Sterbegeldversicherungen Abkassieren mit dem Abgang

Die Sozialverbände in Deutschland helfen der Hamburg-Mannheimer beim Verkauf von Sterbegeldversicherungen. Verbraucherschützer halten davon gar nichts.

Von Thomas Öchsner

Diethelm Meyer ist seit seiner Geburt zu 60 Prozent geistig behindert. So steht es in seinem Schwerbehindertenausweis. Er arbeitet in einer Werkstatt der Lebenshilfe in Tostedt bei Hamburg, sein Einkommen liegt bei nicht einmal 300 Euro netto im Monat. Meyer kann einen Rasen mähen oder ordentlich Laub zusammenrechen. Aber was zum Beispiel ein Versicherungsvertrag bedeutet, kann er nicht verstehen.

Meyer ist auf Hilfe angewiesen, und deshalb ist er auch Mitglied im Sozialverband Deutschlands (SoVD). Die Organisation mit etwa 525.000 Mitgliedern setzt sich nach eigenen Angaben unter anderem für die Rechte von Behinderten ein. Doch nicht immer scheint es dabei um das Wohl der eigenen Klientel zu gehen. Der Verband ist auch in fragwürdige Versicherungsgeschäfte verwickelt, und der Fall Diethelm Meyer ist dafür ein besonders drastisches Beispiel.

Vor einigen Monaten tauchte in der Wohnung von Meyer, der damals noch mit seiner demenzkranken Mutter, 81, zusammenlebte, ein Vertreter der Hamburg-Mannheimer Versicherung ("Hallo, Herr Kaiser") auf.

Fast ein Sechstel des Monatsbudgets

Der Mann mit Anzug und Krawatte konnte sich auf ein Empfehlungsschreiben des Präsidenten des SoVD, Adolf Bauer, berufen, das Meyers Bruder später mit einer Sterbegeldversicherung entdeckte.

Diethelm Meyer hatte eine Police unterschrieben, die ihn dazu verpflichtete, jeden Monat einen Beitrag von 44,89 Euro - also fast ein Sechstel seines knappen Monatsbudgets - zu zahlen. Im Fall seines Todes würden die Angehörigen von der Hamburg-Mannheimer 10.000 Euro erhalten, um seine Beerdigung bezahlen zu können.

Als Diethelm Meyer von seinem Bruder auf den Vertrag angesprochen wurde, wusste er allerdings nicht, was er unterschrieben hatte. "Er meinte nur, dass seine Mutter ihm auch dazu geraten habe. Meine Mutter wusste aber nicht einmal, dass überhaupt ein Vertreter bei ihr war. Sie wusste auch nicht, worum es sich dabei gehandelt hat", sagt sein Bruder, Hans-Jürgen Meyer. Die Mutter lebt wegen ihrer Demenz inzwischen in einem Pflegeheim.

Hans-Jürgen Meyer ist deshalb empört. "Hier wird, offensichtlich mit Unterstützung des Sozialverbands Deutschland, den eigenen Mitgliedern, und auch noch denen, die des besonderen Schutzes vor Drückerkolonnen bedürfen, der letzte Cent aus der Tasche gezogen."

Tatsächlich arbeitet der SoVD seit mehr als 40 Jahren mit der Hamburg-Mannheimer zusammen. In Kooperation mit unserem Vertragspartner "bieten wir unseren Mitgliedern einen günstigen Versicherungsschutz an", heißt es auf der Homepage des Verbands im Internet.

Die SoVD vermittelt den Kontakt zu den Mitgliedern, die Versicherung vertickt die Policen, vor allem Sterbegeld- und Unfallversicherungen. Genauso läuft es bei anderen Sozialverbänden, wie dem VdK (1,4 Millionen Mitglieder) und der Volkssolidarität (300.000 Mitglieder). Auch diese helfen der Versicherung beim Klinken putzen.

Grundsätzlich fragwürdig

Das Geschäft läuft offenbar prima: Keiner nennt zwar genaue Zahlen, aber beim VdK heißt es, es seien sicherlich "einige 100.000 Verträge" abgeschlossen worden. Alle Verbände weisen dabei darauf hin, dass das Angebot wegen des jeweiligen Gruppencharakters der Versicherung besonders günstig sei.

SoVD-Präsident Adolf Bauer teilt mit: Das Angebot werde von den Mitgliedern gewünscht. Der Umgang mit den Daten sei rechtlich einwandfrei, und die Hamburg-Mannheimer sei ein "seriös agierendes Unternehmen". Den Fall Meyer bedauert er ausdrücklich: Es sei nicht im Interesse des SoVD, "unseren Mitgliedern durch Dienstleistungen Dritter Nachteile entstehen zu lassen".

Elke Weidenbach, Versicherungsexpertin der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen, hält das Geschäftsgebaren der Verbände dagegen für grundsätzlich fragwürdig. "Gibt eine Organisation Adressen von Mitgliedern weiter, sollte sich die Organisation auch schon unter moralischen Aspekten dazu verpflichtet fühlen, dass den Mitgliedern nicht unsinnige und zweifelhafte Angebote unterbreitet werden."

Armutszeugnis

Genau dies ist aber nach Ansicht der Verbraucherschützer gerade bei Sterbegeldversicherungen der Fall. Die Stiftung Warentest hat kürzlich die Policen von 44 Anbietern geprüft. Das Ergebnis ist für die Branche ein Armutszeugnis: Nur drei Anbietern bescheinigte die Stiftung "günstige und kundenfreundliche Verträge".

Die Warentester raten, besser selbst Geld für eine Beerdigung zurückzulegen und/oder eine preiswertere Risiko-Lebensversicherung abzuschließen. Zumindest beim VdK kennt man diese Kritik. "Innerhalb unseres Verbandes gibt es eine Diskussion, ob Sterbegeldversicherungen noch zeitgemäß sind", sagt ein Sprecher.

Hans-Jürgen Meyer konnte die Police seines Bruders übrigens noch kündigen. Und ein Schreiben der Hamburg-Mannheimer erhielt er auch. Darin teilte ihm die Versicherung mit: "Aus unserer Sicht hat zum Abschluss des Vertrages eine ordentliche Beratung stattgefunden."