Serielles Bauen Neue Platte

Berlins sechs landeseigene Wohnungsbaugesellschaften wollen schneller und günstiger bauen. Sie haben dafür neue Konzepte für standardisierte Module entwickelt, mit denen sich alte Plattenbauten aufstocken lassen.

Von Lars Klaaßen

Ende 2016 lebten in Berlin knapp 3,7 Millionen Menschen. Bis zum Jahr 2030 erwartet die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen ein Wachstum von mehr als 180 000 Einwohnern, das entspricht etwa der Größe Saarbrückens. Schon jetzt ist Wohnraum knapp. Damit gehen auch die Mieten steil nach oben. Der stadtweite Mittelwert legte 2016 gegenüber dem Vorjahr um 5,6 Prozent zu, heißt es im Wohnmarktreport 2017, den der Immobilienfinanzierer Berlin Hyp mit dem Dienstleister CBRE im Januar veröffentlichte. Aus dem aktuellen Mietspiegel 2017 geht hervor, dass vor allem kleine Wohnungen bis 40 Quadratmeter teurer geworden sind: um durchschnittlich fast 15 Prozent. Bezahlbaren Wohnraum sollen die sechs landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften schaffen. Zusammen mit der Politik haben sie das Ziel formuliert, ihren Bestand durch Neubau und Erwerb von derzeit etwa 300 000 auf 400 000 Wohnungen im Jahr 2026 zu erhöhen. Um im Neubau bezahlbare Mieten anbieten zu können, setzen die Landeseigenen auf Typenbau: Häuser, die nach dem gleichen Entwurf mehrfach in gleicher Weise errichtet werden.

Dafür hatten die sechs Wohnungsbaugesellschaften Studien und Wettbewerbe in Auftrag gegeben. Im Juli stellten sie erstmals ihre neuen Typen vor. "Die Vorteile liegen auf der Hand", sagt Snezana Michaelis, Mitglied des Gewobag-Vorstandes. "Standardisierung und Typisierung von Entwurfselementen und Bauteilen können Planungs- und Bauzeiten verkürzen, die Produktion hoher Stückzahlen kann die Herstellungskosten reduzieren." Die Überlegungen der Wohnungsbaugesellschaften gehen in zwei unterschiedliche Richtungen für neue Typenbauten und für das serielle Bauen: "Einerseits werden Typen vorgeschlagen, die auf modularen Grundrissanordnungen basieren. Diese sind losgelöst von der Nutzung industrieller Methoden gedacht und können bewusst auch in konventioneller Bauweise - Ziegel, Mauerwerk oder Beton - errichtet werden", erläutert Michaelis. "Andererseits werden auf neuen Systemen basierende Häuser mit hohem Vorfertigungsgrad, Hybridtechnologien oder mit Modulanteil vorgeschlagen." Sie stellen neue Anforderungen an die am Planungs- und Bauprozess Beteiligten und bedingen veränderte Planungs- und Arbeitsprozesse im Wohnungsbau.

Serielles Bauen wird heute vor allem mit den Trabantenstädten aus den 1960er- und 1970er-Jahren verbunden. Mit den "neuen Typen" sollen zwar ebenfalls komplette Quartiere neu entstehen, jedoch nicht in den Ausmaßen wie seinerzeit. Und nicht zuletzt geht es auch um Verdichtung der Stadt, um die Ergänzung vorhandener Strukturen. Die Palette des Bestands reicht in Berlin vom klassischen Block der Gründerzeit über den Siedlungsbau der 1920er- und 1930er-Jahre bis hin zu eben jenen Großsiedlungen der 1960er- und 1970er-Jahre. Die Entwürfe sollen als flexible Bausteine funktionieren, die sich in bestehende Block- oder Hofstrukturen einfügen lassen. Dazu kommen freistehende Punkthäuser, die in unterschiedlichen Stadträumen eingesetzt werden können, Hochhäuser, die gerade in Ergänzung größerer Strukturen Impulse setzen können, sowie Dachaufbauten, die auf bestehende Gebäude aufgesetzt werden.

"Der Typus 'Dachaufbauten' hat mit der Möglichkeit, bestehende Quartiere vertikal weiterzuentwickeln, eine Sonderstellung", sagt WBM-Geschäftsführer Jan Robert Kowalewski. "Aufstockung ist selbst in bestehenden innerstädtischen Quartieren in größerem Maßstab möglich." Die Einsatzorte der anderen Typen hingegen lägen in den Stadtrandlagen der Großsiedlungen, in vereinzelten Baulücken oder neu zu entwickelnden Strukturen. Dachaufbauten böten auch in anderer Hinsicht Vorteile, "durch die Nutzung vorhandener Infrastruktur, keine oder nur geringe Versiegelung des Bodens und das Einsparen hoher Baulandkosten". Hierfür haben die Landeseigenen Studien zu den in der Berliner Innenstadt häufigen seriellen Bautypen aus der Nachkriegszeit beauftragt. Zwei Typen eignen sich aufgrund der nur vier- bis fünfgeschossigen Bestandsgebäude aus städtebaulicher Sicht besonders gut für Aufstockungen - und das Potenzial ist groß. Einer heißt Q3A, die erste DDR-Großserie in Typenbauweise aus den 1950er- und 1960er-Jahren. Die beispielhaft untersuchten Gebäude verfügen über insgesamt 452 Wohneinheiten. Durch eine zweigeschossige Aufstockung sind 298 zusätzliche Wohneinheiten möglich. Legt man die 29 000 bestehenden Q3A-Wohnungen in Berlin zugrunde, entspräche dies - je nach Wohnungsgrößen - einem Neubaupotenzial von 13 200 Wohneinheiten.

"Der Wohnungsbau der kommenden zehn Jahre wird dem neuen Deutschland das Gesicht geben." Es kam zwar anders, als vom Architekten Bruno Taut 1927 erhofft. Serielles Bauen im großen Stil blieb aber sehr erfolgreich - bis heute. Zwischen 1924 und 1931 wurden so in Berlin mehr als 140 000 neue Wohnungen errichtet. Sechs der Berliner Siedlungen aus jener Zeit haben mittlerweile den Status Unesco-Weltkulturerbe. Einen ersten Eindruck, ob die "Neuen Typen" aus Berlin sich ebenso bewähren, wird man etwa in zehn Jahren bekommen.