Steuer- und Abgabenlast Deutschland schröpft die Geringverdiener

Alleinerziehend? Oder alleinstehend mit wenig Einkommen? Da langt der Bund voll zu. Auch im internationalen Vergleich steht Deutschland schlecht da.

Von Markus Balser

In kaum einem anderen Land der Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) müssen Arbeitnehmer so viele Steuern und Sozialabgaben zahlen wie in Deutschland. Das ist das Ergebnis eines internationalen Vergleichs der Pariser Organisation. Deutschland gehört demnach zur Spitzengruppe der Hochsteuerländer: Im internationalen Vergleich zahlen Arbeitnehmer und Arbeitgeber die dritthöchsten Abgaben. Besonders benachteiligt werden ausgerechnet Alleinerziehende mit mehreren Kindern und Geringverdiener.

International benachteiligt

Das Gefühl, dass vom Brutto trotz Steuerentlastung netto nach wie vor wenig übrigbleibt, ist weit verbreitet. Seit Dienstag haben deutsche Arbeitnehmer schwarz auf weiß, dass sie im internationalen Vergleich benachteiligt werden. Der Staat greift von Löhnen und Gehältern im Durchschnitt mehr als 50 Prozent ab - über Lohnsteuer und Sozialbeiträge von Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Und daran wird sich so schnell auch nichts ändern. Denn Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat die Pläne für weitere Steuersenkungen gekippt. Bis 2013 werde es nichts mit dem großen Wahlversprechen von Union und FDP, hatte Merkel am Montag angekündigt.

Dabei verlangt die Bundesregierung von den Deutschen insgesamt nicht mehr Steuern als andere Länder. "Deutschland ist im Vergleich zu anderen OECD-Staaten kein Hochsteuerland", erklärt die Organisation. Der Anteil aller Steuern und Abgaben an der gesamten Wirtschaftsleistung ist mit 36,4 Prozent nur durchschnittlich.

Allerdings wird der Faktor Arbeit mehr als anderswo belastet, nämlich um 51 Prozent statt 36,4 Prozent im OECD-Mittel. Frankreich liegt dabei nur ganz knapp hinter Deutschland. Höher ist die Belastung der Arbeit nur in Belgien und Ungarn. Die Sozialabgaben machen immer noch 13,3 Prozent der Staatseinnahmen aus; im OECD-Mittel sind es nur neun Prozent.

"Das macht Arbeit in Deutschland besonders teuer und macht es vor allem für gering Qualifizierte schwierig, eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu finden", heißt es in dem Bericht.

Die hohen Sozialabgaben bremsen nach Einschätzung der OECD die Beschäftigung in Deutschland. Die Sozialsysteme sollten daher stärker über Steuern etwa auf Konsum und Grundbesitz finanziert werden, erklärte die Organisation in Paris.

Allerdings machen die Steuerexperten im Fall Deutschland beim Umbau des Steuersystems erste Fortschritte aus. Für alle untersuchten Haushaltstypen sei die Abgabenlast nun unter das Niveau im Jahr 2000 gesunken, obwohl die nominalen Durchschnittslöhne seither um fast zwanzig Prozent gestiegen seien, teilte die Organisation mit. Die Gründe dafür sehen die Forscher in den Steuersenkungen der rot-grünen Bundesregierung von 2000 und der Erhöhung des Kindergeldes. Aber auch hier macht die OECD Probleme aus. Denn bislang hätten hauptsächlich alleinstehende Spitzenverdiener von den Steuerentlastungen der vergangenen Jahre profitiert, heißt es in der Studie weiter. Die grundlegenden Probleme würden so nicht gelöst.

Alleinerziehende extrem betroffen

"Besonders weit über dem OECD-Mittel liegt die Belastung bei alleinstehenden Geringverdienern und Alleinerziehenden", schreibt die Organisation. Beispiele der Studie machen die Ungerechtigkeiten des Systems klar: Wer nur zwei Drittel des Durchschnittslohnes kassiert und alleine zwei Kinder durchbringen muss, bei dem summierten sich Steuern und Abgaben im Jahr 2009 auf 31,3 Prozent der Arbeitskosten. Im OECD-Durchschnitt waren es lediglich 16,9 Prozent. Die Entlastung in Deutschland beträgt für Alleinerziehende mit zwei Kindern gerade einmal 0,4 Prozentpunkte gegenüber dem Jahr 2000 - und begünstigt allein die Arbeitgeber.

Gutverdienende Singles profitierten deutlich stärker von den Entlastungen. Wer zwei Drittel mehr verdient, als der Durchschnitt, kommt auf 53 Prozent Abzüge bei den Arbeitskosten. Immerhin: Das sind 3,3 Prozentpunkte weniger als 2000. Im OECD-Durchschnitt werden für diese Einkommensgruppe 41,1 Prozent Steuern und Abgaben kassiert.

Die OECD ist ein Zusammenschluss von 30 Staaten, die sich über ihre Wirtschaftspolitik austauschen. Neben Deutschland gehören unter anderem die USA, Großbritannien, Japan und Frankreich zu den Mitgliedern. Die Organisation ermittelt die Steuerbelastung in ihren Mitgliedsländern in einer jährlichen Studie, erstellt Berichte über die Entwicklung der Länder und spricht Empfehlungen aus.