Von Moritz Koch, New York

Er will ein Zeichen setzen gegen die Gier der Banker: In New York stoppt ein Richter reihenweise Zwangsräumungen von Häusern - und garniert seine Urteile mit Hohn für die Finanzelite.

Der Richter hat sie aufgehängt, an die Wand links neben der Tür. John Mack von Morgan Stanley, Lloyd Blankfein von Goldman Sachs, James Dimon von JP Morgan Chase und Kenneth Lewis von der Bank of America. Wie Ganoven auf einem Steckbrief sehen die Bankchefs aus. Nur steht unter ihren Portraits nicht das Kopfgeld, das auf sie ausgesetzt wurde, sondern das Millionengehalt, das sie eingestrichen haben.

Immobilien, USA, Foto: AFP

Millionen von Amerikanern verlieren in diesem Jahr ihr Zuhause - weil die Banken ihre Häuser räumen lassen. (© Foto: AFP)

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Arthur Schack hat die Collage aus einer Boulevardzeitung ausgeschnitten. Er macht kein Geheimnis daraus, dass er den Volkszorn über das Gebaren der Finanzelite teilt. Der Richter will ein Zeichen setzen gegen die Gier und gegen die Wall Street. Nur, dass er sich in seinen Urteilen von Ressentiments leiten ließe, weist er entschieden zurück. "Ich diene dem Recht", sagt er. "Das ist mein Job." Und das reicht schon, um den Banken eins auszuwischen.

Schack hat sich in Amerika einen Namen gemacht, weil er am obersten New Yorker Landesgericht in Brooklyn reihenweise Zwangsräumungen abweist. Einen Don Quijote nennen sie ihn, der zum Sturm auf die Konzernzentralen von Manhattan bläst. Wer die Amtsstube des Richters betritt, sieht einen kleinen, grauen Mann mit dünnem Schnurrbart und schütterem Haar in einem großen, braunen Sessel. Vor ihm auf der Fensterbank lagern seine Immobilien-Fälle. Der 64-Jährige lehnt sich vor, greift nach dem Stapel Papier, wiegt ihn mit beiden Händen. "20 vielleicht", sagt er. "Ich weiß nicht genau. Mal sehen, ob ich das noch schaffe, bevor ich in Urlaub fahre." Wenn nicht, müssen die Banken sich gedulden.

Im Dienste der Gerechtigkeit

20 Zwangsräumungen. 20 Familienschicksale. Ein kleiner Ausschnitt der Jahrhundertkrise. Millionen von Amerikanern verlieren allein in diesem Jahr ihr Zuhause. Sie können sich die Kredite, die sie aufgenommen haben, nicht mehr leisten, und die Banken holen sich die Vorstadthäuser und Stadtwohnungen zurück, die mit ihrem Geld gekauft wurden. In der Regel haben sie dabei leichtes Spiel. In den meisten Bundesstaaten braucht es keinen Richterbeschluss, um säumige Gläubiger vor die Tür zu setzen. Aber New York ist anders. Und Richter Schack ist es auch.

In New York muss jede Zwangsräumung vom Landesgericht genehmigt werden, selbst dann, wenn sich der Hausbesitzer nicht dagegen wehrt. Schack gibt das Gelegenheit, den mächtigen Finanzkonzernen ein paar Steine in den Weg zu legen - im Dienste der Gerechtigkeit, versteht sich. "Drei Dinge braucht die Bank, dann bekommt sie, was sie will", sagt Schack. "Erstens: ein Dokument, das die Existenz der Hypothek bestätigt. Zweitens: einen Beweis, dass der Schuldner seine Raten nicht mehr zahlt. Drittens: den Beleg, dass die Bank rechtmäßiger Besitzer der Hypothek ist. Das ist alles, was ich will. Wenn mir eine Bank das zeigen kann, bekommt sie ihre Zwangsräumung." Nur können das die Banken in vielen Fällen nicht lückenlos nachweisen.

Die Zeiten, in denen sie Kredite einfach in den eigenen Büchern hielten und deren Belege sorgsam archivierten, sind längst vorbei. Heute sind Kredite Spekulationsrohstoffe. Sie werden verkauft, an der Wall Street gebündelt, tranchiert, zu Wertpapieren verarbeitet und in alle Welt verscherbelt. So kommt es, dass arabische Investoren Verluste verbuchen, wenn eine Familie aus Ohio in Zahlungsrückstand gerät. Die Anleger müssen dann eine Zwangsräumung durchsetzen und auf einen Weiterverkauf hoffen. Dabei kommen die Banken zurück ins Spiel.

Um die Interessen der Investoren wahrzunehmen, bieten die Wall-Street-Konzerne ihre Dienste als Treuhänder an. Zwangsräumungen zu beantragen, mag eine Drecksarbeit sein, aber es verspricht sichere Einnahmen, solange die Arbeitslosenzahlen in den USA steigen und ständig weitere Familien in Not geraten. Auch die Deutsche Bank ist dabei groß im Geschäft.

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  1. Sie lesen jetzt Brooklyns Bankenschreck
  2. "Auch ich bin ein Söldner"
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