Systematische Abrechnungsfehler bei Banken Die Zinsräuber

Falschberechnungen, zu frühe Abbuchungen oder zu späte Gutschriften - Beispiele wie Banken Kunden bei Krediten um riesige Beträge prellen, gibt es viele. Das haben Experten festgestellt. Die Institute weisen alle Vorwürfe von sich.

Von Andreas Jalsovec

Es war ein ungewöhnlicher Transport, der da im Januar 2010 von München nach Berlin rollte: 300 Aktenordner stapelten sich in dem Lkw, alle gefüllt mit Kontoauszügen. Ihr Ziel: das Büro der Berliner Firma Zinspruef. Dort nahm der Kreditsachverständige Ralph Hans Brendel die Fracht in Empfang.

Er und seine Mitarbeiter durchforsteten jeden Auszug danach, ob die Banken bei der Berechnung fälliger Kreditzinsen Fehler gemacht hatten. Das Ergebnis: Sie hatten - und nicht zu knapp. Fast 2,7 Millionen Euro hatten die Geldhäuser dem Kontoinhaber über zehn Jahre hinweg zu viel abgezogen.

"Als ich das erfuhr, habe ich ziemlich dumm geschaut", erzählt Anton Reich heute. "Ich konnte es nicht glauben." Der Münchner Unternehmer hatte die Aktenordner auf die Reise geschickt, um sie prüfen zu lassen. Ein Jahr zuvor hatte er sich entschlossen, sein Autohaus zu liquidieren. Massive Verluste hatten den Ford-Händler zu diesem Schritt gezwungen. Nun erfuhr er, dass die Hausbanken dem Betrieb über Jahre hinweg Zinsen abgezogen hatten, die sie nicht hätten kassieren dürfen.

Es geht um "Milliardensummen"

Für Ralph Hans Brendel ist das nichts Neues. "Bei sieben von zehn unserer Klienten finden wir solche Abrechnungsfehler", sagt der Sachverständige, der die Berliner Zinspruef seit 1989 fachlich leitet. "Das geht vom Studienkredit bis zum Darlehen für den Großbetrieb." Aufgrund von Gutachten seiner Kanzlei haben Banken allein 2011 knapp 13 Millionen Euro zurückerstattet - an mittelständische Firmen, Handwerker, Freiberufler oder normale Privatleute. "Deutschlandweit", glaubt Brendel, der auch Vorsitzender des Bundesverbandes der Kreditsachverständigen ist, "geht es um Milliardensummen."

Man mag es schwer glauben, doch nach Aussage von Sachverständigen wie Brendel prellen die Banken viele Kunden, die bei ihnen ein Darlehen aufnehmen, eine Kreditlinie eingeräumt bekommen oder mit dem Konto ins Minus rutschen, Jahr für Jahr um riesige Beträge. Das funktioniert, indem sie etwa zu viele Zinstage berechnen, die Zinsen bei variablen Krediten nicht mit dem Marktzins senken, Beträge dem Konto zu spät gutschreiben oder Abbuchungen zu früh belasten.

Solche Falschberechnungen gebe es flächendeckend und systematisch, sagt Olaf Kumpfert. Der Autor hat rund 170 Gutachten durchgearbeitet, in denen verschiedene Kreditsachverständige den Banken Fehler bei der Zinsberechnung nachweisen. Am häufigsten finde der "Zinsklau" - so der Titel des Buches, das Kumpfert dazu veröffentlicht hat - bei Banken und Sparkassen statt. Doch auch für private Institute, die sich ungerechtfertigt bei ihren Kunden bedient haben sollen, gibt es Beispiele.