Ein Kommentar von Hans-Jürgen Jakobs

Die Finanzwelt als Herzkammer der Wirtschaft muss funktionieren, darum sollte der Staat angeschlagenen Banken zur Seite springen - und sie notfalls vorübergehend selbst kaufen.

Das hätte sich keiner der so erbitterten Kapitalismuskritiker der siebziger Jahre vorstellen können. Die "Selbstheilungskräfte" des Marktes galten allen als sozusagen "heilig", sie gehörten zur Liturgie des Systems. Und nun verkündet der Chef des größten Geldhauses der Republik, Josef Ackermann von der Deutschen Bank, auf einmal, dass er in der derzeitigen Finanzkrise nicht mehr an diese Selbstheilungskräfte glaube. Ausgerechnet der mächtigste Mann der Wirtschaft ruft nach dem Staat: Regierungen müssten Einfluss nehmen auf die Märkte und Vertrauen schaffen.

Aus der US-Hypothekenkrise ist längst eine globale Finanzkrise geworden. (© Foto: AP)

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Es muss Dramatisches, ja Entsetzliches passiert sein.

Nach Jahren, in denen auf wirtschaftspolitischen Kongressen stets laut der Rückzug des Staates aus der Ökonomie und die Freiheit des Unternehmers gefordert wurde, sind ganz neue Töne zu hören. So hatte man sich den Kapitalismus nicht vorgestellt, so hatten beispielsweise die Theoretiker Walter Eucken und Alfred Müller von Armack die freie Marktwirtschaft nicht beschrieben.

Was bisher schwer vorstellbar schien, ist das Versagen einer Großbrigade von Managern der Finanzindustrie sowie der Ausfall eines Marktes, der nicht weniger als die Herzkammer des Systems ist. Hier verdienten die leitenden Angestellten am besten, hier entwarfen sie ihre komplizierten Finanzprodukte, die kaum einer verstand, und die doch am Ende nur eines beflügelten: die große Gier. Wenn jetzt Regierungen Milliarden um Milliarden in dieses kranke Gewirr pumpen sollen - wer sagt eigentlich, dass sie dann nicht gutes Geld dem schlechten hinterwerfen? Dass es in den privaten Finanzunternehmen genügend fähige Strategen gibt, die das System herausführen aus der Krise?

Desolate Lage

Nein, wenn die Lage schon so desolat ist, wie es sich jetzt in den USA herausstellt, wenn viel Steuergeld eingesetzt werden muss, damit die Ökonomie weiter läuft - dann sollte der Staat auch im "driver's seat" bleiben, dann sollte er fähige Turn-around-Manager auf Zeit abstellen, die notleidende Banken sanieren. Dann muss die öffentliche Hand solche Institute unter Umständen eben selbst kaufen - und sie später dann mit Gewinn weiterverkaufen.

Sicher, eine Verstaatlichung von Banken ist keine schöne Sache. Es ist das letzte Eingeständnis, dass der Markt bedauerlicherweise - entgegen aller Versprechungen seiner Protagonisten - jämmerlich versagt hat. Es ist ein letzter Ausweg und höchstens eine Zwischenlösung. Niemand will den Sozialismus zurück. Aber niemand will einen enthemmten Kapitalismus, der die Ersparnisse vieler Menschen in Gefahr und ganze Volkswirtschaften ins Wanken bringt. Der Kapitalismus muss vor sich selbst geschützt werden.

Ohne den Staat geht es nicht. Das sagt selbst ein Großbanker wie Ackermann. Doch dann soll der Staat nicht einfach immer mehr Subventionen gewähren, sondern sich wie ein cleverer Marktteilnehmer verhalten. In den USA kann die private Großbank JP Morgan das Beinahe-Pleiteunternehmen Bear Stearns nur übernehmen, weil die Notenbank 30 Milliarden Dollar Kredit bereitstellte. Viele weitere Milliarden öffentlicher Gelder werden fließen, für diese Rettung und andere Notfälle.

Teuer wird die Abwicklung der Abenteuer einer ganzen Branche also ohnehin. Eine Rezession ist nicht mehr zu vermeiden. Da ist es besser, nicht nur für die Liquidität gefährdeter Finanzfirmen zu sorgen, sondern für ihre wirkliche Gesundung.

Mit den Mythen abrechnen

Nach Lage der Dinge warten hier herkulische Aufgaben für die Vertreter der neuen US-Regierung. Für Politiker, die das schlimme Erbe des George W. Bush und seiner Cliquenwirtschaft antreten müssen. In seiner Amtszeit gefiel sich die Nation im trügerischen Idyll eines Wohlstands auf Pump. Die Notenbank hielt die Zinsen künstlich niedrig, Geld war im Überfluss da, mit der Folge einer Immobilien- und Kreditblase. Die Aufsichtsbehörden wurden von Präsident Bush geschwächt.

Nun muss es eine Neubesinnung auf klare Marktregeln und intakte Regulierer geben. Im Mittelpunkt sollte die nachhaltige Wertentwicklung stehen, die das Dogma der schnellen Rendite ersetzt. Unter 30 Prozent Gewinnanteil machten es zuletzt die Beteiligungsgesellschaften beispielsweise nicht. Auch sie haben sich über Kredite finanziert, die zusammenzubrechen drohen.

Es ist Zeit, mit alten Mythen abzurechnen und eine wirklich freie, soziale Marktwirtschaft neu zu installieren - mit dem Staat als Schiedsrichter, wenn er denn seine Rolle als Reparateur gespielt hat. Dies ist die größte Finanzkrise seit der Demontage des Bretton-Woods-Systems Mitte der siebziger Jahre. Wenn es jene "Hoffnung" geben soll, von der der demokratische Präsidentschaftskandidat Barack Obama immer gern redet, dann muss sie jetzt greifen.

Auf Zeit sollte der amerikanische Staat richten, was ihm die gierigsten seiner Bürger angerichtet haben.

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(sueddeutsche.de/mel)