Sun City Rentner unter sich

In dieser Stadt in Arizona leben nur zahlungskräftige ältere Menschen. Ein Umzug dorthin ist für viele die Erfüllung des American Dreams.

Von Kathrin Werner

Angenehm leben im Ruhestand, das erhofft sich, wer in die Rentnerstadt Sun City zieht.

(Foto: Lucy Nicholson/Reuters)

Gerade steht so einiges zum Verkauf in Sun City. Ein Bungalow mit Palme im Vorgarten zum Beispiel, drei Schlafzimmer, zwei Bäder, künstlicher Kamin, den man per Schalter anstellen kann, 205 000 Dollar. Oder die Doppelhaushälfte am Tropicana Circle, zwei Schlafzimmer, brandneue Klimaanlage, Doppelgarage, direkt am Golfklub gelegen, 170 000 Dollar. "Verpassen Sie das nicht", wirbt der Makler. Dutzende weitere Häuser sind zu haben, alle in einem ähnlichen Preisbereich, alle komplett ebenerdig. Treppen steigen können viele der Käufer schließlich nicht mehr so gut.

Mit im Paket bei diesen Immobilien sind all die Annehmlichkeiten, die Sun City zu bieten hat. In der künstlich angelegten Stadt gibt es unter anderem elf Golfplätze, sieben Sportzentren mit Tennisplätzen und Swimmingpools, etliche künstliche Seen, 30 Kirchen und eine Synagoge sowie Tausende Freizeitgruppen und Kurse für alles zwischen Aqua-Gymnastik und Zumba. Was es dagegen nicht gibt: Kinder. Wer ein Haus kaufen will, muss älter als 55 Jahre sein.

Die Sonne scheint an fast 300 Tagen im Jahr, das Wetter ist gut für die Knochen. Es gibt keine Schulen und kaum Kriminalität. Die Steuersätze sind niedrig. "Willkommen in Sun City, dem Original der Fun City!", wirbt der Betreiber. "Seit mehr als 50 Jahren blüht und gedeiht Sun City und ist zum uneinholbaren Anführer in Sachen Wert und Vitalität geworden."

Sun City liegt in der Wüste in Arizona im Südwesten der Vereinigten Staaten und ist eine Stadt nur für Rentner. Gut 40 000 Menschen leben hier, fast alle sind alt, fast alle stammen aus dem Norden der USA und haben keine Lust mehr auf Schneestürme und Schneeschippen. "Snowbirds" nennen die Amerikaner diese Leute, die ihren Lebensabend im ewigen Sommer von Arizona und den anderen südlichen Bundesstaaten verbringen. Der Altersdurchschnitt in Sun City liegt bei 73,7 Jahren. Es ist schlichtweg verboten, hier zu leben, wenn kein Senior mit im Haus wohnt. Inzwischen gibt es Dutzende solcher "Retirement Communities", die nur für Rentner angelegt wurden und nur von Rentnern bewohnt werden. Sun City war die erste, sie ist inzwischen 58 Jahre alt und damit etwa genauso alt wie ihre jüngsten Bewohner. Die Schwesterstadt Sun City West liegt direkt nebenan. In den vergangenen Jahren sind Sun City Center in Florida, Sun City Palm Desert in Kalifornien, Sun City Summerlin in Nevada und Sun City Texas hinzugekommen zu dem Rentnerstadt-Imperium des Immobilienentwicklers Del Webb.

Ist das die Zukunft des Wohnens für ältere Menschen? Ein Utopia für Menschen, die noch fit genug sind, um Golf zu spielen, aber keine Lust mehr haben auf Kinder, die vielleicht in den Pool pinkeln, Teenager, die Graffiti an die Wände schmieren, oder Menschen, die jeden Morgen zur Arbeit fahren und abends zu müde sind, um Bridge zu spielen. Und die genug Geld haben, um sich nach Jahrzehnten harter Arbeit einen süßen Lebensabend in der Sonne zu gönnen. Urlaub bis zum Ende. Die späte Erfüllung des American Dream.

Die vielen Sun Citys haben Nachahmer gefunden. In Florida, eine gute Stunde nördlich von Orlando und zwei Stunden vom Strand entfernt, liegt The Villages, die mit Abstand größte Retirement Community der USA - und damit auch der Welt. Inzwischen leben hier mehr als 157 000 Menschen, jeden Monat werden 300 neue Häuser fertig, alle sehen einander sehr ähnlich, die Bewohner haben die Wahl zwischen zwei Fassadenfarben, die Dächer haben dieselben Giebel und dieselben grauen Schindeln.

The Villages war über Jahre hinweg die am schnellsten wachsende Stadt der Vereinigten Staaten, hat die US-Behörde für Volkszählung ermittelt. Es gibt mehr als 80 ideal temperierte Swimmingpools und 48 Golfplätze, der Großteil davon ist für Anwohner kostenlos. Schranken an allen Zufahrtsstraßen halten Fremde davon ab, einfach nach The Villages zu fahren. Angeblich floriert dort der Schwarzmarkt für Viagra. Wer als Single hierherzieht, bleibt es nicht lange - vor allem nicht die Männer. Jeden Tag treffen sich Dutzende Klubs: Töpfern, Tennis, Tanzkurse. Modelleisenbahnen, Minigolf, Luftgewehrschießen, Holzarbeiten, Pensionäre der CIA. Manch einer nennt die Stadt "Disneyworld für Rentner".

Es gibt einen stadteigenen Radiosender, der nur Golden Oldies spielt und überall läuft, in jedem Geschäft, in jedem Café und auf allen Plätzen, in den Palmen hängen Lautsprecher zur Dauerbeschallung. Der Sender gehört dem Immobilienentwickler, genauso wie der örtliche Fernsehsender und die Lokalzeitung Daily Sun. Die Vorgärten sind ordentlich gemäht, Gärtner bewässern die Blumenbeete am Straßenrand Tag für Tag, die Straßen sauber. Es gibt mehr Golfcarts in The Villages als Autos, sie haben eigene Fahrspuren.

Die Stadt steht im Guinnessbuch der Rekorde, weil sie die längste Golfcart-Parade der Welt auf die Straße gebracht hat. Einen Friedhof gibt es nicht in The Villages, die meisten Menschen ziehen zurück in ihre Heimatstädte, wenn sie sehr alt sind - oder wollen zumindest dort begraben werden. Kinder sind auch hier verboten, sie dürfen höchstens 30 Tage im Jahr zu Besuch kommen, aber das nur nach Voranmeldung und mit einem Gäste-Pass.

Reich gebaut

Die Del E. Webb Construction Company entstand 1928. Der Immobilienentwickler Delbert Eugene Webb, genannt Del, hat das Unternehmen in Phoenix im US-Bundesstaat Arizona gegründet. Der gelernte Zimmermann, der eigentlich Baseball-Spieler werden wollte, arbeitete zunächst als Subunternehmer für andere Baufirmen - erst bei Supermärkten und später an Großprojekten im Regierungsauftrag wie Schulen und dem Anbau am Capitol von Arizona. Del Webb war auch am Bau der Internierungslager für japanischstämmige Amerikaner im Zweiten Weltkrieg beteiligt.

Im Lauf der Zeit lernte er die Mächtigen des Landes kennen und wurde reich. Er baute viele Wohnungen, Kaufhäuser und Krankenhäuser, zum Beispiel das St. Joseph's Hospital in Phoenix. In den 1940er- und 50er-Jahren errichtete die Del E. Webb Construction Company unter anderem das Flamingo und das Sahara Hotel in Las Vegas und die von Webb selbst betriebene Motelkette Highway House. Richtig berühmt im Land und dann auch außerhalb der Staaten wurde Webb aber durch seine eigene Idee und deren konsequente Umsetzung: die Errichtung der Rentnerstadt Sun City in Arizona.

Gleichzeitig mit dem Bau dieses Großprojekts ging das Unternehmen an die Börse. Nach dem Tod des Gründers im Jahr 1974 wurde die Firma zu einem der größten Betreiber von Kasinos - mit wechselndem Erfolg. Ein Projekt in Atlantic City ging schief, der Schuldenberg wuchs. Nach und nach verkaufte der Konzern die Hotels und Kasinos und konzentrierte sich auf das stabilere Geschäft mit den Rentnern.

2001 kaufte der Baukonzern Pulte Homes das Unternehmen zum Preis von 1,8 Milliarden Dollar. Der Markenname Del Webb existiert noch immer - als Spezialist für die sogenannten "Active Adult Communities". KWE