Von Sonja Zekri

Seit Herbst hat die russische Währung ein Drittel ihres Wertes verloren. Jetzt kaufen die Verbraucher Sachwerte.

Vor ein paar Tagen druckte die Boulevardzeitung Moskowskij Komsomolez eine Karikatur: Zwei Ärzte mit schwarzen Gesichtern und riesigen Nasen stehen vor einem offenen Sarg. Darin liegt, mit einer Kerze in den toten Händen, der Rubel. Betretenes Schweigen. Dann sagt der eine: "Wenigstens schwankt er nicht mehr!"

"Die Stabilität der Währung ist für Russen spätestens seit dem Jahr 1998 eine Frage des Überlebens" (© Foto: dpa)

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Ähnlich finster hat auch Swetlana Sorokina (Name geändert) die Zukunft der nationalen Währung gesehen. "Wer wusste denn im Januar, wie weit der Rubel fallen würde?", sagt sie. Seit Herbst hat der Rubel ein Drittel seines Wertes verloren. Inzwischen schwören der russische Präsident Dmitrij Medwedjew und sein Finanzminister Alexej Kudrin Stein und Bein, dass der Fall gebremst, die Währung stabilisiert sei, aber erstens ist das Jahr noch nicht rum und zweitens kommt dieser Trost für Swetlana ein paar Wochen zu spät.

Swetlana arbeitet für eine ausländische Organisation in Moskau und bekommt ihr Gehalt in Rubeln. Sie verdient keine goldenen Berge, aber genug für einen japanischen Kleinwagen. Dachte sie. "Das Autohaus hat vorgeschlagen, dass ich zehn Prozent anzahle und für den Rest einen Kredit aufnehme", erzählt sie. Der Wagen kostete 18.000 Dollar, das entsprach etwa 450.000 Rubel. Es war Juli 2008, der Dollar lag bei 23 Rubel.

Verhängnisvolle Fremdwährungskredite

Die Bank bot einen Dollar-Kredit mit neun Prozent Zinsen an. "Anfangs habe ich ungefähr 310 Dollar also 7300 Rubel gezahlt, aber schon zwei Monate später ging es los", sagt Swetlana. Der Rubel sank auf 25,5 Rubel pro Dollar im September, 27 im November, 28,3 im Dezember, 33,5 im Januar. Während ihr Rubel-Gehalt schrumpfte, kostete der Dollar-Kredit am Ende 10.300 Rubel im Monat. Unbezahlbar.

Freunde rieten zur Umschichtung. Swetlana solle die Dollar-Schulden mit einem Rubel-Kredit tilgen. "Aber die Banken verlangen 25 Prozent Zinsen - wenn sie überhaupt Kredite vergeben", sagt sie: "Alle verfielen in Panik. Wir rechneten mit dem Schlimmsten." Das war vielleicht übertrieben, aber die Stabilität der Währung ist für Russen spätestens seit dem Jahr 1998 eine Frage des Überlebens. Die Erinnerung an den Staatsbankrott, als sich die Ersparnisse von Millionen über Nacht in Luft auflösten, ist noch immer frisch.

Swetlanas Familie beschloss, das Ende gar nicht erst abzuwarten. "Plötzlich war diese Idee da: Warum nicht den Kredit auf einmal tilgen?" Alle legten zusammen, die Großeltern steuerten sogar ihre Rücklagen für Krankheit- und Todesfall bei. "Jetzt schulde ich zwar meiner Familie Geld, aber mit der komme ich besser zurecht als mit der Bank", sagt sie.

Swetlana ist nicht die einzige, die auf Sachwerte setzt. In Moskaus Shopping-Malls herrscht Kaufrausch. Im Jewropejski Zentr, einem glitzernden Würfel am Kiewer Bahnhof, werben die Geschäfte mit Rabatten auf Kaffeemaschinen, Turnschuhe und Kissenbezüge, auf Pralinen, Pelze und Juwelen. Sie finden ein dankbares Publikum. Der Laden für Hundebekleidung neben der Express-Maniküre im Untergeschoss hat geschlossen. Ansonsten: Keine Spur von Krise.

Die meisten haben die Zeichen der Zeit nicht richtig erkannt, findet Swetlana: "Was wir bis jetzt von der Krise mitbekommen, ist nur die Spitze des Eisberges." Und Moskau ist nicht Russland. Die landesweiten Verkaufszahlen von Neuwagen sind im Januar um ein Drittel gefallen, Bestellungen sind um die Hälfte zurückgegangen. Umfragen zeigen, dass die meisten Russen erstmals seit Jahren besorgt in die Zukunft blicken und keine Kredite aufnehmen, weil sie um ihren Arbeitsplatz fürchten.

Keine Nationalisierung der Wirtschaft

Zehntausende sind entlassen worden. Das sind erträgliche Zahlen, verglichen mit dem Job-Kahlschlag etwa in Amerika, aber viele Firmen haben auf Kurzarbeit umgestellt oder zahlen einfach keinen Lohn.

Ob die Maßnahmen der Regierung dem Land wieder auf die Beine helfen, kann derzeit seriös niemand vorhersagen. Bislang ist jedenfalls die befürchtete Nationalisierung der Wirtschaft ausgeblieben. Und eines Tages wird man auch wissen, ob die Milliarden für verschuldete Oligarchen oder die bedrängten Kleinunternehmer angekommen sind, oder nur ein paar Beamte sehr reich gemacht haben.

Der Rubel, immerhin, hat sich zwischendurch erholt. Viele Unternehmen müssen ihre Steuern zahlen, und dafür brauchen sie Rubel. Und nachdem die Zentralbank wochenlang zähneknirschend zusehen musste, wie die Banken die milliardenschweren Staatskredite nutzten, um Devisen zu kaufen, hat die Staatsanwaltschaft außerdem Anklage gegen ein paar Banker erhoben.

Sergej Alexaschenko, Ex-Vize-Chef der Zentralbank, giftete in der Zeitschrift Nowoje Wremja, offenbar habe der Staat nicht das kleinste Vertrauen in die Selbstheilungskräfte der Wirtschaft. Ein Gesetz gegen Devisenvergehen habe man ja schon mal gehabt, zu Sowjetzeiten.

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(SZ vom 23.02.2009/hgn)