Die Zeichen stehen auf Bankrott: Nach dem Rückzug von Barclays haben sich Banken und Händler auf einen Kollaps der Investmentbank Lehman Brothers eingestellt.
Nach dem Rückzug der britischen Barclays-Gruppe hatten sich Banken und Händler am Sonntagabend auf einen Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers eingestellt. US-Finanzminister Hank Paulson und Notenbankchef Ben Bernanke versuchten in einem Krisengipfel mit den Chefs der wichtigsten Wall-Street-Banken, eine Pleite zu verhindern.
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Gelingt die Rettung der angeschlagenen Investmentbank? (© Foto: Reuters)
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Die Gespräche fanden am Sitz der Federal Reserve Bank von New York statt und wurden von deren Chef, Timothy Geithner, moderiert. Über den Inhalt verlautete offiziell nichts, das Wall Street Journal berichtete jedoch, die Aussichten hätten sich zuletzt rapide verschlechtert. Die Vertreter von Barclays, der drittgrößten Bank Großbritanniens, hätten die Federal Reserve verlassen.
Offenbar wollte Barclays Garantien oder eine Kapitalbeteiligung des amerikanischen Staates erreichen. Außerdem hätten die Briten darauf bestanden, vor einem Engagement ein Votum der Aktionäre einzuholen, was aus Zeitgründen unmöglich war.
Unklar war am Sonntagabend, ob der Rückzug Barclays endgültig war oder nicht. Barclays war im Zuge der Gespräche als letzter Interessent übriggeblieben. Finanzminister Paulson wollte vermeiden, erneut Geld der Steuerzahler für die Rettung einer Wall-Street-Bank zu riskieren.
Nach den zuletzt in New York diskutierten Plänen sollte Barclay das profitable Aktiengeschäft oder die Vermögensverwaltung Neuberger Berman übernehmen. Die zweifelhaften Immobilienkredite - sie waren Auslöser der Existenzkrise von Lehman - sollten in einer so genannten "Bad Bank" zusammengefasst werden.
Diese Bank müsste von einem der Beteiligten mit Kapital ausgestattet werden. Als weitere Interessenten für Teile Lehmans galten zeitweise die Bank of America, die Finanzinvestoren Bain Capital, Clayton Dubilier & Rice und J.C. Flowers, und der Staatsfonds China Investment.
Die Gespräche in New York sind auch ein Wettlauf gegen die Zeit. Die Teilnehmer wollten unter allen Umständen eine Lösung finden, noch ehe am Montag die Börsen öffneten. Ein Ende der Verhandlungen war am Sonnatgabend noch nicht abzusehen.
Finanzministerium und Notenbank wollen offensichtlich die großen Kreditinstitute der Vereinigten Staaten in eine Lösung einbinden. An den Gesprächen in New York nahmen unter anderem die Chefs von Citigroup, Vikram Pandit, von JP Morgan, Jamie Dimon, von Goldman Sachs, Lloyd Blankfein, und von Merrill Lynch, John Thain, teil.
Im Falle eines Zusammenbruchs von Lehman wird eine gefährliche Kettenreaktion befürchtet. Geschäfte zwischen Lehman und anderen Handelspartnern müssten schlagartig rückabgewickelt werden, Immobilienkredite würden unter Druck zu Niedrigstpreisen auf den Markt geworfen, was andere Banken zwingen würde, ähnliche Kredite in ihren Büchern radikal abzuschreiben. Die Folge wäre ein plötzlicher zusätzlicher Kapitalbedarf.
Der Verband der Derivate-Händler stellte sich am Sonntag bereits auf einen Bankrott von Lehman ein. Die Organisation ISDA setzte eine zweistündige Notfall-Handelssitzung mit Händlern an der Wall Street und ihren Lehman-Partnern an. Dort sollten Derivate aus den Bereichen Kreditmarkt, Firmenkapital, Zinsen, ausländische Währungen und Rohstoffe gehandelt werden. Ziel der Sitzung sei, Risiken im Zusammenhang mit einem möglichen Konkursantrag von Lehman zu reduzieren, hieß es.
Die Krise um Lehman war vorige Woche außer Kontrolle geraten, als der geplante Einstieg der Koreanischen Entwicklungsbank KDB scheiterte. Lehman-Chef Richard Fuld legte daraufhin das Konzept für eine radikale Schrumpfung der Bank vor, das aber an den Finanzmärkten kein Vertrauen mehr fand. Am Freitag stürzten an der New Yorker Aktienbörse die Kurse der wichtigsten Finanztitel ab. Lehman verlor noch einmal 13,51 Prozent, Merrill Lynch 12,25 Prozent und der Versicherer AIG 30,83 Prozent.
Besonders ernst ist die Lage bei AIG. Der Versicherungskonzern ist von den Folgen der Finanzkrise schwer getroffen und braucht, ähnlich wie Lehman, dringend frisches Kapital. Wie es in New York hieß, wird der Chef von AIG, Robert Willumstad, noch an diesem Montag ein Konzept zur Kapitalbeschaffung vorlegen. Als wahrscheinlich gilt, dass große Teile des Konzerns verkauft werden. Auch Merrill Lynch könnte nach Medienberichten zusätzliches Kapital benötigen.
In Nizza berieten unterdessen die Finanzminister der EU über die globale Krise. Sie drängten auf eine schärfere Kontrolle der internationalen Banken. Bundesfinanzminister Peer Steinbrück forderte die Vereinigten Staaten auf, schnell eine Lösung für Lehman zu finden.
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(SZ vom 15.09.2008/dmo)
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