Straßen in München "Who is Who" in der Ainmillerstraße

Das Ehepaar Bellinger hat jahrelang geforscht und 255 Prominenten 536 Seiten mit 1500 Fußnoten gewidmet: Hier haben Kandinsky und Arabella Kiesbauer gerne gewohnt.

Von Interview: Antje Weber

Schwabing lebt - besonders in der Ainmillerstraße. Der Religionshistoriker Gerhard J. Bellinger und seine Frau Brigitte Regler-Bellinger haben ein Who is Who erstellt: "Schwabings Ainmillerstraße und ihre bedeutendsten Anwohner" ist vor kurzem als Book on demand erschienen.

SZ: 536 Seiten über die Ainmillerstraße - wie kommt man auf eine solche Idee?

Bellinger: Das ist eine ganz berechtigte Frage. Meine Frau und ich haben 20 Jahre in der Ainmillerstraße gewohnt, Hausnummer 13. Und da wir geschichtlich interessiert sind, haben wir uns natürlich gefragt: Seit wann existiert dieses Haus, wer hat vor uns darin gewohnt - zumal wir noch den Kinderbuchautor Michael Ende erlebt haben, die Fernsehmoderatorin Arabella Kiesbauer und den Bildhauer Erich Koch.

SZ: Wie sind Sie vorgegangen?

Bellinger: Zunächst mal haben wir die Münchner Stadtadressbücher durchgeschaut. Die haben ja in früheren Zeiten noch die Hauseigentümer genannt, den Beruf der Bewohner, Stockwerk links oder rechts.

Bei der Gelegenheit haben wir festgestellt: Da haben ja ganz bedeutende Schriftsteller, Schauspieler, Komponisten gelebt! Das war der Ausgangspunkt für Recherchen über den Straßenabschnitt zwischen Friedrich- und Römerstraße. Dann haben wir uns gefragt: Wie war das in der gesamten Ainmillerstraße? Wann sind die anderen Häuser entstanden, wer hat darin gewohnt? Und die dritte Frage war, inwiefern diese Anwohner beruflich, gesellschaftlich und auch zeitgeschichtlich in das Leben der Stadt München einbezogen waren.

SZ: Von der Begegnung mit Michael Ende zu einem wissenschaftlichen Werk mit 1500 Fußnoten ist ein weiter Weg.

Bellinger: Ja, wir haben mehrere Jahre dran gearbeitet. Nachdem wir dann einmal die Namen hatten, haben wir natürlich weiterrecherchiert. Wir haben in Archiven nach Quellen gesucht, zum Beispiel nach Originalbriefen. In den Museen haben wir nach Gemälden, Zeichnungen und Plastiken von Malern und Bildhauern aus der Ainmillerstraße gefahndet. Wir haben im Bauamt nach Bauzeichnungen gesucht für die baugeschichtlich interessanten Häuser - zum Beispiel von Haus Nummer 22, einem berühmten Jugendstilhaus.

Wir waren sogar auf Friedhöfen und haben nach Grabdenkmälern ehemaliger Bewohner gesucht. Auf dem Südfriedhof haben wir zum Beispiel den Namensgeber Max Emanuel Ainmiller entdeckt - den Glasmaler kennt heute kaum mehr jemand. Wir mussten schließlich eine Auswahl treffen und stellten dabei fest: Nach 28 Prominenten der Ainmillerstraße sind in München Straßen, Plätze und Wege benannt. Das ist ja schon ganz erheblich.

SZ: Und das macht die Straße für die Stadtgeschichte so repräsentativ?

Bellinger: Jawohl. Zu allen Zeiten seit 1888 haben hier interessante Personen gelebt. Bei den Kunstmalern zum Beispiel Kandinsky, von 1908 bis '14 - die entscheidenden Jahre, in denen der "Blaue Reiter" entstand. Während dieser Zeit malte er auch sein erstes abstraktes Bild. Mit ihm wohnte dort Gabriele Münter. Auch Paul Klee lebte von 1906 bis '21 in der Straße, also 15 Jahre: In den Anfängen hat seine Frau Klavierunterricht gegeben, und er hat in der Küche gemalt und den kleinen Sohn betreut. Auch viel Militär hat hier gewohnt. Und an Schriftstellern zum Beispiel Thomas Mann.

SZ: Aber nur für vier Monate.

Bellinger: Jawohl, aber hier war seine Verlobung. Und hier hat er seine Novelle "Fiorenza" geschrieben und eine ganze Reihe von Briefen.

SZ: Wer von den Künstlern hat denn die Straße besonders geprägt?

Bellinger: Eduard Graf von Keyserling zum Beispiel, der lebte 17 Jahre hier und wurde unter anderem gerne von Wedekind besucht. Oder Kandinsky, der oft auf Reisen war und an Münter schrieb: "Wie freue ich mich, wenn ich zurückkomme und wir dann händchenhaltend in der Kutsche durch die Ainmillerstraße fahren!" Die Romanautorin Isolde Kurz wiederum, die von 1911 bis '43 hier gelebt und geschrieben hat, berichtet in ihren Lebenserinnerungen von Schüssen, die sie von den Revolutionären nach dem Ersten Weltkrieg gehört hat.

SZ: Täuscht der Eindruck, dass die großen Zeiten der Straße eine Weile zurück liegen - von Thomas Mann hin zu Arabella Kiesbauer ist ja ein gewisser Niedergang zu beobachten?

Bellinger: Ja, doch. Aber es haben auch in jüngerer Zeit Schauspieler wie Rudolf Vogel oder Elfriede Kuzmany dort gelebt, oder heute noch der Komponist Wilhelm Killmayer. Die alte Zeit ragt natürlich hervor durch Kandinsky, Klee, Mann und Rilke.

SZ: Wer oder was hat Sie bei der Recherche besonders beeindruckt? Bellinger: Von den 255 prominenten Anwohnern hat uns besonders Rilke berührt. Er hat von 1918/19 hier gewohnt, und oft wird gesagt, er hätte in der Zeit nicht viel geschrieben. Er hat hier aber sehr viele Briefe verfasst und sagte selbst, dass die zu seinem Werk gehören. In einem schreibt er, München werde "immer hohler in allen seinen Zwischenräumen; seit nun vollends die drei großen Glocken der Ursulakirche zerschlagen, in den Krieg gegangen sind, mein ich im Gehör dieselbe Leere zu empfinden, die sich längst meines Gesichts und meines Gemütes bemächtigt hat." Ich finde großartig, wie die Kriegsgeschichte hier zum Ausdruck seines Gemütszustandes wird.

SZ: Bei Ihren Recherchen stießen Sie auf noch düsterere Geschichten.

Bellinger: Ja, im Haus Nummer 13 lebte der jüdische Kunstmaler Julius Graumann, der zum Beispiel Ludwig III. porträtiert hat. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 floh er nach Frankreich; er wurde später ausgeliefert und kam in Auschwitz um. Das Schicksal hat uns sehr berührt, zumal wir zunächst nicht wussten, was mit dem Mann passiert war - nur, dass er 1945 für tot erklärt worden war. Wir haben enorm recherchiert, haben an Archive in Paris geschrieben und an das dortige Jüdische Zentrum - und dort fand sich schließlich der Bogen seines Abtransports nach Auschwitz. So spiegelt sich in einer Straße die ganze Zeitgeschichte wider.

SZ: Sie haben ja selbst 20 Jahre hier gelebt: Wie würden Sie den Wandel der Straße beschreiben?

Bellinger: Natürlich hat die Ainmillerstraße durch die Kriegsschäden im Zweiten Weltkrieg enorm gelitten, es sind nur wenige alte Häuser stehen geblieben. Insofern hat die Straße schon an Flair verloren. Aber wir haben München geliebt, auch wenn wir nach meiner Emeritierung nach Bonn gezogen sind. Das Buch ist eine Hommage an München: ein echtes Liebhaberprojekt.