Run auf Städte Riskanter Zuzug

Die Urbanisierung verschlingt zu viele Ressourcen. Experten fordern eine Kreislaufwirtschaft für Baustoffe.

Von Ingrid Weidner

Schon heute leben mehr Menschen in Städten als auf dem Land, und dieser Trend wird sich in den kommenden Jahren fortsetzen. Wohnen heute vier Milliarden Menschen in Ballungsräumen, werden es Expertenschätzungen zufolge im Jahr 2050 etwa 6,5 Milliarden sein. Wenn diese Hochrechnungen zutreffen, fehlen dann für Milliarden von Menschen Wohnraum, Arbeit und Infrastruktur. Auch das Armutsrisiko steigt; schon heute leben weltweit 850 Millionen Menschen in Slums, in den nächsten 30 Jahren sollen es zwei bis drei Milliarden Menschen sein, die in Behelfsunterkünften hausen. Auf dem Klimagipfel 2015 in Paris wurde beschlossen, dass der Anstieg der durchschnittlichen Jahrestemperatur auf zwei Grad Celsius begrenzt werden soll. Dafür müssen Ressourcen und Energie eingespart werden, gleichzeitig verursachen Städte einen Großteil der CO₂-Emissionen. Wie lassen sich diese Aufgaben gleichzeitig bewältigen?

In den Städten entscheidet sich, ob eine globale, nachhaltige Entwicklung möglich ist, betonte Inge Paulini, Generalsekretärin des WBGU (Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen), bei einer Veranstaltung des Werkbunds Bayern mit dem Titel "Die transformative Kraft der Städte". Der Beirat fordert daher eine Kreislaufwirtschaft für Baustoffe. Mehr Recycling und auch die Suche nach Alternativen für Stahlbeton könnten helfen, den Ressourcenverbrauch zu reduzieren. Allein zwischen 2008 und 2010 sei in China mehr Zement verbaut worden als im gesamten 20. Jahrhundert in den USA, berichtet Paulini.

Doch noch gibt es wenige Beispiele dafür, dass Kommunen beim Bauen, bei Infrastruktur oder Mobilität umdenken. Bis zum Jahr 2070 sollten alle fossilen CO₂-Emissionsquellen in Städten durch emissionsfreie Alternativen ersetzt werden, heißt es in einem WBGU-Gutachten. Doch die Elektromobilität kommt nur langsam voran, und auch E-Autos benötigen Energie.

Die Vorschläge für eine Transformation klingen gut, nämlich "natürliche Lebensgrundlagen erhalten, Teilhabe sichern, Eigenart fördern". Aber sie lassen sich in der knapp bemessenen Zeit nur schwer umsetzen, sagte die Münchner Stadtbaurätin Elisabeth Merk bei der Veranstaltung in München. Stadtentwicklung verlange eine langfristige Planung, gleichzeitig gebe es eine mittelfristige Zeitachse, die sich nach Wahlperioden richte, und schließlich gebe es da auch noch den Zeitplan der Bürger, die ganz konkrete Forderungen hätten, etwa eine neue Schule für ihr Quartier wünschten. Das Aushandeln dauere oft lange, die Prozesse ließen sich nicht beliebig beschleunigen.

Bisher verlangen nur wenige Bauherren nach innovativen Konzepten

Kopenhagen kündigte an, bis zum Jahr 2025 klimaneutral zu sein; bisher hat sich noch keine andere Metropole diesem Vorhaben angeschlossen. Auch wenn deutsche Städte wie Stuttgart oder München regelmäßig die Feinstaubwerte überschreiten, gibt es dort immer noch keine neuen Verkehrskonzepte. Schon heute wäre mehr Recycling von Baumaterialien und intelligenteres Bauen möglich. Doch nur wenige Bauherren fordern innovative Konzepte ein, dabei könnten gerade mit staatlichen und städtischen Ausschreibungen nachhaltigere Baumethoden und Materialien neue Impulse setzen.

Paulini bringt auch die Bodenrechtsfrage ins Spiel. Wenn Kommunen ein Vetorecht bei der Vergabe von Grundstücken hätten und sich ein Mitspracherecht sicherten, könnten sie mehr Einfluss auf die Art des Bauens und der Stadtplanung nehmen, meint die Expertin. Würden mehr Grundstücke an Genossenschaften vergeben, entstünden innovativere Wohnquartiere. Das führt zu der alten Frage: Wem gehört die Stadt? Hier fehlt eine Antwort für das 21. Jahrhundert. Gerade weil politisch initiierte Veränderungen lange brauchen, können und sollen zivilgesellschaftliche Netzwerke in den Städten und der Austausch von Kommunen über Landesgrenzen hinweg neue Impulse geben, meinen die Experten.