Verluste bei Ersparnissen Deutschland verspielt Milliarden im Ausland

Als Exportweltmeister steht Deutschland am Pranger. Das ärgert viele Bürger. Ein Blick auf die Kehrseite der Überschüsse erklärt vielleicht, warum: Die Ersparnisse der Deutschen haben sich zuletzt nicht vermehrt - im Gegenteil. Sollten sie besser im Inland investieren?

Von Stephen Fidler, Wall Street Journal Deutschland

Die Deutschen wurmt die Kritik an ihrer starken Exportbilanz; sie wehren sich, mit dieser Kritik verleumde man ihren wirtschaftlichen Erfolg. Vielleicht sollten sie einen anderen Standpunkt einnehmen: Wie fühlt es sich an, dass sie Hunderte Milliarden bei ihren Ersparnisse verlieren?

Deutschlands Kritiker, darunter das US-Finanzministerium, bemängeln, dass die einseitige Orientierung auf den Export es anderen Ländern der Eurozone schwer macht, der Rezession zu entkommen. Die übliche Antwort aus Deutschland darauf lautet, andere sollten sich angespornt fühlen, Deutschlands Erfolg nachzueifern.

Inzwischen versuchen einige Politiker und Wissenschaftler, die Aufmerksamkeit der Deutschen darauf zu lenken, dass ihre ökonomische Strategie mit hohen Kosten verbunden ist. Denn das Spiegelbild eines großen Leistungsbilanzüberschusses, der neben dem Handelsbilanzüberschuss auch andere Zuflüsse aus dem Ausland berücksichtigt, ist ein gigantisches Defizit in der Kapitalbilanz. Deshalb müssen sich deutsche Sparer rund um die Welt auf die Jagd nach Renditen für ihr Sparvermögen bemühen.

Spektakuläre Verluste auf deutsche Sparguthaben im Ausland

Die deutschen Sparvermögen finden den Weg ins Ausland auf einigen Wegen, unter anderem investieren deutsche Firmen direkt in Maschinen und Fabrikgebäude im Ausland. Überwiegend fließt das Geld aber durch die Kanäle des Finanzsystems aus dem Land: Banken, Versicherungen und Investmentfonds legen dort an. "Ein hoher Exportüberschuss bedeutet de facto, dass man große Summen Erspartes im Ausland investiert", verriet Wirtschafts- und Währungskommissar Olli Rehn am Wochenende den Deutschen in ihrer Bild-Zeitung. "Das ist durchaus sinnvoll. Allerdings lässt sich beobachten, dass nicht alle deutschen Ersparnisse umsichtig investiert wurden, zum Teil flossen sie zum Beispiel in toxische Wertpapiere in den USA."

Andere äußern sich weniger diplomatisch. "Die deutschen Sparer geben ihr Geld ins Finanzsystem und dann wird es verzockt", sagt Finanzexperte Sony Kapoor von der Denkfabrik Re-Define. Das mag sich hart anhören, doch weisen auch deutsche Studien spektakuläre Verluste auf deutsche Sparguthaben im Ausland aus, die sich seit 2006 auf mehrere hundert Milliarden Euro belaufen.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin (DIW) schätzt, dass deutsche Anleger seit 1999 rund 400 Milliarden Euro bei schlechten Investments im Ausland verloren haben. Das entspricht rund 15 Prozent des deutschen Bruttosozialproduktes. Zwischen 2006 und 2012 beliefen sich die Verluste laut DIW sogar auf rund 600 Milliarden Euro.

Auch große Mengen an Auslandswährungen sind nicht risikofrei

Eine Studie von Erik Klär, Fabian Lindner und Kenan Sehovic, veröffentlicht in der Zeitschrift Wirtschaftsdienst, weist für den Zeitraum vom Jahr 2000 bis zum dritten Quartal 2012 einen kumulierten deutschen Leistungsbilanzüberschuss von 1,28 Billionen Euro aus. Das Auslandsvermögen Deutschlands summierte sich zum Ende des Jahres allerdings nur auf etwas über 1 Billion Euro. Die Differenz - ein Maßstab dafür, was deutsche Sparer in diesem Zeitraum verloren haben - liegt bei 269 Milliarden Euro. Nun unterstellen die Autoren aber, dass die deutschen Sparer zwischen 1999 und 2006 einen Gewinn von 250 Milliarden Euro angehäuft haben. Das würde bedeuten, dass zwischen 2007 und 2011 sogar Verluste von 575 Milliarden Euro anfielen.

In jedem Fall ist das enorm viel Geld, verloren auf Myriaden verschiedener Wege, die von toxischen US-Wertpapieren bis zu Anleihen aus Krisenländern der Eurozone reichen. Die Sparer selbst haben es vielleicht nicht in jedem Fall bemerkt - manchmal haben sie nämlich als Steuerzahler geholfen Banken zu retten, die schlechte Geschäfte gemacht haben. Verluste sind es aber allemal.

Die Verwertung des Handelsbilanzüberschusses durch private Finanzinstitutionen ist übrigens nicht der einzige Weg. China hat seinen in erheblichem Maße durch den öffentlichen Sektor absorbiert, indem das Land seine Devisenreserven aufgestockt hat. Auch große Mengen an Auslandswährungen sind nicht risikofrei, der Dollar könnte erheblich abwerten, oder es könnte angesichts der politischen Frontstellung in Amerika zu einem Zahlungsausfall auf US-Staatsanleihen kommen.

Auch Deutschland hat Devisenreserven aufgebaut. Zwar türmen sie sich längst nicht mehr so hoch auf wie noch 2012, doch haben sie sich mit fast 800 Milliarden Euro verachtfacht. Seit Beginn der Eurokrise hat ein Teil des Bilanzüberschusses auch seinen Weg in die südlichen Eurokrisenländer gefunden - über Kredite der Rettungsfonds der Eurozone an die in Bedrängnis geratenen Regierungen. Auch floss Geld über die Zentralbanken in die Bankensystem der finanziell angeschlagenen Staaten.

Es wäre vielleicht besser, wenn die Deutschen ihr Geld zu Hause behielten

Nichts davon ist ideal. Zwei deutsche Ökonomen - Daniel Gros und Thomas Mayer - haben jetzt vorgeschlagen, Deutschland solle einen Vermögensbildungsfonds bilden, um seine Überschüsse sinnvoll zu verwerten. Ein derartiger Fonds wäre besser geeignet als Banken oder private Anleger, eine langfristige Investmentperspektive einzunehmen, sagen sie. Norwegen hat einen solchen Staatsfonds 1998 gebildet. Dort wird nach Abzug der Kosten und der Inflation eine jährliche Rendite von 3,17 Prozent erwirtschaftet, heißt es in der Studie von Re-Define.

Das ist nicht spektakulär - und diese Rendite ist auch Gegenstand interner Kritik gewesen - doch weit besser als das, was deutsche Finanzinstitutionen im gleichen Zeitraum erwirtschaftet haben. Es gibt keinen definitiven Hinweis darauf, dass das deutsche Bankensystem schlechter als andere dabei wäre, die Sparer zu schützen, die große Summen im Ausland investieren. Das ist eben etwas, was grundsätzlich nur schwer gut zu machen ist.

In den 1970er Jahren platzierten amerikanische, japanische, britische und deutsche Banken die großen Überschüsse aus dem Ölgeschäft als Kredite in Lateinamerika und andernorts. In den 80ern führte das zur Schuldenkrise auf dem amerikanischen Subkontinent und extremen Verlusten bei den Banken.

Es wäre aber vielleicht besser, wenn die deutschen Sparer ihr Geld zu Hause behielten. In den vergangenen Jahren haben sie sich daran beteiligt, eine neue Infrastruktur in Südeuropa zu finanzieren, darunter auch "verwaiste" Straßen in Spanien und Portugal sowie abgelegene Regionalflughäfen. Darüber beschweren sich deutsche Politiker gerne. Wenn sie einen Teil der Überschüsse und Ersparnisse dafür verwenden würden, die zum Teil angeschlagene Infrastruktur in ihrem eigenen Land zu modernisieren, könnte sich das am Ende vielleicht als nutzbringender und profitabler erweisen.

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