Thema Geld in Beziehungen Der Wert der Liebe

Tabuthema Finanzen: Noch seltener als über Sex reden Paare über das gemeinsame Geld - und wenn, dann meistens im Streit. In zweiter Ehe pochen viele auf getrennte Konten.

Von Silke Bigalke

Mara und Eva aus Köln sind seit drei Jahren ein Paar, seit einem Jahr leben sie zusammen. Ihre Ausgaben für Miete und Kühlschrank-Füllung teilen die Studentinnen genau durch zwei. Während bei Mara das Geld meist knapp ist, hat Eva ein komfortables Polster. Ihrer Lebensgefährtin zuliebe verzichtet sie auf vieles, was Mara sich nicht leisten kann, auf teure Konzertbesuche oder lange Urlaubsreisen. Ihre finanziellen Probleme sind Mara unangenehm, deswegen möchte sie nicht mit ihrem richtigen Namen genannt werden. Und deswegen lehnt sie Darlehen oder Geldgeschenke von der Freundin strikt ab. "Bisher wirtschaften wir unabhängig von einander", sagt sie. "Es würde sich komisch anfühlen, wenn Eva für mich mit zahlt."

Mara hat Angst, Eva etwas zu schulden. Schon als Kind hat sie erlebt, wie die Geldsorgen der Eltern oft zu Konflikten führten. Paare streiten so häufig über ihre Finanzen, weil sie hier besonders verwundbar sind. Denn wer finanziell von einem anderen Menschen abhängt, der riskiert damit seine Freiheit und seine Sicherheit. "Geldkonflikte können so zur existentiellen Bedrohung werden", sagt Paartherapeutin Mia von Waldenfels.

Der einzige Ausweg sei, bereits früh in der Beziehung offen über Geldfragen zu sprechen. Doch das tun die Wenigsten. Eine Studie der Comdirect Bank hat ergeben, dass die Deutschen noch seltener über Geld sprechen als über Sex. Geld ist ein Tabuthema, weil wir glauben, zwischen Geld und Liebe wählen zu müssen, sagt von Waldenfels. Am Anfang der Beziehung entscheiden sich Paare für die Liebe und sind meist sehr großzügig: Er lädt sie zum Essen ein, sie schenkt ihm ihre ganze Aufmerksamkeit. "Wenn einer von beiden jetzt über Geld spricht, hält der andere ihm sofort vor, das eigene Konto über die gemeinsame Beziehung zu stellen", sagt von Waldenfels. Also schweigen beide darüber, was sie sich leisten können oder wie sie gemeinsame Ausgaben aufteilen wollen.

Wenn die Verliebtheit nachlässt, kann Großzügigkeit schnell in Geiz umschlagen. Beide gehen nicht mehr so häufig aus, essen zu Hause vor dem Fernseher. Sie beginnen zu knausern, mit Geld, mit Aufmerksamkeit und mit Wertschätzung für den anderen. In der Geizphase bringen sie alle überfälligen Geldfragen auf den Tisch. "Anstatt wie Verliebte aufeinander einzugehen, sehen sie dann ihre Freiheit bedroht und gehen wie Raubtiere aufeinander los", sagt von Waldenfels. Meist sitzt der Besserverdienende dann am längeren Hebel.

So war es auch in der Ehe von Ines Becker. Die 32-jährige Betriebswirtin arbeitet in einer Führungsposition in einem großen Stahlunternehmen, ihr Mann ist Taxifahrer. Ines zahlt alle gemeinsamen Ausgaben. Früher wollte sie dafür auch zu Hause Chefin sein und traf alle Entscheidungen allein, vom Urlaubsziel bis zur Farbe der Wohnzimmermöbel. "Das Miteinander hat völlig gefehlt", erinnert sie sich. Erst als ihr Mann die Notbremse zog und sich einige Zeit von ihr trennte, wurde Ines ihr Verhalten bewusst. Heute sprechen beide offener über alle Konflikte. "Wenn ich in meine alte Rolle zurückfalle, sagt mein Mann sofort: So nicht."

Was ist die Arbeit im Haushalt wert?

Am Beispiel der Beckers wird deutlich, dass Geld in unserer Gesellschaft mehr ist als ein Zahlungsmittel. "Der Wert eines Menschen wird darüber definiert, was er verdient", sagt Rolf Haubl, der an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt Soziologie und Sozialpsychologie lehrt. Oft mache das dem Partner mit dem geringeren Einkommen zu schaffen. Großes Konfliktpotential birgt dann die Frage, was die Arbeit im Haushalt oder die Kindererziehung in Euro und Cent wert ist. Denn der Hauptverdiener, bis heute meistens der Mann, stellt dem Partner, der zu Hause bleibt, Geld zur Verfügung. Paarberater warnen davor, von "Taschengeld" zu reden - das sei degradierend.

Egal wer es verdient - Paare sind oft uneins darüber, wofür sie ihr Geld ausgeben. Erich Kirchler lehrt an der Wiener Universität Psychologie und unterscheidet bei Geldstreitigkeiten unter anderem zwischen Wert- und Verteilungskonflikte. Wertkonflikte sind am schwersten zu lösen, weil die Partner dabei grundlegend unterschiedliche Ziele verfolgen. Beispielsweise will sie einen Nerzmantel kaufen, doch er lehnt Pelz ab. Verteilungskonflikte hingegen entstehen, wenn die Mittel nicht ausreichen, um die Wünsche beider Partner zu erfüllen. Kirchlers Beobachtung: "Es setzt sich längst nicht mehr derjenige durch, der mehr verdient." Oft hat jeder seinen Zuständigkeitsbereich, in dem er sich besser auskennt als der andere. Beispielsweise managt ein Partner die Ausgaben für die Kinder. Der andere entscheidet, ob ein neuer Computer angeschafft wird. Schwierig wird es erst, wenn die Aufgaben nicht so klar vergeben sind.

Am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WBZ) haben Soziologen untersucht, wie unabhängig ein eigenes Einkommen den Einzelnen in einer Beziehung macht. Das Ergebnis: Entscheidender als der eigene Verdienst ist das Beziehungskonzept. Davon hängt ab, ob sich die Partner für getrennte oder gemeinsame Konten entscheiden und wie sie Kosten aufteilen. Die Forscher unterscheiden zwischen kollektivistischen und individualistischen Konzepten. Während ein Paar im Kollektiv Einnahmen und Güter eher teilt, ist es für die Individualisten wichtig, ein eigenes Konto und damit ihre Unabhängigkeit zu erhalten. So stellen sie sicher, dass sie allein der Liebe wegen zusammen bleiben - und nicht aus materiellen Zwängen.

Psychologe Kirchler berichtet, dass vor allem Paare, die bereits eine Ehe hinter sich haben, ihre Finanzen lieber getrennt voneinander regeln. "Sie sind vorsichtiger geworden", sagt er. "Die Teilbarkeit von Gütern ist auch ein Zeichen für den weiteren Verlauf der Beziehung." Demnach kaufen glückliche Paare eher Dinge ein, die sie im Falle einer Trennung nicht teilen können.