Von Nikolaus Piper und Karl-Heinz Büschemann

An dramatischen Worten fehlt es nicht: Der Ölpreis wird weiter steigen, warnen Experten. Noch in diesem Sommer könnte der Preis auf 170 Dollar je Barrel klettern.

Am Donnerstag ist wieder eine Marke gefallen: Erstmals in der Geschichte wurden in London für ein Fass Rohöl mehr als 145 Dollar bezahlt. Vor einem Jahr noch hätte so ein Preis als undenkbar gegolten. Damals kostete das 159-Liter-Fass noch knapp 70 Dollar, und das galt schon als extrem teuer. Und jetzt?Anfang dieser Woche sagte Nobua Tanaka, Direktor der Internationalen Energie-Agentur (IEA), auf der Weltenergie-Konferenz in Madrid den magischen Satz: Die Welt befinde sich "klar in einem dritten Ölschock". Der Präsident der Organisation erdölexportierender Staaten (Opec), Chakib Khelil, meinte, ein Preis von 170 Dollar "noch am Ende dieses Sommers" sei möglich.

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Das Geschäft mit dem Öl - Raffinerie in Saudi-Arabien. (© Foto: dpa)

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Die dramatischen Worte zeigen, dass die derzeitige Ölpreisteuerung einen epochalen Einschnitt markiert, möglicherweise fundamentaler noch als die beiden ersten Ölschocks der siebziger Jahre. Diese wurden durch einen politisch motivierten Rückgang des Ölangebots ausgelöst. Die Ursache des jetzigen Schocks ist ökonomischer Natur: Eine stürmisch wachsende Nachfrage aus ehemaligen Entwicklungsländern trifft auf ein kaum noch steigerbares Angebot.

Die erste Ölkrise begann am 6. Oktober 1973, als ägyptische und syrische Truppen Israel angriffen. Die Opec drosselte daraufhin ihre Produktion, um den Westen zu einer israel-feindlichen Politik zu zwingen. Der Ölpreis stieg binnen weniger Tage von drei auf fünf Dollar und im folgenden Jahr auf zwölf Dollar - Zahlen, die aus heutiger Sicht fast komisch wirken, damals aber eine Katastrophe für die Weltwirtschaft bedeuteten. Der zweite Schock folgte nach der islamischen Revolution im Iran. Am 22. September 1980 griff Iraks Diktator Saddam Hussein, damals ein Verbündeter des Westens, das geschwächte Nachbarland an. Das führte zu Förderausfällen, die den Ölpreis auf 38 Dollar steigen ließen.

Lehren aus den 70er Jahren

Die beiden Schocks waren so schlimm, weil sie die Industrieländer unvorbereitet trafen, was schwere Fehler in der Wirtschaftspolitik auslöste. In der Bundesrepublik versuchten die Gewerkschaften, den Kaufkraftverlust durch Lohnforderungen auszugleichen. Im Krisenwinter 1974 setzte die Gewerkschaft ÖTV (die Vorgängerorganisation von Verdi) in einem spektakulären Streik Lohnerhöhungen von elf Prozent durch. Um den Inflationsschub zu bremsen, erhöhte die Deutsche Bundesbank die Zinsen, wodurch sich die Krise verschlimmerte.

In der gesamten entwickelten Welt mündete die Krise in der "Stagflation": Das Wachstum war in den siebziger Jahren niedrig, dies paarte sich mit einer hohen Inflation und steigender Arbeitslosigkeit. Erst nach dem zweiten Ölschock gelang es, unter großen Opfern, den Anstieg der Preise zu brechen.

Wegen der Erfahrung mit der Stagflation sind die Notenbanken heute sensibel. Die Zinserhöhung der Europäischen Zentralbank vom Donnerstag ist so zu erklären: Die Notenbanker haben festgestellt, dass die Gewerkschaften, besonders in Deutschland, damit beginnen, die hohen Energiepreise in ihre Lohnforderungen einzubauen, was eine Lohn-Preis-Spirale wie in den siebziger Jahren auslösen könnte. Dem will die EZB vorbeugen.

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