Von Hannah Wilhelm

Als junger Mann erbte Ulrich Witting eine große Summe, hörte auf zu arbeiten und lebte im Luxus. Jetzt ist er 60 Jahre alt und hat keinen Cent mehr.

Sein Leben ist reich gewesen, Ulrich Witting häuft die Belege dafür auf seinem Wohnzimmersofa. Da stapeln sich Bücher, Postkarten und Fotos aus der ganzen Welt, die vom Leben des weißgelockten Mannes erzählen.

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Wie gewonnen, so zerronnen: Ulrich Witting hat seine Erbschaft verlebt - und muss zum ersten Mal richtig arbeiten. (© Foto: Robert Haas)

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Von seinen Reisen zu australischen Farmhäusern, südamerikanischen Dörfern und afrikanischen Wüsten. Neben der Nachricht von einem Freund, mit dem er einst auf dem Motorrad durch Afghanistan tourte, liegt der Brief von Freunden aus Kalifornien. Alles kündet von einem Leben ohne Arbeit, wie es sich nur ein Millionenerbe leisten kann.

Lediglich das Wohnzimmer rund ums überladene Sofa passt nicht zu all den schönen Geschichten vom Luxus, jahraus, jahrein die Welt zu bereisen. Das Wohnzimmer ist neun Quadratmeter klein, hat eine niedrige Decke, eine schiefe Tür und passt zu Ulrich Wittings heutiger Existenz: Das Erbe ist zerronnen, Reisen sind unbezahlbar. Der 60-Jährige muss auf einmal richtig arbeiten. Zum ersten Mal, seit er geboren wurde.

In seinem neuen, zweiten Leben hievt Witting Platten für Solarmodule auf Hausdächer. Es sind schwere Platten. Sie wiegen pro Stück 20 Kilo. Bei großen Aufträgen muss er schon mal 200 davon über schräge Dächer schleppen und montieren. Macht vier Tonnen Gewicht, so schwer wie zwei VW Phaetons. Das ist anstrengend. Aber er klagt nicht. Wenn er schleppen muss, sind es gute Tage. Dann hat er wenigstens Arbeit und weiß, wie er sein Essen bezahlen kann.

Angst vor dem Leben

Ganz neue Gedanken sind das, denn das Erbe sollte fürs ganze Leben reichen. Mit 27 Jahren erbte Ulrich Witting von seiner Mutter ein Mehrfamilienhaus in Gauting bei München. "Ich fühlte mich reich", erinnert er sich. Er verkauft das Haus für knapp eine Million Mark, denn er weiß mit dem Haus ebenso wenig anzufangen wie mit sich selbst. "Seit meiner Einschulung mit fünf Jahren hatte ich Angst vor dem Leben. Ich wusste nie, wie ich bestehen soll", sagt er nachdenklich.

Und erzählt von einer Jugend zwischen einem dominanten, immer unruhig reisenden Vater und einer schwer krebskranken Mutter, von zwei Menschen, die seiner Meinung nach nie hätten zusammenkommen sollen. Alles, was der werdende Mensch Witting tat, "waren Verlegenheitslösungen", wie er sagt. Als Jugendlicher bricht er das Gymnasium ab, besucht die Hotelfachschule, jobbt in einer Poststelle, lernt Masseur. Danach lähmt ihn die Frage, ob er Schreiner oder Kfz-Mechaniker sein soll. Die Million aus dem Verkauf des Hauses nimmt ihm alle Probleme und Entscheidungen ab. Denkt er.

Witting gibt seinen festen Wohnsitz auf: "Ich nomadisierte." Er fährt mit einer Citroën-Ente durch Russland und die USA, hilft bei der Weinlese in Italien, beim Hausbau in Griechenland, verbringt Jahre in Australien, besucht Freunde in der ganzen Welt. Seine blauen, heute sonst etwas müden Augen strahlen wieder, wenn er von diesen Abenteuern erzählt: "Ich war glücklich und habe völlig unbekümmert gelebt. Ich war mir einfach sicher: Das Geld reicht."

"Ich war naiv."

In seinem Überschwang verleiht der Millionenerbe hohe Summen. "Ich dachte ja, ich hätte genug." Das denken seine Schuldner auch - und zahlen meist nichts zurück. "Ich war naiv", sagt er. Er investiert sein Geld in festverzinsliche Wertpapiere, "in den achtziger Jahren gab es für US-Staatsanleihen teilweise 16 Prozent". Doch die Zinsen sinken. Seine Naivität rächt sich. 2004 ist endgültig Schluss, das Erbe aufgebraucht, der Lebensplan geplatzt. Witting ist erst 57.

Während seine Freunde ihren Ruhestand planen, sucht er sich zum ersten Mal in seinem Leben einen richtigen Job und einen Platz zum Bleiben. Wie ein Auto, dem der Sprit ausgeht, bleibt er liegen, wo er gerade ist: bei Freunden in Großkarlbach, einem 1200-Einwohner-Weindorf in der Pfalz. Hier ist er nah genug an der französischen Grenze, um ein Fernwehkribbeln im Bauch zu spüren. Hier heißt die Bäckerei Boulangerie und die Haustüren sind nicht abgeschlossen. In einer Gasse hat er ein Haus gekauft, mit niedrigen Decken und sehr schiefen Wänden. Für den Kauf musste er seine Lebensversicherung beleihen, die einzige Altersvorsorge, die er hatte.

Im Innenhof stapeln sich angeschlagene Gartenzwerge neben einem noch angeschlageneren roten Citroën. Die Heizung im Haus will heute nicht recht, ein Elektroheizgerät bläst ein wenig Wärme in die beiden Wohnräume im Untergeschoss. An der gedrängten Küchenzeile kocht Witting Kaffee.

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