Versicherungsschutz Billig nur für Schlanke

Könnte teuer werden: Wer gefährliche Hobbys betreibt, wie dieser Basejumper in Kuala Lumpur, zahlt mehr für seine Risikolebensversicherung.

Dicksein kostet 2,36 Euro extra, Rauchen 10,21 Euro. Anbieter von Risikolebensversicherungen wollen immer mehr über ihre Kunden wissen - und ziehen so Rückschlüsse auf deren Lebenserwartung. Verbraucherschützern geht das zu weit.

Von Anna Gentrup

Raucher oder Nichtraucher, dick oder dünn, Single oder Familienvater - wer eine Risikolebensversicherung abschließen will, muss den Anbietern immer mehr private Details offenlegen. Versicherer schwärmen, dass so eine individuellere Preisfindung möglich ist. Verbraucherschützer kritisieren gerade das: Die Beiträge verschiedener Kunden klaffen immer weiter auseinander - und nicht jeder Lebensumstand wirkt sich tatsächlich auf die Wahrscheinlichkeit eines frühen Todes aus.

Die vergleichsweise billigen Risikolebenspolicen sichern Hinterbliebenen eine einmalige Zahlung zu, falls der Versicherte während der Vertragslaufzeit stirbt. Das kann Angehörige vor finanziellen Krisen bewahren und Geschäftspartner - vor allem Banken bei Haus- oder Wohnungskäufern - vor Ausfall schützen. Auch kapitalbildende Policen, bei denen der Kunde Geld anspart, bieten einen Risikoschutz. Das Gesamtpaket ist aber wegen des Sparelements deutlich teurer - oder der Risikoschutz viel zu klein.

Das Geschäft der Versicherer läuft gut, wenn sie von Kunden, die ein höheres Todesfallrisiko haben, höhere Beiträge kassieren können. Wirklich günstige Angebote erhalten nur schlanke, junge und gesunde Nichtraucher mit wenig riskanten Hobbys. Verbraucherschützer Michael Wortberg von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz vermutet dahinter Kalkül: "Über günstige Beiträge locken Versicherer Kunden mit wenig Risiko. Die anderen schrecken sie ab."

Besonders Raucher müssen deutlich mehr zahlen. Bei der Deutschen Lebensversicherungs-AG, einer Tochterfirma der Allianz, bedeutet das einen Preisaufschlag von 230 Prozent.

Motorradfahren und Rauchen kostet extra

Auch andere Risiken kosten extra: Die Generali-Tochter Cosmos Direkt bietet dem 34-jährigen Kunden eine Basis-Risikolebensversicherung über 150 000 Euro für 7,85 Euro im Monat an - wenn der Kunde risikoarm lebt.

Gehört er zu einer oder mehreren "Gefahrengruppen" werden Zusatzbeiträge fällig. Fährt der Kunde Motorrad, kommen 1,57 Euro im Monat hinzu. Rauchen kostet 10,21 Euro extra. Gleitschirmfliegern berechnet die Cosmos Direkt weitere 4,72 Euro, und bei starkem Übergewicht wird ein Aufschlag von 2,36 Euro fällig. So kann die Summe auf bis 26,71 Euro im Monat steigen.

Andere Versicherer gehen noch weiter: Sie ziehen seit einiger Zeit auch aus dem Familienstand Rückschlüsse auf das Sterblichkeitsrisiko. So soll das Risiko des Kunden sinken, wenn Kinder im Haushalt leben. Die Allianz schaut beim Beruf genau hin und misst selbst Büroangestellten unterschiedliche Risiken bei: Dass Akademiker und kaufmännisch Ausgebildete vorzeitig sterben gilt als weniger wahrscheinlich als der frühe Tod ihrer geringer qualifizierten Schreibtischnachbarn.

Verbraucherschützer Wortberg geht das zu weit. "Nur das Kundenalter, die Vertragslaufzeit und die Versicherungssumme sollten die Beitragshöhe beeinflussen", sagt er. Wortberg fordert mehr Solidarität. "Versicherte sitzen alle in einem Boot. Nur wenn sich alle die Kosten teilen, kann sich jeder den Schutz leisten."

Bei allem Aufwand bleibt die Risikobewertung eine Momentaufnahme. Nach Vertragsschluss muss sich der Kunde meist nur melden, falls er das Rauchen anfängt. Die Anbieter interessiert nicht, ob ein junger Versicherter mit Bürojob und Familie später übergewichtig, arbeitslos und alkoholabhängig wird. Er gilt weiterhin als risikoarm und zahlt günstigere Beiträge.

Hilfreich bei der Suche nach einer passenden Police sind Online-Vergleichsportale oder Anfragen bei Vermittlern. Wichtig ist, eine ausreichende Summe einzuplanen. "Das Geld muss Hinterbliebene vier Jahre absichern. So lange braucht eine Familie etwa, um ihre finanzielle Lage zu ordnen", sagt Verbraucherschützer Wortberg.

"Wer die Partnerin und ein Kleinkind absichern möchte, sollte das Vierfache seines Nettojahresgehaltes veranschlagen." Bei einem zehnjährigen Kind könnte das Dreifache reichen, ist das Kind in der Ausbildung, vielleicht schon das zweifache Gehalt. "Das sind grobe Richtwerte. Wer einen Kredit zurückzahlen muss, wird damit keinesfalls auskommen."

Von verbundenen Versicherungen rät Wortberg Eltern ab. Sie sichern mehrere Personen ab und sind günstiger als zwei separate Policen. "Falls beide Elternteile sterben, zahlt der Versicherer nur einmal", sagt Wortberg. Die Police müsste eine hohe Summe abdecken und wäre damit nicht mehr günstiger als einzelne Verträge.

Familiengründer sollten auf eine Nachversicherungsgarantie achten. Damit können sie bei einer Heirat oder der Geburt eines Kindes die Versicherungssumme erhöhen. Ein vereinbartes Verlängerungsrecht lässt Kunden die Versicherungszeit ohne Gesundheitsprüfung ausweiten. "Außerdem ist die vorgezogene Todesfallleistung wichtig, damit der Versicherer vorzeitig zahlt, falls der Versicherte nur noch kurz zu leben hat", sagt Wortberg.