Selbst in trostlosen Gegenden entstehen Wohnsiedlungen: In Spanien wurden 2005 mehr Wohnungen gebaut als in Deutschland, Frankreich, Italien und Großbritannien zusammen, etwa 810.000.
Reisen in die spanische Region Kastilien-La Mancha riefen schon in früheren Zeiten manchmal Wahnvorstellungen hervor, daraus entstand einst die Figur des Don Quijote. Der Ritter von der traurigen Gestalt ritt in Miguel de Cervantes" Welterfolg von 1605 gegen Windmühlen an, weil er sie für gefährliche Riesen hielt - seinen Ansturm versteht die Menschheit seither als vergeblichen Kampf gegen die Macht.
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Vier Jahrhunderte später sind in der kargen Gegend nur noch vereinzelt Windmühlen zu finden, leichter trifft der Reisende auf sehr viel höhere Ungetüme mit längeren Armen. Ganz Madrid ist von Baukränen umzingelt. Die erstaunlichste Ansammlung taucht 39 Kilometer südlich der Hauptstadt zwischen den Autobahnen A-4 und R-4 aus der hügeligen Steppe. In diesem Wald aus Stahl wachsen mächtige Betonsilos, in der flirrenden Luft wirkt das alles wie eine Fata Morgana. Was hat eine derart gewaltige Baustelle hier verloren?
Eines Tages sollen an diesem staubigen Ort 40.000 Menschen leben, fast sechs Mal so viele, wie die nahegelegene Ortschaft Sesena derzeit Einwohner hat. Vorgesehen sind 280 zehnstöckige Häuser mit insgesamt 13.508 Wohnungen, ein Teil mit rotbraunen Blocks ist hinter Stacheldraht bereits fertig. Davor wurden sogar ein paar grüne Wiesen auf die sonnenverbrannte Erde gezwungen und ein künstlicher See, obwohl es noch nicht einmal Wasseranschlüsse gibt.
Volkstümlich trägt diese surreale Geisterstadt den Ehrentitel "Manhattan von La Mancha", offiziell wird sie "Residencial Francisco Hernando" genannt. So steht es auf bunten Werbeschildern, die auf die streng bewachten Büros der mysteriösen Betreiber verweisen - "die Wohnung, die du dir leisten kannst", ist da zu lesen. 3000 Exemplare sind angeblich bereits verkauft, trotz der trostlosen Umgebung.
Francisco Hernando lautete der bürgerliche Name des Bauherren, berühmt wurde er als "Paco, el pocero", das bedeutet so viel wie Franz, der Brunnenbauer. An anderer Stelle wurde der Patron wegen ähnlicher Pläne verjagt, in Sesena kam er durch. Preiswert erstand Hernando 2002 diese zuvor brachliegende Fläche von 182 Fußballfeldern, die vom Rathaus dann nicht ganz zufällig zum Baugrund umgeschrieben wurde und über Nacht sagenhaft an Wert gewann.
Im Eilverfahren bekam der Initiator von den damals regierenden Sozialisten in seltener Eintracht mit der rechten Volkspartei die Baugenehmigungen. Einige Gemeinderäte sind bei ihm angestellt, ansonsten halfen gute Kontakte zu Politgrößen wie dem ehemaligen Regionalpräsidenten Jose Bono (Sozialist) sowie dem konservativen Parlamentssprecher Eduardo Zaplana.
Der aktuelle Bürgermeister gehört zwar zu den kommunistennahen Vereinten Linken und protestiert heftig. Es sei "nicht logisch", zwischen zwei Schnellstraßen und abseits vom Ortskern ohne Infrastruktur solche Kästen hochzuziehen, schimpft Manuel Fuentes. Aber vorläufig hat er keine Chance.
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