Interview: S. Boehringer

Der Frankfurter Ökonom Paul Schmidt analysierte 200 Finanzkrisen. Seine Erkenntnis: Die Preise von Immobilien sind so wichtig wie die von Obst.

Hätte die Welt die Krisen der 90er Jahre sorgfältig studiert, wäre es dieses Mal nicht so schlimm gekommen, glaubt Professor Paul Schmidt, der an der Frankfurt School of Finance & Management lehrt. Schmidt beklagt, dass auch nach dem Weltfinanzgipfel eine Strategie zum Umgang mit solchen dramatischen Fehlentwicklungen fehle.

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Kein vernünftiges Frühwarnsystem: Zentralbanken auf der ganzen Welt richten nach Auffassung des Ökonomen Paul Schmidt ihre Geldpolitik fast nur auf die Verbraucherpreise aus. Sie beobachteten zwar die Preise für Bananen und Haarschnitte, guckten aber nicht auf die Veränderung der Vermögenspreise. In den meisten Ländern machen die Verbraucherpreise aber nur etwa die Hälfte der Wirtschaftsleistung aus. (© Foto: AP)

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SZ: Herr Schmidt, seit fast zwei Jahren verfolgt uns die wohl schwerste Weltwirtschaftskrise der Neuzeit. Während viele Menschen das "K-Wort" schon nicht mehr hören können, haben Sie fast zweihundert Wirtschafts- und Finanzmiseren der Vergangenheit ausführlich analysiert. Warum machen Sie das?

Paul Schmidt: Weil ich herausfinden wollte, warum die Welt seit dem Ende des Systems fester Wechselkurse von Bretton Woods in den frühen 70er Jahren immer öfter zunehmend heftigere Krisen durchhalten muss.

SZ: Welche Erkenntnisse haben Sie?

Schmidt: Zunächst einmal gibt es die Erkenntnis, dass Finanzkrisen nicht wie Manna vom Himmel fallen. Sie treten nur dann auf, wenn bestimmte Schocks auf Finanzsysteme treffen, die vorher schon verwundbar waren. Jede Krise ist anders, aber es gibt gemeinsame Muster, die sich wiederholen.

SZ: Was genau wiederholt sich?

Schmidt: Es kommt zu einem spekulativen Boom an irgendeinem Vermögensmarkt, etwa dem Aktien- oder dem Immobilienmarkt oder beidem. Finanziert wird das Ganze oft über Darlehen und Kapital aus dem Ausland. Und genau dies ist meistens der Schwachpunkt. Denn sobald es nicht mehr so gut läuft, platzt die Blase, weil das Kapital abwandert und die Kreditwürdigkeit schlechter wird. Infolge der Schuldenfinanzierung kommt es zu einer Kettenreaktion. Und wenn ein Land Pech hat, setzen sich noch Spekulanten à la George Soros auf den Trend und verstärken ihn. Meistens nehmen sie Kredite in der Währung des krisengeschüttelten Landes auf, werfen die Devisen auf den Markt, und setzen darauf, dass der Wechselkurs kräftig abwertet, um die eigenen Schulden dann später billiger zurückzuzahlen.

SZ: Das klingt sehr vorhersehbar. Warum hatten wir dann in den vergangenen Jahren so viele Finanzmarktkrisen in immer kürzeren Abständen?

Schmidt: Das System ist verwundbar, weil der Bankensektor immer wieder exzessiv Kredite vergeben darf, mit denen solche Blasen erst gezüchtet werden. Hier spielen viele Faktoren zusammen, oft eine zu lockere Geldpolitik der Zentralbank, ein Anheizen des Kreditbooms durch Bürgschaften und Garantieren der Regierung, falsche Anreize für die Manager von Banken, Versicherungen und Fonds, und fast immer grundlegende Versäumnisse in der Aufsicht über Finanzinstitute. Das war in Japan in den 1990er Jahren so, das war auch in den Vereinigten Staaten bis vor kurzem so.

SZ: Wagen Sie eine Prognose für den Ausgang der aktuellen Misere?

Schmidt: Ob es die schlimmste Krise wird, kann man erst im Nachhinein beurteilen. Noch ist sie es nicht, die große Depression in den 1930er Jahren war sicherlich verheerender. Um die heutige Situation in den Griff zu bekommen, muss es auf jeden Fall gelingen, einen Rückfall in protektionistische Wirtschaftspolitiken zu vermeiden.

SZ: Was kommt nach der Krise? Brauchen wir ein neues Finanzsystem oder reicht das Nachjustieren von Regeln?

Schmidt: Es reicht nicht, nur an neuen Regelwerken herumzuschrauben, es braucht eine umfassende Reform des Weltfinanzsystems, und das nicht erst seit heute. Schon aus der Südostasienkrise in den 90er Jahren hätte man die richtigen Lehren ziehen können und müssen, dann wäre die jüngste Krise gar nicht oder zumindest nicht in dem Umfang ausgebrochen.

Lesen Sie auf der zweiten Seite, warum die Anleihenkurse nach Auffassung Schmidts sinken werden.

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  1. Sie lesen jetzt "Notenbanker gucken zu sehr auf Bananen"
  2. Kein befriedigend funktionierendes Weltfinanzsystem
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