Von Alexander Mühlauer

Einfache Arbeiter finden immer seltener einen Job: Unterwegs mit einem Tagelöhner, der seine Arbeitskraft jeden Morgen neu verkauft.

Kurz bevor die Sonne aufgeht, wird ein Beton-Flachbau im Münchner Schlachthofviertel grell erleuchtet. Neonröhren strahlen auf einen weißgekachelten Raum, der halb so groß ist wie ein Fußballfeld. Hierhin kommen die, die in dieser Stadt ihre Arbeitskraft jeden Tag aufs Neue verkaufen müssen. Heute sind es etwa 110 Männer. Sie starren auf die Glaswand, hinter der der Job-Vermittler auftauchen wird. An den Wänden hängen vergilbte Plakate, die das München der siebziger Jahre zeigen, als Schlaghosen in Mode und Arbeitsplätze noch sicher waren.

Anzeige

Max Kobell*, 41, ist um halb Fünf aufgestanden, hat ein Stück Brot mit Margarine gefrühstückt und kommt gegen Sechs in den Flachbau. Wie jeden Tag setzt er sich in die letzte der sieben Stuhlreihen, um auf Arbeit zu warten. Möbel schleppen, Wohnungen entrümpeln, Obstkisten sortieren, egal was. Hauptsache, er bekommt eine Handvoll Euro.

Viele Deutsche vermuten womöglich, dass die Daseinsform eines Tagelöhners im Wohlstandsland Bundesrepublik ausgestorben ist. Doch diese Art von Beschäftigung nimmt zu. Seit 1990 haben Unternehmen in Deutschland 3,2 Millionen Jobs in der Industrie abgebaut. So wie der Handyhersteller Nokia, der sein Bochumer Werk schließt und trotz eines Milliardengewinns 2300 Stellen nach Rumänien verlagert.

Boden rausreißen, vier Stunden, acht Euro

"Einfachere Arbeit wird mehr und mehr ins Ausland transferiert oder durch Maschinen ersetzt", erklärt Markus Promberger vom Forschungsinstitut der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg. "Für Geringqualifizierte gibt es immer weniger voll sozialversicherte, feste Stellen - vor allem im industriellen Bereich." Viele Menschen weichen auf Minijobs oder Zeitarbeit aus. Als letzter Ausweg bleibt, wie Kobell seine Arbeitskraft jeden Tag neu anzubieten - und zu hoffen, dass sich etwas findet. Inzwischen gibt es etwa eine Million Tagelöhner in Deutschland, schätzen die Nürnberger Forscher.

Wie alle Tagelöhner weiß Max Kobell nicht, was heute passieren wird. Die letzten drei Tage hatte er Pech. Kein Job. Kein Geld. Nichts zu machen. Er wartet an so einem Tag in dem Beton-Flachbau im Schlachthofviertel von sechs Uhr morgens bis zwei Uhr nachmittags.

Man sieht Kobell nicht an, dass er von der Hand in den Mund lebt. Er achtet auf sein Äußeres, die schwarze Daunenjacke ist ebenso wenig schmuddlig wie die dunkle Jeans. Nur die tiefen Augenringe und Stirnfalten in seinem Gesicht lassen ihn zehn Jahre älter erscheinen.

Kobell sitzt schweigend auf seinem Stuhl in der letzten Reihe. Die anderen Männer schweigen auch. Keiner grüßt, wenn jemand den Flachbau betritt. Ab und zu muss einer niesen, weil der starke Essigreiniger in der Nase kitzelt. Dann herrscht wieder Ruhe. 110 Männer im Raum und minutenlang kein einziges Geräusch. Stille.

Um 6.47 Uhr erheben sich Kobell und die anderen von ihren Stühlen. Ludwig Lackerschmid, 56, tritt ans Mikrofon hinter der Glaswand und liest vor: "Boden rausreißen, ein Mann, vier Stunden, acht Euro."

110 Männer heben die Hand. Lackerschmid, lange schwarze Haare, Zopf, mustert die Bewerber durch die Glaswand und zeigt mit dem Finger auf einen kräftigen Mittdreißiger in abgewetzter Lederjacke. Der nickt, geht langsam vor zur Glaswand und schiebt seinen Sozialversicherungsausweis durch den Schlitz. Mit der Hand voller Schwielen streicht er übers verschlafene Gesicht und geht hinaus auf die Straße, wo er im Morgengrauen verschwindet.

"Die Leute, die einen Tagesjob suchen, werden einfach immer mehr", sagt Lackerschmid." Sogar in München, das eine viel niedrigere Arbeitslosenquote hat als andere Großstädte." Seit 34 Jahren ist Lackerschmid als Arbeitsvermittler angestellt. Die Glaswand schirmt ihn von denen ab, die auf Arbeit nur hoffen.

Zu oft von Jesus erzählt

Max Kobell lernte Anfang der achtziger Jahre das Handwerk des Buchbinders. Als er damit fertig war, suchte niemand mehr Buchbinder. Die Stellen für Geringqualifizierte, auf die er ausweichen wollte, haben viele Firmen nach und nach gestrichen. Kobell hatte nur dreimal in seinem Leben eine feste Stelle. Acht Monate machte er Umzüge für die Bundeswehr, vier Monate für Siemens. Einen Monat verkaufte er Seidenbrokat im Laden eines Buddhisten. Als er dem Buddhisten zu oft von Jesus erzählte, flog er raus.

Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite

  1. Sie lesen jetzt Für eine Handvoll Euro
  2. Für eine Handvoll Euro
Leser empfehlen