisch."
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(SZ vom 23.07.2008/jpm)
65. Filmfestspiele Cannes
es geht nicht um eine Welt ohne Geld, sondern um eine gerechte Verteilung und einen maßvollen Verbrauch der Resourcen. Wenn sich die Finanzkrise weiter ausbreitet, werden wieder die-Gürtel-enger-schnallen Parolen verbreitet werden. In diesem Wirtschaftssystem kann man nicht einfach weniger verbrauchen, ohne eine Krise zu verursachen. Wir leben als Exportweltmeister schon jetzt weit unter unseren Verhältnissen. Wir verbrauchen zu wenig, dadurch stagniert die Binnenwirtschaft von der immer noch 2/3 der Arbeitsplätze abhängen. Hauptgrund sind die geringen Lohnsteigerungen und der Niedriglohnsektor. Frau Schwermer könnte bald zum Normalfall werden. Ein bedingungsloses Grundeinkommen würde auch die Binnenkonjunktur ankurbeln. Die Grund-Bezieher müssen fast alles, was sie bekommen auch ausgeben. Arbeitnehmer und Rentner sind eben nicht nur Kostenfaktoren sondern auch Käufer, Autos kaufen keine Autos.
Leben ganz ohne Geld wäre mir (heute noch) etwas zu radikal, aber ein erster Schritt zu einem gegenseitigen Geben und Nehmen wäre die Idee mit den kommunizierenden Röhren. Man müßte die Geldkonten zu einem System kommunizierender Röhren zusammenfassen und so würde es einen kontinuierlichen Ausgleich geben.
Beschrieben zB bei giregio de
s. die Präsentation
"Sie wollen ihre Empörung über die ungerechte Welt unterbringen und dabei ist jeder(!?) recht. Sie betreiben unangemessene Wortklauberei.""Daher entschuldigen Sie, Ihnen geht darum ihren(!?) Ärger und ihre Ansichten unter das Volk zu bringen, aber nicht um die Ehre und Würde armer Menschen, sonst hätten sie weitaus konstruktiver diskutiert"
Hört, hört! Da scheint sich jemand als Hobby-Psychoanalytiker inszenieren zu wollen. Mich als Sündenbockjäger zu stilisieren ist witzig (ich musste tatsächlich schmunzeln), allerdings ist ihnen meine Persönlichkeitsanalyse nur un-zureichend gelungen. Ich mache soweit ich das für mich erkenne, hier keinen Menschen für ein Gesellschaftssystem verantwortlich, das sowohl Armut als auch Luxus erschafft. Ich will lediglich darauf aufmerksam machen, dass mit Begriffen wie "coole Armut" oder "kulturell Kreativen" hantiert wird, als gäbe es keinen Zusammenhang zwischen real-existierenden wirtschaftlichen Entwicklungen, den entsprechenden gesellschaftlichen Konsequenzen, wie z.B. ARMUT. Wenn in der aktuellen wirtschaftlichen Phase -bei der z.B. den US-Mittelschichten ihr Haus hopps geht und jene vor einem Schuldenberg sitzen- von Kreativität und cooler Armut gesprochen wird, so denke ich, dass die mir -von Ihnen- attestierte "künstliche Aufregung" vollkommen legitim ist.
Schlussendlich will ich hier auch noch lobend anmerken, dass Sie sicherlich heute schon ein weit aus besserer/heiligerer Mensch sind als ich es je werden kann, da sie bereits heute gütlich Verzicht üben, zum Wohl der Menschheit. Doch sollte Sie -wenn wir uns hier schon persönlich analysieren wollen- ihre Denk-Genügsamkeit- nicht allen Menschen aufoktruieren, auch wenn durch ihren Verzicht tatsächlich mehr für andere übrig bleiben sollte.
Zur Versöhnung will ich ihr Statement zur Rettung der Welt noch einmal hervorheben: "Diese Menschen suchen Wegen nicht die eigene Gier zu zähmen" natürlich ist dies der einzig wahre Weg ist und nicht so destruktiv ist wie meine persönliche vollkommen irre Sündenbockjagd.. Mit freundlichen Grüssen, ihre Patient.
@Griondelle
danke für die Präzisierung der Angaben, im Kern ging es darum, daß das bedingslose Grundeinkommen keineswegs eine Phantasiegeburt von Leuten ist, die nicht rechnen können. Die Finanzierung ist wahrscheinlich nicht einmal das Hauptproblem. Eher ist es die Macht der Konzerne, die die Existenzangst als Peitsche für ein Heer billiger Arbeitskräfte missbrauchen. Die Endausbeutung von Mensch und Natur verhindert nachhaltiges Wirtschaften.
@PreisingK
ich stimme Ihrem Beitrag voll zu, ein weiteres ideologisches Hindernis ist die irrige Vorstellung, dass mit einem Grundeinkommen niemand mehr arbeitet und daher alles zusammenbricht.
@PreisingK
Das bedingungslose Grundeinkommen wäre allenfalls in Anlehnung an den Vorschlag von Dieter Althaus im Kostenrahmen der bisherigen Sozialtransfers zu finanzieren. Nach diesem Modell sollen Erwachsene 800,00 Euro monatlich und Kinder 500,00 Euro monatlich erhalten. Davon wird dann aber jeweils noch eine Kopfpauschale von 200,00 Euro für die Krankenversicherung abgezogen. Bereits zusätzliche Leistungen für Kosten der Unterkunft würden den obigen Kostenrahmen sprengen. Um dieses Modell ohne erhebliche Mehrkosten umzusetzen müssten zudem alle Renten und ALG-I-Ansprüche, die das Grundeinkommen übersteigen, auf dessen Niveau heruntergekürzt werden, oder die Kosten würden gegenüber dem jetzigen System steigen. Das wäre aber weder politisch durchsetzbar noch, zumindest bezüglich der Renten, mit dem GG vereinbar. Deshalb will Althaus auch zusätzliche Renten zahlen, aber das führt eben zu entsprechenden Zusatzausgaben.
@chomski 11:16 Uhr
Ich nehme an Sie beziehen sich mit den 8 Mio. Menschen, die Transferleistungen erhalten, überwiegend auf Bezieher von SGB-II-Leistungen. Dabei müssen Sie aber sehen, dass in diesem Rahmen nur Alleinstehende in einer Stadt mit recht hohen Mieten 750,00 Euro pro Kopf erhalten können, wenn sie kein anrechenbares Einkommen haben. Bei einem Mehrpersonenhaushalt liegt die Summe pro Kopf deutlich niedriger, noch mehr gilt dies natürlich dann, wenn zwar ein Verdienst vorhanden ist, dieser aber nicht ausreicht und daher nach dem SGB II aufgestockt wird.
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