Clevere Leute haben wegen der Fußball-WM Internetportale zur privaten Zimmervermittlung eingerichtet. Die Auswahl auf Brasilianerinnen unter dreißig zu beschränken, läuft aber dem freundschaftlichen Geist der WM zuwider.
Es geht fast immer schief, wenn im Augenblick der Euphorie eine Idee aufkommt und man zur Tat schreitet, ohne die Sache zu überschlafen. Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang - so etwas in der Art hätte man sich hinter die Ohren schreiben müssen, nachdem der Kaiser die Fußball-WM nach Deutschland geholt hatte.
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Stattdessen lag sich die ganze Nation in den Armen, und vermutlich war es dann irgendeiner aus der Marketing-Branche, der den Einfall hatte, so eine Weltmeisterschaft brauche unbedingt einen griffigen Slogan, einen wie "Geiz ist geil", nur etwas großzügiger.
Wie gesagt, man war in gehobener Stimmung, hatte womöglich etwas getrunken - jedenfalls war man leichtsinnig genug, die Parole "Die Welt zu Gast bei Freunden" in Umlauf zu bringen. Kein Mensch dachte daran, dass die Welt dies wörtlich nehmen könnte. Sie tut es aber.
In 148 Tagen steht sie vor der Tür wie eine flüchtige Urlaubsbekanntschaft, die man in Sektlaune zu sich nach Hause geladen hat. Und dann heißt es: Verdammt, wohin mit ihr?
Ja, wohin? Man würde die Welt gerne ins Hotel stecken, gäbe es eines, das genügend Betten hätte. Weil es daran mangelt, sind clevere Leute auf die Idee gekommen, Internetportale zur privaten Zimmervermittlung einzurichten.
Demnach kann man einen Fußballfan, sagen wir aus Togo oder Trinidad, bei sich einquartieren und mit ihm die Spiele verfolgen. Im Fernsehen, versteht sich, Karten kriegt man ja keine. Allerdings sollten die deutschen Quartiergeber um des guten Eindrucks willen davon Abstand nehmen, allzu detaillierte Wünsche hinsichtlich der Gäste zu formulieren.
Um es deutlich zu sagen: Die Auswahl auf Brasilianerinnen unter dreißig zu beschränken und englischen Hooligans die Tür zu weisen, läuft dem freundschaftlichen Geist der WM zuwider. Wer die Welt zu sich einlädt, muss jedweden Landsmann willkommen heißen. Auch Engländer.
Ebenso klar sollte sein, dass dies auch für Holländer gilt. Wer eine wirklich aufregende Weltmeisterschaft erleben möchte, ist gut beraten, sich einen niederländischen Fan ins Haus zu holen, sofern es einen gibt, der mangels Wohnwagen eine Unterkunft benötigt.
Wie man hört, werden sie leicht zu erkennen sein: Sie tragen einen orangefarbenen Plastikhelm, der exakt so geformt ist wie die Helme der deutschen Wehrmacht. Das Stück kostet 4,95 Euro, mehr als 20.000 sind bereits verkauft.
Es wäre jedoch verfehlt, würden deutsche Gastgeber zum gemeinsamen Fußballabend Opas Stahlhelm hervorkramen, um der holländischen Kopfbedeckung etwas Passendes entgegenzusetzen. Nein, dies ist eine Gelegenheit, den Gästen zu zeigen, wie tolerant wir sind. Deshalb empfiehlt es sich, ihr Bett auf möglichst anspruchsvolle Weise zu beziehen: mit der original Oliver-Kahn-Fan-Bettwäsche samt lebensgroßem Porträt.
(SZ vom 12.1.2006)
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