RWE erhöht Strompreis Der Abzocker von Rhein und Ruhr

RWE-Chef Jürgen Großmann will gerne voRWEggehen. Das macht er auch. Vor allem beim Strompreis. Die Begründung eines Konzernsprechers ist kreativ: "Wir sind eben ein Dickschiff."

Von Thorsten Denkler

Es ist mal wieder eine satte Strompreiserhöhung, die der RWE-Konzern seinen Kunden zumutet. Um 7,3 Prozent oder 1,5 Cent hat das Unternehmen seinen Strom ab 1. August verteuert. Und begründet das in einer Pressemitteilung "hauptsächlich" mit einer höheren Umlage aus dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) sowie gestiegenen Beschaffungskosten. Hauptsächlich, das Wort lässt viele Hintertürchen offen. Und die braucht RWE offenbar für diese Preiserhöhung.

Es sei die erste Erhöhung sei 16 Monaten, heißt es in der Erklärung. Damit will RWE bei den betroffenen zwei Millionen Kunden offenbar für Verständnis werben.

Doch ein als Kenner des Strommarktes anerkannter Experte bezweifelt, dass die Erhöhung notwendig war. Im Gegenteil. Nach den ihm vorliegenden Daten wäre eher eine moderate Senkung der Strompreise gerechtfertigt.

Im Auftrag der Grünen-Bundestagsfraktion hat der Leverkusener Strommarkt-Experte Gunnar Harms die jüngste Preiserhöhung bei RWE genauer unter die Lupe genommen. Auf 14 Seiten schildert er haarklein, warum die nicht gerechtfertigt sein kann.

Null Verständnis

Zwei Argumente stechen heraus, die die Argumentation von RWE aufbrechen sollen: Tatsächlich sei zwar die Umlage, die sich aus dem neuen EEG ergibt, zu Beginn des Jahres gestiegen. Das aber würde nach den Berechnungen von Harms lediglich eine Steigerung um 0,7 Cent rechtfertigen. Und zweitens: Die Strompreise an der Leipziger Strombörse EEX seien seit 2008 bis heute um 30 bis 40 Prozent gesunken. Die Beschaffungskosten müssten damit für RWE sogar erheblich niedriger sein.

Unterm Strich sei der Effekt so groß, schreibt Harms, dass RWE seinen Strompreis um einen Cent hätte sinken lassen können, statt 1,5 Cent draufzuschlagen. Was dem Konzern, wie Harms schreibt, "ungerechtfertigte" Mehreinnahmen von 100 Millionen Euro sichern dürfte.

Bärbel Höhn, stellvertretende Fraktionschefin der Grünen, hat für die RWE-Preispolitik null Verständnis. "Die Preise kennen meistens nur die Richtung nach oben - auch wenn der Strom im Großhandel billiger geworden ist", sagt sie. Und die "Zeche zahlt der Verbraucher".

RWE will das so nicht auf sich sitzen lassen. Ein Sprecher der RWE Vertriebs AG erklärte im Gespräch mit sueddeutsche.de, es sei zwar richtig, dass die EEG-Umlage oberflächlich betrachtet nur 0,7 Cent Preiserhöhung gerechtfertigt hätte. Aber der Konzern gebe diese Preiserhöhung auch erst Mitte des Jahres an die Kunden wieder. Das ergebe einen höheren Preis von einem Cent.

"Wir sind eben ein Dickschiff"

Studienautor Harms habe zudem nicht bedacht, dass ein Großkonzern wie RWE anders am Markt agieren müsse als kleine Stadtwerke. "Wir sind eben ein Dickschiff", sagt der RWE-Sprecher. "Mit 100.000 Kunden kann ich auf Schnäppchen-Jagd gehen. Bei vier Millionen Kunden aber darf ich den Markt nicht erschüttern." Folge: Die Preise dürften nach oben treiben.

Sollte RWE also seinen gesamten Strombedarf in einer Tiefpreisphase an der EEX decken wollen, würden die Preise automatisch massiv steigen. Darum kaufe RWE seinen Strom alle zwei Wochen ein und für drei Jahre im Voraus. Die Beschaffungskosten ergäben sich somit aus einem Mix aus alten, hohen Preisen und neuen, niedrigen Preisen.

Kritiker Harms zweifelt an dieser Logik. Er kenne zwar die Beschaffungspolitik von RWE nicht im Detail, schreibt er. Es sei jedoch "nicht plausibel, dass diese wesentlich schlechter sein sollte" als die von ihm ermittelten Durchschnittswerte.

Ob die zwei Millionen RWE-Kunden, die den Grundpreis für Strom bezahlen, tatsächlich mehr Geld für Strom ausgeben müssen, hängt übrigens ganz von ihnen ab. Sie könnten auch einfach zu einem günstigeren Stromanbieter wechseln. Laut dem Vergleichsportal Verivox sind in Essen am RWE-Konzern-Sitz 121 Stromanbieter günstiger als RWE mit seinem Standardtarif. Selbst manche Ökostromversorger bieten billiger an.

Grünen-Politikerin Höhn kennt das Problem: "Die Wechselbereitschaft der Kunden scheint noch nicht groß genug zu sein, sonst würde die Weitergabe von Preissenkungen besser funktionieren."