USA Katastrophe für die Ärmsten

Armes Wohnviertel in Charleston, US-Bundesstaat South Carolina.

(Foto: Robert Ray/AP)

Die US-Regierung will die Mieten für Sozialwohnungen deutlich erhöhen, damit sich die Bewohner einen Job suchen. Das Problem: Die meisten haben ohnehin schon mehrere.

Von Katharina Krüger/AP

Ben Carson will die Mieten erhöhen. Das werde landesweit mehr als vier Millionen Haushalte mit niedrigem Einkommen eigenständiger machen, glaubt der amerikanische Politiker. Der Republikaner ist seit März 2017 Minister für Wohnungsbau und Stadtentwicklung im Kabinett Trump. Für Ebony Morris und ihre vier kleinen Kinder könnte dies die Obdachlosigkeit bedeuten. "Ich dachte, eine Sozialwohnung wäre eine Möglichkeit, wieder auf eigenen Beinen stehen zu können, indem ich 30 Prozent meines Einkommens zahle, meine Schulden abarbeite und schließlich Wohneigentümerin werde", sagt Morris. Mit der von Carson geplanten Erhöhung würde ihre Miete von 403 Dollar (344 Euro) auf 600 Dollar steigen.

In Charleston in South Carolina, wo Morris lebt, würden Carsons Pläne die Mieten für Menschen, die staatliche Unterstützung erhalten, durchschnittlich um 26 Prozent nach oben treiben. Für Morris wäre der Anstieg sogar fast doppelt so hoch. Das zeigt eine Analyse, die das Zentrum für Haushalt und Politik für die Nachrichtenagentur AP erstellt hat. Sie basiert auf Daten des US-Wohnungsministeriums. Enthalten sind Mieter von Sozialwohnungen, die Wohngeld und andere Hilfen bekommen.

In den 100 größten Metropolregionen der USA müssten Menschen mit niedrigem Einkommen etwa 20 Prozent mehr Miete zahlen, hat die Denkfabrik ausgerechnet. Die Kosten würden rund sechsmal stärker steigen als der durchschnittliche Stundenlohn. Dabei arbeiten viele dieser Menschen schon. Wer trotz Job arm ist, trägt damit ein erhöhtes Risiko, obdachlos zu werden, weil die Löhne mit den gestiegenen Mieten nicht mehr mithalten können.

Carsons Vorschlag sieht vor, dass Wohnbehörden künftig Arbeitsnachweise verlangen dürfen. Der Anteil, den Menschen von ihrem Einkommen an Miete zahlen, soll von 30 auf 35 Prozent steigen, die Mindestmiete von 50 auf 150 Dollar. Wegfallen sollen Steuernachlässe, mit denen Familien ihre Miete senken können. Derzeit gibt es solche Nachlässe etwa wegen Krankheit, Kinderbetreuung und für jedes Kind pro Haushalt. Dadurch kommen momentan pro Kind 480 Dollar weniger Miete zusammen.

Die Pläne sind der jüngste Versuch der Trump-Regierung, soziale Sicherungssysteme zurückzufahren, in dem Glauben, weniger Großzügigkeit sporne Menschen, die staatliche Beihilfen beziehen, zur Jobsuche an. "Wir wollen sozial schwachen Menschen einen Weg aus der Armut zeigen", sagte Carson in einem Interview mit dem Sender Fox News. Der Kongress muss sein Vorhaben noch genehmigen. Die Analyse des Zentrums für Haushalt und Politik für die Nachrichtenagentur AP zeigt, dass Familien überproportional betroffen wären. Von den 8,3 Millionen Menschen, an die sich der Plan richtet, sind mehr als drei Millionen Kinder. Morris, die als Arzthelferin 50 Stunden die Woche arbeitet, um über die Runden zu kommen, müsste vor allem bei ihrem Nachwuchs sparen.

Nicht alle Wohngeldempfänger halten die Pläne für ungerecht

Die geplanten Mieterhöhungen würden Menschen überall zu spüren bekommen. In Baltimore etwa, wo Carson als Neurochirurg gearbeitet und mit seiner eigenen Aufstiegsgeschichte Generationen von Kindern inspiriert hat. Die ärmsten Mieter dort müssten nach seinen Plänen 19 Prozent oder 800 Dollar jährlich draufzahlen. In Detroit, wo Carsons Mutter ihren Sohn allein großzog, indem sie zwei Jobs hatte, würden die Mieten um 21 Prozent oder 710 Dollar steigen. Haushalte in der Hauptstadt Washington, einer der reichsten Gegenden des Landes, sähen die größten Steigerungen auf sich zukommen: im Durchschnitt 980 Dollar oder 20 Prozent.

"Der Vorschlag höherer Mieten für Niedrigverdiener zaubert doch keine gut bezahlten Jobs herbei, die die Menschen aus der Armut holen", sagt Diane Yentel, Vorsitzende des Nationalen Bündnisses für Sozialwohnungen. "Familien, die nur schwer über die Runden kommen, verlieren potenziell genau die Grundlage, die es ihnen ermöglicht, überhaupt eine Arbeit zu finden und auch zu behalten."

Dazu kommt: Zwar sind laut Wohnungsministerium Haushalte mit Älteren oder Menschen mit Behinderungen von den Plänen ausgeschlossen. Doch könnten nach der Analyse etwa 314 000 Haushalte einen entsprechenden Status verlieren und wären ebenfalls von den höheren Mieten betroffen.

Donald Cameron, Chef der Wohnbehörde in Charleston, nennt den Ministeriumsvorschlag eine Katastrophe. "Wir würden viele Menschen binnen kurzer Zeit verlieren: jene mit dem kleinsten Geldbeutel und dem geringsten verfügbaren Einkommen", sagt er.

Doch nicht alle Wohngeldempfänger halten die Pläne für ungerecht. "Ich finde sie gut", sagt die 29-jährige Shalonda Skinner, die mit ihren fünf Kindern in einer Sozialwohnung lebt. "Die Behörden helfen vielen Menschen. Sie werden wahrscheinlich eine ordentliche Anzahl von ihnen hinauswerfen, weil manche nicht arbeiten wollen und nicht unabhängig sind. Aber das ist doch fair." Müsste sie mehr Miete zahlen, sagt sie, "würde ich mehr arbeiten", mehr Friseurkunden annehmen.

Für Melissa Maddox Evans, Justiziarin der Wohnbehörde in Charleston, beruht Carsons Plan auf dem Denkfehler, dass die meisten Mieter von Sozialwohnungen nicht arbeiten und höhere Mieten sie dazu bringen würden, sich einen Job zu suchen. "Die meisten Mieter hier haben zwei oder drei Jobs", sagt Evans. "Wenn sie Arbeit finden, verdienen sie dann genug, um diese Erhöhung auszugleichen?"