Spinneninvasion in der Hafenstadt Hamburgs neue Hausbesetzer

In der Hafencity leben Millionen unliebsamer Bewohner: Brückenspinnen schätzen die moderne Architektur überaus.

Von Von Claudia Fromme

Wenn es Nacht wird in Hamburg, schläft die Architekturperle. Auf der Reeperbahn laden die Koberer junge Burschen in die Etablissements, im Portugiesenviertel an den Landungsbrücken kreisen die Fischplatten bis in die Nacht; auf die Hafencity mit ihrem Gesicht aus Stahl und Glas aber legt sich ein Teppich der Stille. Wachleute machen um Mitternacht einsam ihre Runde, der Wind pfeift übers leere Trottoir. Es gibt Menschen, die sagen, dass das städtebauliche Schmuckstück tot ist. Dass das mit der Architektur schön und gut sei, aber blutleer.

Das ist natürlich Unsinn, die Hafencity lebt, und wie. Nur vielleicht nicht so, wie sich Städteplaner das vorgestellt haben: Millionen Spinnen bevölkern das Viertel. Wenn es Nacht wird, krabbeln sie aus ihren Verstecken und lauern auf Beute. Das Wasser zieht sie ebenso an wie jene, die in dem Quartier einen repräsentativen Firmensitz betreiben wollen oder ein Loft mieten. Wenn es wie jetzt auf den Herbst zugeht, sieht man die feisten Weibchen mit bis zu einem Zentimeter Körperumfang besonders gut, zuweilen seilen sich die Kaventsmänner neben einem ab, und in einigen Häusern tut man gut daran, Fenster und Türen geschlossen zu halten.

100 Spinnen pro Quadratmeter

Eine Weile kletterte auch Anja Kleinteich nachts an den Fassaden, nun steht die Biologin in der Universität Hamburg vor einem Glaskasten, in dem sie eine Hafencity aus Pappe gebaut hat, und setzt sich eine große Spinne auf die Hand. Sie sagt: "Bleib schön sitzen." Die Spinne bleibt sitzen. Die 31-Jährige erforscht einen Achtbeiner intensiv: die Brückenspinne. Die Larinioides sclopetarius bevölkert als einzige ihrer Art die Hafencity - und es werden immer mehr. "Die einzigen natürlichen Feinde sind Vögel, die leben aber nicht in einer Gegend, in der es kaum Bäume gibt", sagt die Biologin.

Sie kletterte im Betonwald, einen Bau am Sandtorkai, erntete sie regelmäßig ab und zählte bis zu 100 Spinnen pro Quadratmeter, inklusive Jungtiere. "Eine Woche später waren dann genauso viele wieder da." Weil Spinnen dem Vorzeigen nicht dienlich sind, hat die HafenCity Hamburg GmbH die Expertise zum Befall in Auftrag gegeben.

"Von der Brückenspinne war so gut wie nichts bekannt", sagt die Biologin. Nur, dass sie am Wasser lebt und Brücken bevölkert. Weltweit gebe es nur 20 Verhaltensbiologen, die sich mit Spinnen befassten - bei 40.000 Arten. "Viele stürzen sich auf exotischere Spinnen", sagt sie. Sie sei bewusst den anderen Weg gegangen. Dabei gehe es um Grundlagen: "Erst, wenn man ihre Ansprüche an den Lebensraum kennt, ihre Fortpflanzung, kann man darüber nachdenken, wie man sie los wird."

Derzeit fasst Anja Kleinteich die Erkenntnisse in ihrer Doktorarbeit zusammen. Übermäßig freuen dürften sich die Investoren nicht über das Resultat, ist es doch die preisgekrönte Architektur, die zum Spinnenmagnet wird. "In winkligen Bauten mit viel Struktur sind die meisten Tiere", sagt Kleinteich. Zudem lockt die Lichtarchitektur, leuchtende Bauten ziehen Insekten an. "Je mehr Futter, desto mehr Nachkommen", sagt die Biologin. In ihrem sieben Monate währenden Leben produziert die Spinne bis 1500 Nachkommen - wenn die Bedingungen gut sind. In der Hafencity sind sie exzellent. "Sie sind die Ratten unter den Spinnen", sagt Kleinteich. Bild taufte sie "Rammelspinnen".

"Es gibt keine Grenze, es werden immer mehr", sagt Anja Kleinteich. Mehr Grün würde Vögel anlocken. Natriumdampflampen mit wärmerem Licht zögen weniger Insekten an. "Lichtarchitekten aber wollen lieber kühles Halogenlicht." Am besten sei es, auch für die Umwelt, das Licht in den Bürotürmen nachts zu löschen, auch wiesen runde Häuser oder glatte Fassaden kaum Tiere auf. Bei der Elbphilharmonie, dem im Bau befindlichen Herz des Viertels, sieht sie schwarz: "Das Dach ist aus Glas, wenn da das Licht angeht, werden sich die Spinnen freuen." Gift sei keine Lösung. Die Spinnen kämen schnell wieder, zudem reichere sich das Gift über die Nahrungskette in Fischen an. Am Ende landet es beim Menschen.