Ein Kommentar von Nikolaus Piper

Amerikas Notenbank versucht, die Panik an den Weltbörsen zu beenden. Doch die große Zinssenkung sieht selbst wie Panik aus.

Eine Woche vor ihrer regulären Sitzung hat die Federal Reserve den Leitzins um nicht weniger als einen dreiviertel Prozentpunkt gesenkt. Das gab es weder beim Börsenkrach von 1987 noch nach den Terrorangriffen vom 11. September 2001. Als sicher gilt, dass die Notenbank in der kommenden Woche einen weiteren Zinsschritt um 0,5 Prozentpunkte folgen lässt.

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Die Sorgenfalten bei Fed-Chef Ben Bernanke: Können die Zinssenkungen ein Rezession verhindern? (© Foto: dpa)

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Damit würde Geld binnen weniger Tage um 1,25 Punkte billiger werden - ein historisch einmaliger Vorgang. Auch die Erklärung der Fed hört sich bedrohlich an. Von einer schlechteren Verfassung des Finanzmarkts ist die Rede, von einer Verschlechterung auf dem amerikanischen Immobilienmarkt und vom Risiko, dass alles noch schlimmer kommen könnte.

Trotz seiner ganzen Dramatik konnte der Zinsschritt den Ausverkauf an den Börsen zunächst nicht beenden. Es lässt sich nur ahnen, wie besorgt Notenbank-Chef Ben Bernanke und sein Team wirklich sind. Zwar wird jetzt in den Vereinigten Staaten eine Rezession erwartet, dem Wohnungsbau und den Banken geht es schlecht. Aber diese beiden Sektoren machen nur zehn Prozent der amerikanischen Wirtschaft aus.

Zudem gibt es keine neuen Informationen, die den Kurssturz der vergangenen Tage rechtfertigen könnten. Die schlechten Ergebnisse der großen Institute an der Wall Street waren erwartet worden und die Zahlen aus dem Rest der Wirtschaft sind gar nicht so schlecht. Die Unternehmen verdienen gut, selbst der Anstieg der Arbeitslosenzahlen zum Jahreswechsel blieb moderat. Die eigentliche Gefahr liegt darin, dass die Furcht an den Aktienmärkten selbst zum Auslöser einer schweren Rezession wird, dass die Börsianer also die schlimmen Dinge auslösen, vor denen sie sich fürchten.

Solle der Kursverfall weitergehen, kommen die Banken auf doppelte Weise unter Druck. Bisher schon sind sie zu massiven Abschreibungen auf notleidende Hypothekenkredite gezwungen. Wenn jetzt noch das Aktienvermögen in ihren Büchern schrumpft, werden sie gezwungen sein, ihr Kreditangebot dramatisch zurückzunehmen. Und das kann unabsehbare Folgen für die übrige Wirtschaft haben. Vermutlich will die Federal Reserve mit ihrem radikalen Schritt genau dieser Gefahr vorbeugen.

Hier ist auch die europäische und die deutsche Wirtschaft betroffen. Eines der positiven Ergebnisse der Globalisierung in jüngster Zeit war es, dass sich einige Volkswirtschaften von den Vereinigten Staaten teilweise entkoppeln konnten. China, Indien, Russland, Brasilien und andere Länder entwickelten einen selbsttragenden Aufschwung und wurden selbst Motoren der Weltwirtschaft.

Gefährliche Entscheidung

Europa wuchs im vergangenen Jahr erstmals seit 2000 schneller als die USA; der Unterschied war zwar nicht groß, er berechtigte aber zu der Hoffnung, dass sich die Wirtschaft des alten Kontinents von der des Partners jenseits des Atlantiks emanzipieren könne.

Nur an den Finanzmärkten hat diese Entkopplung nicht stattgefunden. Noch immer gibt die Wall Street den Takt der Weltbörsen vor. Noch immer passen sich Europäer und Asiaten den amerikanischen Kursen an. Und wenn die New York Stock Exchange einmal wegen eines Feiertags geschlossen ist, wie an diesem Montag, kann allein dies die Panik befördern. Die Wurzel der gegenwärtigen Krise liegt im US-Hypothekenmarkt und den unseriösen Praktiken dort. Die ersten Banken jedoch, die es getroffen hat, waren zwei deutsche Institute, die glaubten, davon profitieren zu können.

Die Zinssenkung der Fed vom Dienstag ist gefährlich. Kurzfristig, weil sie selbst nach Gefahr riecht. Mittelfristig, weil das viele billige Geld irgendwann entweder Inflation oder die nächste Spekulationsblase erzeugen kann. Die Risiken der Finanzkrise für die Realökonomie sind aber inzwischen so groß geworden, dass der dramatische Schritt vermutlich trotzdem gerechtfertigt ist. Er zeigt immerhin, dass die Fed die führende Rolle Amerikas auf den Weltfinanzmärkten ernst nimmt.

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(SZ vom 23.1.2008/woja)