Im Frühling zieht es wieder zehntausende Kleingärtner in ihre kleine Welt der Pflanzen und Zwerge.
Es rumort gewaltig unter der Erde. Der Feind stellt sich auf, hat sich vermehrt, der Angriff ist nahe. Der Feind trägt grüne Helme, ist voller Frühlingsenergie, sobald die Märzsonne kräftiger wird. Ahornkeime, ja, es sind nach vorsichtigen Schätzungen Millionen von Ahornkeimen, allein hier in München. Doch eine kleine Gruppe furchtloser Krieger stellt sich der scheinbar übermächtigen Ahorn-Armee: Zehntausende Kleingärtner kämpfen für Ordnung und Idylle in mehr als 8500 Münchner Schrebergarten-Parzellen. Bewaffnet mit Spaten, Schere, Dreizack, Sense und Rechen.
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An der Nestroystraße, am Rand des Westparks, gilt es, eine der schönsten Kleingarten-Anlagen der Stadt gegen das Unkraut zu verteidigen. Wo noch vor wenigen Tagen eine lebensfeindliche Schneedecke gutes und böses Grünzeug unterdrückte, leben jetzt wieder Krokusse und Kirschblüten auf - doch vor allem auch deren Besitzer. "Angarteln" ist angesagt im Verein "Südwest 83". Das heißt, dem Rasen und den Beeten einen Frühjahrsschliff verpassen, die bayerischen Flaggen hissen, Zwerge und Glaskügelchen aufstellen. Und unter Hirschgeweihen im Laubenfreisitz mit dem Nachbarn zu wehklagen, wie trist und lang der Winter doch wieder war.
"Gerad' ist erst das Laub weg, und dann kann man schon wieder Unkraut zupfen, i werd wahnsinnig." Schwarz sind Renate Schmids Hände. Schwarz, weil die rührige Dame gerade Ahornbabys zupft und an deren Stelle Salatkeimlinge setzt. Die Frischluft lässt die Blonde im Tigerpulli so jugendlich aussehen, dass niemand glauben würde: Diese Frau ist schon seit 30 Jahren Kleingärtnerin. Und auch ihre leuchtend pink lackierten Fingernägel versetzen jeden Tulpenmann in hellste Freude. Eine gewaltige Sammlung an Gartengeräten stapelt sich neben einem Tablett mit Setzlingen, Renates Mann Helmut karrt eine Musikanlage heran. "Wir sind wieder hier", sagt die füllige Frau und packt an: Hisst zwei bayerische Flaggen, eine auf dem Laubendach, die andere auf der Wiese.
Vogelgezwitscher in der Sendlinger Kleingarten-Kolonie, Hochhäuser schielen von allen Seiten neidisch auf das idyllische Treiben herab. Vögel trällern Frühlingslieder, Bienen und Zitronenfalter tanzen sanft durch die Luft. Eine Frau im Seidenshirt strahlt, als habe sie ein halbes Jahr lang nur auf diesen Tag gewartet, über die Arme trägt sie grünweiß karierte Gardinen. "Frisch gewaschen", sagt Edith Barth lachend und freut sich riesig aufs "Angarteln". Doch plötzlich nimmt ihr Gesicht einen ernsteren Ausdruck an, sie muss an Schädlinge denken: "Nacktschnecken", dringt es empört aus ihr heraus, "bald kommen wieder die Nacktschnecken, da können Sie gleich drei Spalten drüber schreiben." Denn Nacktschnecken spielen die Hauptrolle in den Alpträumen jedes Kleingärtners. Gefräßige Riesenwürmer, schlimmer gar als Ahornkeimlinge (es sei denn, die Schnecken fressen den jungen Ahorn und sterben daraufhin an Überfüllung).
Der Vereins-Vorsitzende Erich Lindermeir, eigentlich bloß zum Hallosagen vorbeigekommen, bringt neue Hoffnung. Er berichtet von einem Wundermittelchen (Messeneuheit): "Das streuen Sie, dann wandern die Schnecken zum Nachbarn", schmunzelt er. Wandern die Schnecken nun aber zum Nachbarn, so könnte der Laie denken, ist der Kleinkrieg zwischen den Lauben programmiert. Doch unter den Pächtern der 80 Parzellen im "Südwest 83" herrscht nach allgemeinem Bekunden ein recht familiäres Klima. Fast. Denn einer, so sagt ein Gartenfreund, einer hier sei "ein ganz, ganz böser Mensch". "Wir haben in der ganzen Anlage immerhin keinen Krieg", meint der Vorsitzende diplomatischer.
Friede sonst allüberall - auch Karl Kiesling, ein Fleißiger im Holzfällerhemd und mit gewaltiger Brille, beteuert mit erhobenem Daumen: "Wir haben hier gar keine Probleme miteinander, wenn einer ein bisschen Kopfweh hat und morgens einmal nicht so freundlich ,Hallo' sagt, ja mei, das hört man einfach nicht, wir sind doch auch nur Menschen."
Knack - knack - knack. Karl Kiesling schnippelt liebevoll Wintergehölz zusammen, pedantisch in kleine Stücke, damit möglichst viele in eine Schubkarre passen. Im Vordergrund schaukelt der Wind einen Gartenzwerg, der auf ein Apfelbäumchen gebunden ist. Bei allem Frühlings-Tamtam, Gärtner Kiesling freut sich am meisten auf den Spätsommer. Denn dann ist Sonnenblumenzeit. "Ich lüg' nicht, Sonnenblumen sind meine Spezialität, die werden bestimmt vier Meter hoch." Dann werden die Nachbarn neidisch. Konkurrenzkampf in der Parzellenwelt? "Indirekt vielleicht. Ich schau schon, wer was besonders Schönes hat", sagt Karl Kiesling gutmütig, "aber ich geh' dann auch hin und sag' ihm das."
Oktoberfest in der Vereinsgaststätte, das ist der Höhepunkt für die Kleingärtner vom Westpark. "Im Feiern sind wir auch gut", schwärmt der Vorsitzende Lindermeir. Darum heißt das Tor an der Straße intern längst "St.-Pauli-Bogen". Geselligkeit, Erholung - dies alles, sagt Erich Lindermeir (der zugleich den Kleingartenverband München leitet), sei freilich nicht alleiniger Zweck von Schrebergärten: "Pflicht ist, dass unsere Mitglieder Obst und Gemüse für den Eigenbedarf anbauen. Wo gibt es sonst so günstig Biogemüse?"
Und tatsächlich, gerade junge Familien sind scharf aufs Eigengemüse, von Nachwuchssorgen kann keine Rede sein. Viele Neupächter sind erst zwischen 30 und 40 Jahren alt - "die erinnern sich auf einmal, dass Oma auch immer so einen schönen Garten hatte", meint Lindermeir. 1000 Interessenten stehen auf den Wartelisten der 82 Münchner Kleingartenvereine, bis zu fünf Jahre lang muss die Geduld reichen. Familien werden laut Bundeskleingarten-Gesetz bei der Parzellen-Vergabe bevorzugt, dann kommen Alleinerziehende, Behinderte, Senioren. Eine mittlere Parzelle kostet rund 300 Euro pro Jahr. Eine Gebührenerhöhung durch die Stadt bringt, wie jüngst, die Kleingärtner auf die Barrikaden.
Wenn nun auch die Abende unter dem St.-Pauli-Bogen bald milder werden, dann wird sich die Luft über der Nestroystraße wieder mit Grillrauch mischen. Dann wird nicht nur über Ahornkeimlinge gesprochen. Erich Lindermeir erzählt in solchen Momenten, was ihm 40 Jahre Kleingartenparzelle gebracht haben: Als Manager bei Messerschmidt erlitt der Ingenieur 1966 früh seinen ersten Herzinfarkt, "mein Arzt hat mir dann als Medizin diesen Kleingarten verordnet". Auch darauf schwören sie hier: Die körperliche Arbeit und frische Luft halten (oder machen wieder) gesund. Einer hat im Vorjahr erst mit 94 Jahren aufgehört, weil der Körper nicht mehr wollte. "Der Garten ist ein Jungbrunnen", sagt Lindermeir im senfgelben Nachmittags-Sonnenlicht und schneidet seinen treuesten Apfelbaum, der bald zum 38. Mal blüht.
(SZ vom 30.3.2004)