Die Finanzwelt als Herzkammer der Wirtschaft muss funktionieren, darum sollte der Staat angeschlagenen Banken zur Seite springen - und sie notfalls vorübergehend selbst kaufen.
Das hätte sich keiner der so erbitterten Kapitalismuskritiker der siebziger Jahre vorstellen können. Die "Selbstheilungskräfte" des Marktes galten allen als sozusagen "heilig", sie gehörten zur Liturgie des Systems. Und nun verkündet der Chef des größten Geldhauses der Republik, Josef Ackermann von der Deutschen Bank, auf einmal, dass er in der derzeitigen Finanzkrise nicht mehr an diese Selbstheilungskräfte glaube. Ausgerechnet der mächtigste Mann der Wirtschaft ruft nach dem Staat: Regierungen müssten Einfluss nehmen auf die Märkte und Vertrauen schaffen.
Aus der US-Hypothekenkrise ist längst eine globale Finanzkrise geworden. (© Foto: AP)
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Es muss Dramatisches, ja Entsetzliches passiert sein.
Nach Jahren, in denen auf wirtschaftspolitischen Kongressen stets laut der Rückzug des Staates aus der Ökonomie und die Freiheit des Unternehmers gefordert wurde, sind ganz neue Töne zu hören. So hatte man sich den Kapitalismus nicht vorgestellt, so hatten beispielsweise die Theoretiker Walter Eucken und Alfred Müller von Armack die freie Marktwirtschaft nicht beschrieben.
Was bisher schwer vorstellbar schien, ist das Versagen einer Großbrigade von Managern der Finanzindustrie sowie der Ausfall eines Marktes, der nicht weniger als die Herzkammer des Systems ist. Hier verdienten die leitenden Angestellten am besten, hier entwarfen sie ihre komplizierten Finanzprodukte, die kaum einer verstand, und die doch am Ende nur eines beflügelten: die große Gier. Wenn jetzt Regierungen Milliarden um Milliarden in dieses kranke Gewirr pumpen sollen - wer sagt eigentlich, dass sie dann nicht gutes Geld dem schlechten hinterwerfen? Dass es in den privaten Finanzunternehmen genügend fähige Strategen gibt, die das System herausführen aus der Krise?
Desolate Lage
Nein, wenn die Lage schon so desolat ist, wie es sich jetzt in den USA herausstellt, wenn viel Steuergeld eingesetzt werden muss, damit die Ökonomie weiter läuft - dann sollte der Staat auch im "driver's seat" bleiben, dann sollte er fähige Turn-around-Manager auf Zeit abstellen, die notleidende Banken sanieren. Dann muss die öffentliche Hand solche Institute unter Umständen eben selbst kaufen - und sie später dann mit Gewinn weiterverkaufen.
Sicher, eine Verstaatlichung von Banken ist keine schöne Sache. Es ist das letzte Eingeständnis, dass der Markt bedauerlicherweise - entgegen aller Versprechungen seiner Protagonisten - jämmerlich versagt hat. Es ist ein letzter Ausweg und höchstens eine Zwischenlösung. Niemand will den Sozialismus zurück. Aber niemand will einen enthemmten Kapitalismus, der die Ersparnisse vieler Menschen in Gefahr und ganze Volkswirtschaften ins Wanken bringt. Der Kapitalismus muss vor sich selbst geschützt werden.
Ohne den Staat geht es nicht. Das sagt selbst ein Großbanker wie Ackermann. Doch dann soll der Staat nicht einfach immer mehr Subventionen gewähren, sondern sich wie ein cleverer Marktteilnehmer verhalten. In den USA kann die private Großbank JP Morgan das Beinahe-Pleiteunternehmen Bear Stearns nur übernehmen, weil die Notenbank 30 Milliarden Dollar Kredit bereitstellte. Viele weitere Milliarden öffentlicher Gelder werden fließen, für diese Rettung und andere Notfälle.
Teuer wird die Abwicklung der Abenteuer einer ganzen Branche also ohnehin. Eine Rezession ist nicht mehr zu vermeiden. Da ist es besser, nicht nur für die Liquidität gefährdeter Finanzfirmen zu sorgen, sondern für ihre wirkliche Gesundung.
Mit den Mythen abrechnen
Nach Lage der Dinge warten hier herkulische Aufgaben für die Vertreter der neuen US-Regierung. Für Politiker, die das schlimme Erbe des George W. Bush und seiner Cliquenwirtschaft antreten müssen. In seiner Amtszeit gefiel sich die Nation im trügerischen Idyll eines Wohlstands auf Pump. Die Notenbank hielt die Zinsen künstlich niedrig, Geld war im Überfluss da, mit der Folge einer Immobilien- und Kreditblase. Die Aufsichtsbehörden wurden von Präsident Bush geschwächt.
Nun muss es eine Neubesinnung auf klare Marktregeln und intakte Regulierer geben. Im Mittelpunkt sollte die nachhaltige Wertentwicklung stehen, die das Dogma der schnellen Rendite ersetzt. Unter 30 Prozent Gewinnanteil machten es zuletzt die Beteiligungsgesellschaften beispielsweise nicht. Auch sie haben sich über Kredite finanziert, die zusammenzubrechen drohen.
Es ist Zeit, mit alten Mythen abzurechnen und eine wirklich freie, soziale Marktwirtschaft neu zu installieren - mit dem Staat als Schiedsrichter, wenn er denn seine Rolle als Reparateur gespielt hat. Dies ist die größte Finanzkrise seit der Demontage des Bretton-Woods-Systems Mitte der siebziger Jahre. Wenn es jene "Hoffnung" geben soll, von der der demokratische Präsidentschaftskandidat Barack Obama immer gern redet, dann muss sie jetzt greifen.
Auf Zeit sollte der amerikanische Staat richten, was ihm die gierigsten seiner Bürger angerichtet haben.
- Bear-Stearns-Aktionäre Proteste gegen Ausverkauf 18.03.2008
- Finanzkrise Appell an die US-Regierung 18.03.2008
- Finanzkrise "Das Feuer breitet sich aus" 18.03.2008
- Politik und Banken gegen Finanzkrise Steinbrück will enge Zusammenarbeit 18.03.2008
- Fed-Hilfsaktion in Finanzkrise Notenbank als Nothelfer 17.03.2008
(sueddeutsche.de/mel)
Christopher Lee zum 90.
weil die Kapitalisten mit Geld offenbar nicht umgehen können. Und Loser wie Ackermann an die Spitze stellen und dafür dem das Millionengehalt bezahlen.
Die gesamte Regierung samt Bankvorständen müßte geschlossen zurücktreten.
Ist das jetzt Tarnung oder wirkliche Meinungsvielfalt? Jedenfalls steht in dieser Ausgabe Meinung gegen Meinung zum gleichen Thema. Aber sei´s drum. Es scheint so, als habe Ackermann in höchster Not seine Ideologie über Bord geworfen. Das Mantra, die Bibel, den höchsten Glaubenssatz der neuen Ökonomie. Kensey lässt grüßen ! Die sogenannten Finanzeliten haben sich in ihrem skrupellos selbst bebastelten Gestrüpp heillos verfangen durch immer neue und immer undurchsichtigere - sprich verücktere- Gebilde. Jetzt kommen sie kleinlaut aus den Löchern gekrochen und rufen nach dem Staat, das heißt sie rufen nach uns, dem Steuerzahler! Diese Parallel - Gesellschaft, die sich dünkt, in ihrer eigenen Welt zu Hause zu sein und mit dem gemeinen Volk - also wieder mit uns - nichts gemein zu haben. Ja, sie bilden " elitären Kreise " in denen sie eine neue Ethik erfinden wollen, natürlich nur eine, die für sie ganz alleine gilt und mit eigenen Gesetzen versehen ist.
Wenn der Staat eingreifen soll und muss, dann muss bitte unter allen Umständen sicher gestellt sein, dass die horrenden Kosten nicht dem Steuerzahler - wiederum uns - aufgebürdet werden. Die haben bitteschön die verantwortlichen selbst zu tragen. Soweit deren Kapitaldecke nicht ausreicht, dann innerhalb des Systems. Wir haben zwar in DE so ein System, doch das dürfte in atemberaubender Geschwindigkeit an seine Grenzen stoßen!
Noch etwas muss bedacht werden: Wir erleben seit 1996 inzwischen die vierte internationale Finanzkrise. Wir lernen daraus, dass eine kleine Gruppe pathologisch gieriger Personen mal wieder ein Desaster angerichtet hat, dass hunderte von Millionen Menschen mittel - oder unmittelbar ausbaden müssen.
Insofern stimme ich dem Kommentar von Hans-Jürgen Jakobs ausdrücklich zu!
Lieber Prof, Marx wollte vermutlich mit seiner Philosophie das Himmelreich auf Erden errichten, mit Gerechtigkeit für alle, aber die Menschen sind ungerecht und das was sie säen, ernten sie eben.
Die zahlreichen Stimmen hier gegen unser kapitalistisches System, der Neid und die Mißgunst gegen die Erfolgreichen, z.B. Ackermann, zeigen doch nur auf wie verbittert diese Loser sind. Diesen Losern wird aber auch noch das Wenige, das sie haben weggenommen und ihre sozialistischen Ideen werden daran nichts ändern.
Sacht mal ...
Stehen eigentlich in Deutschland Privatbanken auf der Kippe?
Dresdner, Commerzbank, Deutsche Bank?
Nein?
Dann hat sich die "Verstaatlichungsdiskussion" ja erledigt.
Oder soll die Bundesrepublik Deutschland z.B. amerikanische und britische Banken verstaatlichen?
Mal davon abgesehen ob eine Verstaatlichung wirklich zu einer Lösung führen würde ... die in Frage kommenden Banken sind gar nicht im "Zuständigkeitsbereich" der Bundesrepublik.
Und die in Deutschland betroffenen Banken sind schon längst in öffentlicher Hand ... was will uns das sagen?
im Sinne von Marx, der, Sie werden lachen, von sich sagte , er sei kein Marxist.Er sah sich als Philosoph und Analytiker, der unstreitbar weltweite Bedeutung hat ,und noch haben wird, wenn die ihn kritisierenden "Nix"-Versteher ( will sagen, die keine Ahnung haben, weil sie ihn garnicht gelesen haben) längst in den Orkus gefahren sind. Für die Verbrechen in seinem Namen (Marxismus-Leninismus-Stalinismus, andere Formen des(Staats) Kapitalimus ,kann der genauso wenig , wie Jesus für die Millonen fachen Scheiterhaufenmorde der kath. Kirche (in seinem Namen ) !
Paging