Eine durchkapitalisierte Gesellschaft ist eine bodenlose Gesellschaft. In ihr kommt der Mensch nur noch im Überbau vor, als "Humankapital". Auch als "Ich-AG" kann der Arbeiter notfalls noch überleben, sozusagen ein Homunkulus, der Vorstandschef, Hauptaktionär, Arbeitnehmer und Kunde seiner selbst ist. Ohne die Maske des Kapitals rührt sich eben nichts mehr in der kapitalistischen Gesellschaft. In einer solchen Gesellschaft flattern die Menschen wie die Zugvögel hinter dem Kapital her. Heimatlos ist der moderne Arbeitnehmer. Er gehört nirgends dazu. Zum Unternehmen jedenfalls nicht, das ist längst zur Kapitalsammelstelle degeneriert.
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Jahrtausende hat der Mensch gebraucht, um Sesshaftigkeit zu üben. Jetzt wird ihm wieder Wanderschaft zugemutet. Mobilität soll sein Wesen ausmachen. Nur nicht festlegen, nur nicht festsitzen. Immer offen und beweglich soll er sein. Der Tagelöhner ist die Leitfigur der mobilen, flexiblen Wirtschaft, die keine anderen Regeln mehr kennt als profitablen Kapitaleinsatz. Deshalb weg mit Kündigungsschutz, weg mit Mitbestimmung und so weiter. Arbeit ist Arbeitskraft und sonst nichts.
Leistung ist kein Glücksspiel
Doch der Mensch ist nicht so knochenlos, wie es die neue Biegsamkeit verlangt. Die Natur des Menschen schlägt zurück. Der Neoliberalismus scheitert am Menschen, wie er ist, sein will und soll. Erst wenn sich das Kapital wieder in Eigentum zurückverwandelt, also wenn Mein und Dein wieder identifizierbar sind, hat es eine Überlebenschance. Eigentum muss auf Arbeit fußen, wenn es seine Legitimation erhalten will. In der christlichen Soziallehre rechtfertigt sich Eigentum als "Frucht der Arbeit". Eigentum, das nicht in Arbeit seinen Ursprung hat, stand dagegen immer unter dem Verdacht, gestohlen zu sein, wurde allenfalls als "Besitzergreifung herrenlosen Gutes" akzeptiert.
Arbeit, mit der Eigentum legitimiert wird, kann freilich in vielerlei Gestalt auftreten. Sie kann auch eine Finanzdienstleistung sein, aber nur so lange sich diese Finanzdienstleistung in der Pflicht sieht, dem Allgemeinwohl zu dienen. Die Leistung, auf der die Marktwirtschaft basiert, ist kein Glücksspiel, sondern Motivation und Legitimation für Erfolg. Arbeit ist die reale Quelle des Wohlstandes. Das wusste Adam Smith, der als Erfinder der Marktwirtschaft gilt. Seine neoliberalen Nachfahren haben es vergessen.
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(SZ vom 25.09.2008/mel)
BonjourCarole...... genau da "liegt der Hund begraben".
Vor einigen...vielen Jahren war man vielleicht noch etwas MÜNDIGER als Bürger, denn man konnte sich, indeed, noch das an Rente einmalig auszahlen lassen, was eingezahlt wurde.
Damit haben einige Leute das Land verlassen, um sich anderswo ein Plätzchen zu suchen - wie meine Eltern in Australia.
Heute sieht man die Rente zweckentfremdet oder gar nicht mehr - wer weiß.......
"Wenn die Arbeitnehmer den Quatsch mit der zusätzlichen privaten Rentenversicherung bleiben lassen würden und dafür etwas mehr in die staatliche zahlen und der Staat die Renteneinzahlungen nicht zweckentfremden würde, wäre alles kein Problem. "
Lieber Herr Daniel R., Ihr Vorschlag ist sinnvoll, aber leider liegt genau HIER das Problem. Rufen Sie doch mal bei der Service-Hotline der Deutschen Rentenversicherung an und fragen Sie einmal nach der Kontonummer, auf die Sie monatlich zusätzliche Beiträge überweisen möchten, die über den Pflichtbeitrag, den Sie selbst und ihr Arbeitgeber monatlich einzahlen, hinaus gehen. Wie Sie sehen werden, ist nämlich genau diese Möglichkeit gesetzlich nicht vorgesehen. Die Option des mündigen Bürgers, selbst zu entscheiden, ob er sein übriges Netto am Monatsende zur Stärkung der sozialen Sicherungssysteme verwenden will oder ob er dieses auf den Kapitalmarkt tragen möchte, ist somit nicht vorhanden, und die Mär vom mündigen Bürger eine Geschichte aus den Schulbüchern.
Die Grundaussage Deutschland habe keine Kinder mehr, deshalb sollte jeder einzelne privat vorsorgen, war und ist in Realität ein Marketing-bzw. PR-Trick der Versicherungsbranche.
Angenommen jede deutsche Frau hätte 5 Kinder, wer gibt denn die Garantie, dass diese im Land bleiben und damit die Rentenbeiträge finanzieren.
Es gibt weltweit genug Menschen, die sich hier ein produktives Leben vorstellen können, man muss ihnen aber im Gegenzug etwas dafür bieten. Mit Sozialdumping und einer anachronistischen Blut und Boden-Ideologie ist eine kulturelle und wirtschaftliche Integration nicht machbar. Wenn an dieser Stelle investiert wird erhöht sich vermutlich auch die native Geburtenrate. Es ist aber eine gut angelegte Investition wesentlich besser als fragwürdige Versicherungsverträge.
Natürlich war die staatliche Rente sicher !
und sie wäre es immer noch:
Der Unsinn mit der zu niedrigen Geburtenrate ist doch nur Marketing-Propaganda der privaten Versicherungsindustrie, die die entsprechenden Statistiken bei den Wissenschaftlern bestellt hat.
In Wirklichkeit sind die Schwankungen der Geburtenrate in Deutschland gar nicht so dramatisch: 1,11 Mio. Lebendgeburten (1950), Maximum: 1,3 Mio. (1965), 780 000 (1975), 905 000 (1990), seitdem schwankend zwischen 705 000 und 830 000.
http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Presse/pm/2006/03/PD06__122__126.psml
Dafür war die Kindersterblichkeit früher erheblich höher als heute und die Menschen haben eine niedrigere Lebenserwartung gehabt.
Also kein merklicher Einfluss der Geburtenrate zu erwarten.
Wenn die Arbeitnehmer den Quatsch mit der zusätzlichen privaten Rentenversicherung bleiben lassen würden und dafür etwas mehr in die staatliche zahlen und der Staat die Renteneinzahlungen nicht zweckentfremden würde, wäre alles kein Problem.
Aber die Marketing-Propaganda und der Lobbyismus wirken leider
@seppalino:
Auf die Formel "Selbstverwirklichung ist heute wichtiger als Familienplanung" können wir uns auf alle Fälle einigen.
Was die Ursache dafür angeht, bin ich eher der Auffassung, dass dies eine mehr oder weniger prinzipielle Folge wachsenden Wohlstands ist, der die Freiräume für ein Nachdenken über Selbstverwirklichung schafft. Aber das ist natürlich auch nicht so einfach zu belegen. Und nicht vergessen sollte man schlichtweg auch die, zufällig in die 60er fallende, Erfindung der Pille, die Frauen eine vollständig selbstbestimmte Geburtenplanung erst ermöglicht hat. Zum Glück, wohlgemerkt.
Ohne 'die 68er' (zahlenmäßig damals übrigens sicher deutlich in der Minderheit, nur halt lauter als der Rest) hätten die entsprechenden gesellschaftlichen Veränderungen vielleicht länger gedauert, aber ich glaube nicht, dass es heute ohne sie insgesamt viel anders aussähe. Wer würde noch ernsthaft im Deutschland der 50er und frühen 60er leben wollen?
Aber das ist im Hinblick auf die Zukunft der Rente ja auch alles nicht mehr so wichtig. Reine Privatvorsorge ist jedenfalls sicher keine Lösung. Vielleicht für Sie und mich und alle anderen, die es sich theoretisch leisten könnten, Geld vernünftig anzulegen. Aber es gibt ja auch noch die (Mehrheit), die dies ganz sicher nicht kann. Und für die ist ein, wie auch immer geartetes, staatliches System schlicht notwendig.
Und außerdem: Was macht man mit denen, die, wie Sie im ersten Post schreiben, aufs falsche Pferd gesetzt haben? Haben die dann eben Pech gehabt und müssen im Alter hungern? Das mag eine Lösung für Amerika sein, da will ich gar nicht weiter spekulieren.
Hier dürfte es schwierig werden, eine Mehrheit dafür zu finden. Die meisten wissen nur zu gut, dass man auch selber schnell aufs Pferd setzen kann - zumal man das im Falle von in Amerika üblichen Firmen-Pensionsfonds ja noch nicht mal selber in der Hand hat.
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