Die Kreditkrise ist paradigmatisch für die Ära Bush: Die Menschen haben das Gefühl, dass mit ihrem amerikanischen Traum gespielt wurde - und dass man sie nach Strich und Faden über den Tisch gezogen hat.
Zu den verbreiteten Missverständnissen über die Wirtschaft gehört es, Wechselkurse als Maß für Macht, Ehre und Glück zu nehmen. So, als sei eine teure Währung gut für eine Nation, eine billige dagegen schlecht.
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In Wirklichkeit sind die Beziehungen zwischen Währung, Wohlstand und politischem Einfluss sehr komplex und oft völlig anders, als es das Vorurteil es will. In den Jahren des Wirtschaftswunders zum Beispiel war die D-Mark unterbewertet, was der jungen Bundesrepublik immens genützt hat. Umgekehrt war der Versuch Großbritanniens nach dem Ersten Weltkrieg, das Pfund wieder so stark zu machen wie vor 1914, einer der vielen Irrtümer, die zur Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre geführt haben.
Billiges Geld, schlimme Exzesse
Auch wenn der Kurs einer Währung abstürzt, wie dies dem Dollars derzeit widerfährt, bedeutet dies nicht unbedingt, dass die dahinterstehende Volkswirtschaft schwach ist. Im dritten Quartal dieses Jahres, als der Dollar-Verfall besonders schlimm war, wuchs die amerikanische Wirtschaft schneller als die deutsche. Wohl aber sagen solch extreme Kursveränderungen etwas aus über Ungleichgewichte und falsche Politik.
Wechselkurse sind nichts anderes als Preise. In ihnen drücken Käufer und Verkäufer ihre Meinung über die Währung aus. Ein ständig billiger werdender Dollar bedeutet, dass es die Anleger für zunehmend weniger vorteilhaft halten, Geld in Amerika zu investieren. In dieses Urteil fließen viele Faktoren ein, vor allem politische. Deshalb findet an den Finanzmärkten derzeit eine Volksabstimmung über die Regierung Bush statt - mit dem bekannt negativen Ergebnis.
Ein Merkmal der Ära Bush war es, dass Geld keine Rolle zu spielen schien. Bill Clinton hatte noch Schulden abgebaut, Nachfolger Bush drehte den Haushalt ins Minus, die Staatsausgaben explodierten, nicht nur für den Irak-Krieg, sondern auch für alle möglichen politisch genehmen Projekte. Das Defizit in der Leistungsbilanz stieg auf unhaltbare sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
Gleichzeitig wurde die Volkswirtschaft mit billigem Geld überschwemmt. Dafür ist weniger Bush verantwortlich als Alan Greenspan, der damalige Chef der US-Notenbank. Die Politik des billigen Geldes ermöglichte jene Exzesse, die am Anfang der derzeitigen Finanzmarktkrise standen: Firmenübernahmen praktisch ohne Eigenkapital, eine maßlose Immobilienspekulation und groteske Haus- und Wohnungskredite. Im Ergebnis hat das Vertrauen in das amerikanische Finanzsystem gelitten.
Der schwache Dollar spielt als öffentliches Thema höchstens in New York eine Rolle, wo man sich über die vielen Weihnachtseinkäufer aus Europa freut. Dagegen ist es die Hypothekenkrise, die die amerikanische Mittelklasse aufwühlt. Hunderttausende hart arbeitender Aufsteiger-Familien werden ihr Haus verlieren, weil sie sich einen Hypothekenkredit haben aufschwatzen lassen, wo sie weder Zins und Tilgung bedienen können.
Die Krise ist somit paradigmatisch für die Ära Bush: Die Menschen haben das Gefühl, dass mit ihrem amerikanischen Traum - in diesem Fall dem Eigenheim - gespielt wurde, und dass man sie nach Strich und Faden über den Tisch gezogen hat. Das verzeihen sie nicht so schnell. Die Hypothekenkrise kommt zum Desaster im Irak und zu den ungelösten Problemen des Gesundheitssystems dazu - alles zusammen löst Verbitterung aus und treibt das Land politisch nach links.
Es gibt viele Hinweise für den Linksruck in der amerikanischen Politik: der wachsende Einfluss der Gewerkschaften, der Wille der Demokraten, allen Amerikanern eine Krankenversicherung zu verschaffen, vor allem aber die direkte Reaktion auf die Hypothekenkrise. Finanzminister Paulson brachte die großen Banken der Nation dazu, bedrängten Hausbesitzern durch Verzicht auf Zinserhöhungen zu helfen. Solche kollektiven, aber freiwilligen Eingriffe in die Marktwirtschaft erinnern auf erstaunliche Weise an die Lehrstelleninitiativen deutscher Regierungen - ein Stück soziale Marktwirtschaft mitten in Amerika.
Jetzt zeigt sich die häufig unterschätzte Fähigkeit der amerikanischen Gesellschaft zur Selbstkorrektur. Amerika übertreibt, neigt zu Exzessen, ist aber auch zur Umkehr bereit, wenn die richtigen Signale kommen. Und genau diese Signale geben Hypothekenkrise und Dollar. Ein sinkender Wechselkurs ist eben nicht nur ein Problem, sondern immer auch Teil der Lösung. Der billige Dollar wirkt in der Binnenwirtschaft wie eine gigantische Umverteilungsmaschinerie - Verbraucher werden be-, Produzenten entlastet. Anders gewendet: Konsum wird teurer, Arbeit billiger, also genau das Richtige in einem Land, das zu viel konsumiert und zu wenig spart. Die Signale wirken, die US-Exporte steigen, das Handelsdefizit geht zurück.
Bereitschaft zur Umkehr
Der weiche Dollar erzwingt auch an einem anderen Punkt eine Abkehr von der Politik der Bush-Jahre: Er zeigt, dass Amerika, obwohl Supermacht, von anderen Nationen abhängiger ist denn je. In dieser Woche erhielt die Citigroup, die angeschlagene größte Bank des Landes, eine Kapitalzufuhr von 7,5 Milliarden. Das Geld stammt aus dem Öl-Scheichtum Abu Dhabi. Ein Finanzrichter in Manhattan kommentierte dies mit dem denkwürdigen Satz: "Es ist ein trauriger Tag für die amerikanischen Finanzmärkte, wenn man nach Abu Dhabi gehen muss, um eine Bank zu retten."
Er hätte auch sagen können: Der weiche Dollar und das Handelsdefizit haben die USA noch abhängiger von anderen gemacht, als sie es ohnehin schon sind. Die Golfstaaten gehören inzwischen zu den wichtigsten Investoren an der Wall Street, die chinesische Notenbank hat ihre Währungsreserven überwiegend in US-Schatzbriefen angelegt, die kommunistische Volksrepublik ist somit Hauptgläubigerin Washingtons.
Mehr noch: Hinter den Währungsturbulenzen stehen große Ungleichgewichte in der Weltwirtschaft. China hat seine Währung zu einem viel zu niedrigen Kurs an den Dollar gekoppelt, das Land kann die Arbeitskraft seiner Bürger deshalb zu billig anbieten, was zum Teil dessen exorbitanten Handelsüberschuss erklärt. Die USA drängen China zu Recht, die Dollarbindung zu lockern, erreichen aber bisher kaum etwas. Genauer: Sie können nichts erreichen, solange nicht auch die Europäer an einer für China gesichtswahrenden Lösung mitarbeiten. Hier ist diplomatisches Geschick und ein Vertrauensverhältnis zu den wichtigsten Verbündeten notwendig.
Alle aussichtsreichen Präsidentschaftskandidaten der Demokraten versprechen für den Fall ihrer Wahl eine Art diplomatische Offensive, um zu zeigen, dass die USA nach der Ära Bush wieder ein verlässlicher Partner sein werden. Anlass für dieses Versprechen ist der Irakkrieg und seine Folgen für die internationalen Beziehungen. Wegen der Finanzkrise bekommt das Thema nun auch eine ökonomische Bedeutung. Der weiche Dollar kann die Selbstkorrektur Amerikas erleichtern und so letztlich zu einem Instrument der Stärke werden.
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(SZ vom 1.12.2007/hgn)
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