Vereinigte Staaten In der Schuldenfalle

Die USA sind auf Geldströme aus dem Ausland angewiesen. Doch ihre große Staatsverschuldung verdirbt den Investoren den Appetit.

Von Moritz Koch

Die Warnung war unmissverständlich: "Der Trend der Staatsverschuldung ist nicht mehr tragbar", schrieb das Budgetbüro des US-Kongresses.

Das war im September vergangenen Jahres - vor dem 700 Milliarden Dollar schweren Rettungspaket für die Wall Street, vor den Milliardenstützen für den Versicherungskonzern AIG und die Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac, vor den Überbrückungskrediten für die Autohersteller General Motors und Chryler und vor dem Konjunkturprogramm des Noch-Nicht-Präsidenten Barack Obama.

Der Prognose vom September zufolge sollte das Defizit 2009 etwa 440 Milliarden Dollar betragen. Dreieinhalb Monate Finanzkrise haben gereicht, um die Zahlen Makulatur werden zu lassen.

Gesamtverschuldung: knapp elf Billionen Dollar

Gestern veröffentlichten die Budgetwächter ihr aktualisiertes Gutachten. Das Fazit: Der Staat muss mehr als doppelt so viel Kredit aufnehmen wie bisher angenommen, insgesamt 1,2 Billionen Dollar. Diese Zahl ist kaum mehr vorstellbar und selbst in ihr ist Obamas Konjunkturprogram noch nicht enthalten. Gut möglich, dass es am Ende 1,5 Billionen Dollar sein werden. Erste Wirtschaftsexperten machen sich mittlerweile ernsthafte Sorgen um die Zahlungsfähigkeit der USA.

Schulden machen ist Sache des Finanzministeriums. Es versteigert Staatsanleihen mit unterschiedlicher Laufzeit, die sogenannten Treasuries. Etwa die Hälfte der Abnehmer sind Ausländer, vor allem Chinesen und Japaner.

Ohne die Kapitalströme aus Asien würde der US-Haushalt zusammenbrechen - schon jetzt signalisieren Amtsträger aus China, dass sie nicht mehr gewillt sind, weiterhin das US-Defizit zu finanzieren.

Derzeit beträgt die Gesamtverschuldung der US-Regierung etwa 10,7 Billionen Dollar. Paradoxerweise aber hat die weltweite Kreditklemme ausgerechnet den hochverschuldeten USA das Schuldenmachen zunächst erleichtert.

Nicht Gier, sondern Furcht bestimmte in den vergangenen Monaten die Anlageentscheidungen der Investoren und trieb sie in Scharen auf den Markt für amerikanische Staatsanleihen.

US-Treasuries gelten als besonders sicher. Wegen der hohen Nachfrage muss das Finanzministerium derzeit kaum Zinsen bieten - das Schuldenmachen ist so billig wie lange nicht mehr.

Die Renditen von Staatsanleihen mit einer Laufzeit von zehn und dreißig Jahren pendeln momentan zwischen zwei und drei Prozent. Weniger als ein Prozent bekommt, wer Papiere mit einer Laufzeit von zwei Jahren kauft.

Für Treasuries, die schon nach wenigen Wochen oder Monaten fällig werden, waren Anleger sogar bereit, Verluste hinzunehmen. Die Rendite war zeitweise negativ. Es klingt aberwitzig, doch es ist wahr: Investoren bezahlten die US-Regierung faktisch dafür, ihr Geld leihen zu dürfen.

Die Verluste könnten noch erheblich steigen, nämlich dann, wenn die Angstblase am Treasuries-Markt platzt. So sagt es jedenfalls der RGE Monitor voraus, die Denkfabrik des Starökonomen Nouriel Roubini.

Neue Spekulationsblase

Sollte sich die sich Wirtschaftlage stabilisieren, werde der Risikohunger der Investoren wieder wachsen. Anleger werden sich nicht länger mit Null-Zinsen abspeisen lassen.

Der Wert der bereits ausgegebenen Niedrigzinsanleihen würde schrumpfen, weil neue Anleihen eine höhere Rendite hätten. Den Angstsparern drohen empfindliche Einbußen - und der US-Regierung deutlich höhere Kreditkosten.

Dem Markt für US-Staatsanleihen steht in diesem Jahr eine beispiellose Angebotsschwemme bevor. Finanzexperten der US-Bank Goldman Sachs schätzen, dass das Finanzministerium zwei Billionen Dollar mit neuen Treasuries eintreiben muss.

Die Summe ist größer als das Haushaltsdefizit, da in den kommenden Monaten im großen Umfang Staatsanleihen fällig werden. Das heißt: Die Regierung muss alte Schulden begleichen. Da sie kein eigenes Geld hat, um die Kredite zurückzuzahlen, muss sie neue Schulden aufnehmen.

Ökonomen befürchten nun, dass die Investoren sich weigern könnten, die Anleihenflut aufzusaugen, zumindest zu den heutigen Konditionen. In diesem Fall müssten die Zinsen deutlich steigen und damit auch die Kosten des Zinsdienstes der US-Regierung, der sich schon im vergangen Jahr 250 Milliarden Dollar verschlungen hat.

Notfalls will die Zentralbank Federal Reserve einspringen und selbst Staatsanleihen kaufen. Mit anderen Worten: Fed-Chef Ben Bernanke wirft die Notenpresse an. Das Geldangebot in den USA würde noch schneller wachsen und ein Inflationsdruck entstehen.

Kritiker sind fassungslos: Kaum ist eine Spekulationsblase geplatzt, wird eine nächste aufgeblasen, sagen sie. Die Wall Street witzelt, der Zentralbankchef des afrikanischen Hyperinflationslands Zimbabwe habe Bernanke schon gratuliert: Endlich habe dieser die tiefere Weisheit zimbabwischer Geldpolitik erkannt.

Zweifellos wird sich das muntere Dollardrucken auf den Devisenmarkt auswirken. Wenn es mehr Dollar gibt, ist jeder einzelne weniger wert. Der Appetit der Asiaten auf US-Anleihen dürfte weiter sinken. Verliert der Dollar gegenüber der heimischen Währung an Wert, werden US-Investments weniger attraktiv.

Momentan sorgt sich Washington zwar weniger um Inflation als um Deflation, also fallende Preise. Doch die Bedenken über die desolate Lage der Staatsfinanzen haben jetzt schon dazu geführt, dass das Konjunkturprogramm nicht so groß geworden ist, wie von einflussreichen Ökonomen gefordert.

Weit unter Japan

Nobelpreisträger Paul Krugman etwa hatte sich für Ausgaben im Umfang von mehr als einer Billion Dollar ausgesprochen. "So hoch können wir angesichts der düsteren Haushaltsituation nicht gehen", sagt Obama.

Zugegeben: Verglichen mit anderen Industrienationen ist die Schuldenlast der USA bisher nicht allzu groß. Die Staatsschulden Japans etwa sind fast doppelt so hoch wie das japanische Bruttoinlandsprodukt.

In Deutschland beläuft sich die Verschuldung der öffentlichen Haushalte auf etwa 65 Prozent der Wirtschaftsleistung. Washingtons Kreditlast würde selbst bei neuen Schulden in Höhe von zwei Billionen Dollar nur auf 53 Prozent der Gesamtwirtschaft steigen. Insofern sehen Ratingagenturen auch keinen Grund, die Kreditwürdigkeit der USA herabzustufen.

Doch das könnte sich bald ändern, warnt Steven Hess, Topanalyst bei Moody's. Schon vor einem Jahr prognostizierten die Kredit-Kontrolleure, dass die Ausgaben für die Sozialversicherung und das Gesundheitssystem der USA aus dem Ruder laufen, wenn die Generation der Baby Boomer in den kommenden Jahren den Ruhestand antritt.

Statt eine Kapitaldecke anzusparen, die die Kosten des demographischen Wandels abfangen könnte, stürzen sich die USA jetzt aber immer tiefer in die Schuldenfalle und setzen so ihre Bonität aufs Spiel.

Maya MacGuineas von der überparteilichen New America Foundation bringt die Sorgen auf den Punkt: "Es ist eine bittere Ironie, dass die Schritte, die wir derzeit zur Stabilisierung der Konjunktur unternehmen, langfristig die Destabilisierung unserer Wirtschaft bedeuten könnten."