Die Verschuldung in Deutschland wächst unaufhörlich, ein Ende ist nicht in Sicht. Warum die Bundesrepublik trotzdem als besonders guter Schuldner gilt.
Kaum wird das Girokonto um 1500 Euro überzogen, beschleicht zumindest vorsichtige Zeitgenossen leichtes Unbehagen. Vielleicht erwartet man deshalb mehr Besorgnis in diesen krakenartigen Gängen der Deutschen Finanzagentur. Hier im Frankfurter Norden besorgt sich der deutsche Finanzminister sein Geld, und zwar viel Geld. In diesem Jahr allein 49,1 Milliarden Euro. Die muss Peer Steinbrück sich leihen, damit der Bundeshaushalt ausgeglichen ist.
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Die Entwicklung der Staatsverschuldung in Deutschland. (© SZ-Graphik)
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Seit Jahrzehnten geht das schon so, die Schulden von Bund, Ländern und Gemeinden sind deshalb auf 1650 Milliarden Euro angewachsen. Die letzte Nettotilgung von Bundesschulden erfolgte im Jahr 1961, wie die Finanzagentur mitteilt. Damals lagen die Einnahmen noch über den Ausgaben. Zuvor sei dieses Kunststück - man muss es wohl als solches bezeichnen - in den Jahren 1951 und 1954 bis 1958 gelungen. Alle folgenden Jahre waren Schuldenjahre.
1050 Milliarden Euro Schulden
Mittlerweile steht allein der Bund mit 1050 Milliarden Euro in der Kreide, bei anderen Staaten sowie internationalen Versicherern, Banken und Pensionskassen. Und dieser Berg von Verbindlichkeiten wird von der Finanzagentur verwaltet, in einem weißgetünchten Raum, wo normalerweise sechs Händler vor ihren Computerbildschirmen sitzen. In der Urlaubszeit sind nur zwei Finanzprofis da, aber ruhig sei es hier immer, so hört man, denn salopp gesprochen reißt sich die Welt darum, Deutschland Geld zu leihen.
Die Investoren glauben, dass der deutsche Staat ein guter Schuldner ist, oder genauer, ein besserer Schuldner als Italien, Spanien, Griechenland und Portugal. Die haben zwar dieselbe Währung, aber wenn sie sich Euro leihen, liegt ihr Zins höher als der für Deutschland. Die Finanzmärkte drücken so ihre Furcht aus, dass eine Anleihe nicht bedient wird, was einem Staatsbankrott entspricht. Doch bevor Deutschland kein Geld mehr erhält, geht in anderen Ländern das Licht aus. Diese Einschätzung gewinnt man bei einem Spaziergang durch die ruhigen Flure der Finanzagentur. Alles unter Kontrolle also?
Gesetzliche Schuldenbremse soll Politiker stoppen
"Die hohen Staatsschulden müssen den Bürgern Sorge bereiten, weil man fest damit rechnen kann, dass die Leistungen aus den Sozialsystemen reduziert werden", sagt Clemens Fuest, Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats des Bundesfinanzministeriums. Weil sich die Politiker offenbar selbst nicht über den Weg trauen, haben Bundestag und Bundesrat vor einigen Wochen eine gesetzliche Schuldenbremse verankert. Der Bund darf nach einer Übergangsfrist von 2016 an höchstens noch neue Schulden im Wert von 0,35 Prozent des Bruttoinlandsprodukts machen, die Bundesländer nach derzeitigen Plänen ab 2020 gar keine mehr. Lässt sich so der Schuldenberg abtragen? "Es ist völlig unrealistisch, die Schuldenpolitik zurückzudrehen, dazu bräuchte es ein Wirtschaftswunder gewaltiger Art", sagt Fuest.
Die Finanzkrise und die Staatsgarantien für Banken haben das Schuldenproblem weltweit verschärft. Über Jahre hinweg werden viele EU-Staaten die Maastricht-Kriterien verletzen, erwartet die EU-Kommission. Die Kriterien schreiben eine maximale Neuverschuldungsquote von drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) vor sowie eine Obergrenze für die Gesamtschulden, die bei 60 Prozent der Wirtschaftsleistung liegt. 2010 wird Deutschland ein Haushaltsdefizit von 4,2 Prozent des BIP und eine Gesamtverschuldung von 72,3 Prozent ausweisen, so die Prognose der EU-Kommission. "Es besteht die Gefahr, dass der Staat, auf dessen Schultern nun ja ein großer Teil der Lasten aus dem Bankensystem liegt, mittelfristig selber zur Bedrohung des Systems wird", befürchtet Konrad Hummler, Chef der Schweizer Privatbank Wegelin.
Aber wann ist ein Staat überschuldet? "Man kann das nicht kategorisch an einer Zahl festmachen", sagt Nadim Ahmad, Wirtschaftsexperte der OECD in Paris. "Ein Signal ist, wenn der Staat seine Anleihe nicht mehr bedient. Das ist in Lateinamerika passiert, wo die Staatsschulden im Vergleich zu heute vergleichsweise niedrig waren." Es kommt also darauf an: Griechenland hatte im Frühjahr mit einer Schuldenquote von 100 Prozent Probleme, sich zu refinanzieren. Japans Schuldenberg beträgt 180 Prozent des BIP - und doch bekommt das Land immer Geld. "Wenn die Neuverschuldung dauerhaft über drei Prozent des BIP liegt, wird es unkontrollierbar", meint Ahmad.
Schnelles Wachstum der Staatsverschuldung
Die deutsche Schuldenlast wächst derzeit um durchschnittlich 4439 Euro pro Sekunde, so der Bund der Steuerzahler. Die Pro-Kopf-Verschuldung liege bei knapp 20000 Euro, die Zinslast betrage 71 Milliarden Euro jährlich. Und das ist nur die halbe Wahrheit. Es gibt nämlich auch eine implizite Staatsverschuldung, die sich aus den Versprechen der Regierungen gegenüber ihren Bürgern ergibt.
Das sind die Leistungen aus den Renten-, Kranken-, Pflege- und Arbeitslosenversicherungen sowie die Beamtenpensionen. Aufgrund des Vertrauensschutzes können Politiker diese Leistungen nicht radikal kürzen, außerdem drohen Wahlverluste. Wenn man diese Sozialleistungen der Zukunft mit einrechnet, dann liegen die Staatsschulden mit 3200 Milliarden Euro mindestens doppelt so hoch. Die genaue Berechnung ist aufgrund der Variablen schwierig. "Wenn wir statt einem Prozent zwei Prozent steigende Kosten für das Gesundheitswesen annehmen, kann die Staatsverschuldung statt bei 250 Prozent des BIP plötzlich bei 350 Prozent liegen", sagt Fuest. Aber die genaue Höhe sei eigentlich egal. "Fest steht, wir haben ein Problem."
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(SZ vom 21.08.2009/gits/mel)
Surfrider Beach in Malibu
Ihre Auffassung in Ehren, aber Deutschland wird Amerika auch weiterhin zu fast beliebigen Bedingungen Kredit geben, einfach weil Amerika sonst ruckzuck illiquide ist, und mit einem Insolventen lassen sich nur zäh Geschäfte machen, was leider unangenehmen Rückwirkungen auf unsere exportlastige Wirtschaft hätte.
Die Landesbanken tun genau das, was ihre Aufgabe ist:, sie halten die Wirtschaft am Laufen.
Drum heißt es seit Jahrzehnten: lieber tonnenweise amerikanische Schuldverschreibungen einlagern, als sich gefährliche Gedanken zu machen, dass man die erarbeiteten Güter auch fürs eigene Land herstellen könnte, statt sie für wertloses Papier einzutauschen.
Ihre Auslegung ist falsch. Die Wirtschafts- und Finanzkrise ist ausgebrochen, weil Amerikaner von den Banken Kredite für ein eigenes Haus bekamen, obwohl sie nie in der Lage waren diese abzubezahlen oder durch den Verkauf der Kredite an andere Banken die überhöhten Zinsen nicht mehr bezahlen konnten. Trotzdem bekamen Sie immer und immer wieder neue Kredite.
Und weil Banken diese Pleite-Kredite einfach weiter verkauften und sozusagen andere Banken mit dem Virus ansteckten, ist die Krise entstanden. Auch Deutsche Banken haben solche faulen Papiere gekauft, somit kann man die Schuld nicht auf die USA schieben. Gäbe es in Deutschland strenge Regelungen in der Finanzbranche, dann hätte dies verhindert werden können.
Also bitte nicht nach einem Sündenbock von Außerhalb suchen.
Sie wissen doch genau worauf ich mich bezog. Wie gesagt, ich halte Sie nicht für einen Anhänger der sozialen Marktwirtschaft, sondern für einen Anhänger des derzeitigen Systems, das nur auf dem Papier auf der sozialen Marktwirtschaft beruht.
Da müssen Sie mit mir auch nicht um den heißen Brei reden.
"Wieso die amerikanischen Verbraucher, wenn die Banken leichtfertig Kredite vergeben? Die Schuld haben Finanzbranche und Politik."
Weil Amerika seit 30 Jahren mehr konsumiert als produziert, ist Amerika darauf angewiesen, dass sie im Ausland Kredit bekommen.
Natürlich beruht das Zustandekommen des Problems hier wie in Amerika auf politischen Entscheidungen. Deutschland will unbedingt Exportmeister sein und Amerika will seinen Einwohnern mehr Wohlstand vorspiegeln, als eigentlich da ist.
Alles was noch fehlt, sind Banken, die bereit sind, die Schuldpapiere einzulagern.
Was gerne übersehen wird, ist, dass die Landesbanken jahrelang dafür gesorgt haben, dass Amerika ein zahlungsfähiger Kunde deutscher Exporteure war.
Wenn wir keine faulen Kredite wollen, müssen wir für den Binnenmarkt produzieren oder für Kunden, die auch ohne Kredite bezahlen können.
Im letzten Punkt haben sie teilweise recht: Ich stelle die Soziale Marktwirtschaft nicht in Frage. Sie ist die beste Wirtschaftsform die wir derzeit kennen. Aber obwohl ich Optimist bin, kann ich auch kritisch sein: Lesen sie einfach ein paar Beiträge von mir hier im Forum.
Paging