Tomáš Sedláček und seine Welt Die WM? Eine Tragödie!

Er will mehr als unterhalten: Tomáš Sedláček.

(Foto: Henning Kaiser/dpa)

Gesamtgesellschaftlich gesehen sei die Fußball-WM keine gute Sache, behauptet der Bestsellerautor Tomáš Sedláček. In Frankfurt stellt er den Sinn und Zweck von Wachstum in Frage - und warnt vor einer drohenden Depression.

Von Andrea Rexer, Frankfurt am Main

Manche nennen ihn den Kobold der Ökonomie. Und zwar nicht nur, weil der tschechische Bestsellerautor und Ökonomie-Star Tomáš Sedláček gern mit roten Socken und Hose im Schottenkaro seine Vorträge hält, sondern weil er Dinge sagt, die durchdacht sind - aber keinesfalls der Norm entsprechen. Solange der 37-Jährige auf dem Podium steht, bezieht er sich meist auf sein angestammtes Feld, die Ökonomie.

Aber wenn man mit ihm abseits der Bühne spricht, merkt man schnell, dass sich die Haltung durch sein ganzes Leben zieht. Die Fußball-WM zum Beispiel sieht er so: "Am Ende gewinnt nur ein Land. Und alle anderen stürzt die WM in die Tragödie. Vom gesamtgesellschaftlichen Nutzen her gesehen ist das eigentlich keine gute Sache!", sagt er und lacht.

Sedláček ist nicht nur Ökonom, sondern auch Philosoph, Journalist - und Banker. Sein Sohn sagt auf die Frage, was Papa denn mache: "Er erzählt Märchen für Erwachsene und kriegt dafür Geld." Bekannt wurde er mit seinem Bestsellerbuch "Die Ökonomie von Gut und Böse".

"Warum wollen wir unbedingt Wachstum?"

Doch er will sein Publikum nicht einfach unterhalten. Ihm geht es darum, die Menschen zum Nachdenken zu bringen, Fragen aufzuwerfen, die vor ihm keiner aufgeworfen hat. Bisweilen irritiert er damit sein Publikum erheblich. "Warum wollen wir unbedingt Wachstum?", fragte er die Gäste des Instituts Zukunft der Ökonomie, die auf Einladung des Philosophen Peter Sloterdijk am Dienstag in die Räume der Schweizer Bank UBS kamen. "Ich gehe einen Schritt weiter: Wachstum ist gefährlich", so Sedláček.

Und schon ist er mitten drin in der Erzählung, wie Wachstum die Wirtschaft manisch werden lässt, wie sich Europa an der Schuldendroge berauscht, ohne zu fragen, wozu denn Wirtschaft und Wirtschaftswachstum überhaupt dient. "Hat jemals jemand danach gefragt, was das Telos, der tiefere Zweck, der Wirtschaft ist? Das fehlt in unseren Lehrbüchern. Geht es darum, sicherzustellen, dass Menschen etwas zu essen und anzuziehen haben? Diese Mission ist in den meisten Ländern Europas erfüllt. Wozu also noch mehr Wachstum?"

Im Schuldenrausch bemerkten wir gar nicht, welchen Schmutz wir unter den Teppich gekehrt hätten. Doch irgendwann ließen sich die Risiken nicht mehr verstecken, und dann komme die Depression. So wie bei jedem Einzelnen nach einem erreichten Ziel eine Depression eintreten kann, bis man sich ein neues Ziel setzt, nach dem man strebt.