Rohstoffe: Kakao Die Kakao-Verschwörung

In London kauft ein Hedge-Fonds angeblich sieben Prozent der Welternte an Kakao auf - und treibt so den Kurs auf Rekordhöhe. Händler und Verarbeiter bekommen es mit der Angst zu tun.

Von Silvia Liebrich

Unter den Schokoladenherstellern herrscht Aufruhr. Spekulationen haben den Kakaopreis in London - einer der wichtigsten Handelsplätze in Europa - auf den höchsten Stand seit 33 Jahren getrieben. Eine Gruppe von 16 Händlern und Verarbeitern vermutet Marktmanipulationen und reichte Beschwerde bei der Londoner Warenterminbörse Nyse Liffe ein.

Der wichtigste Inhaltsstoff von Schokolade hat sich damit innerhalb eines Jahres um 50 Prozent verteuert. "Viele Hersteller sind beunruhigt", sagte ein Sprecher des deutschen Süßwarenverbandes BDSI. Der hohe Kakaopreis könnte sich mittelfristig auch auf die Verbraucherpreise auswirken. Preiserhöhungen scheiterten zuletzt allerdings am Wettbewerbsdruck im Handel

Händler und verarbeitende Unternehmen klagen seit einigen Monaten über eine Zunahme von Spekulationen an den Agrarmärkten, die zu starken Marktverzerrungen führen können. Auch die Notierungen einiger anderer Agrarerzeugnisse zogen zuletzt deutlich an. Weizen verteuerte sich um bis zu 40 Prozent.

Leere Lager in Europa

Zwar wurden die Ernteprognosen in Europa etwas nach unten korrigiert. Doch dies rechtfertige nicht den starken Anstieg der Notierungen, sagte ein Hamburger Getreidehändler. "Die Lagerbestände sind so hoch wie seit Jahren nicht, und die Gefahr von Engpässen wie vor drei Jahren besteht derzeit nicht." Er vermutet, dass mehr Finanzinvestoren ihr Geld an den Agrarmärkten anlegen und so für einen Anstieg der Kurse sorgen.

Für die ungewöhnliche Preisentwicklung bei Kakao wird in Finanzkreisen der Investor Armajaro verantwortlich gemacht. Mit Warentermingeschäften soll er sich den Zugriff auf immerhin sieben Prozent der weltweiten Jahresproduktion an Kakao gesichert haben. Das entspricht einer Menge von etwa 250.000 Tonnen. Damit wären auf einen Schlag beinahe die gesamten Lagerbestände in Europa aufgebraucht. Ein Armajaro-Sprecher wollte dies nicht kommentieren.

Das Unternehmen gilt als einer der großen Kakao- und Kaffeehändler, mit Niederlassungen in produzierenden Ländern wie Elfenbeinküste, Ghana oder Malaysia. Seit einigen Jahren weitet Armajaro zudem seine Aktivitäten im Hedge-Fonds-Geschäft aus. Auf Spekulanten übt der Kakaomarkt eine große Anziehungskraft aus, weil die Produktion kaum noch mit der wachsenden Nachfrage Schritt halten kann. Viele setzen deshalb auf steigende Preise.

Dass an der Londoner Börse in den vergangenen Wochen möglicherweise nicht alles mit rechten Dingen zuging, legt der Vergleich mit den Notierungen in New York nahe. Dort kostete eine Tonne Kakao am vergangenen Donnerstag 3067 Dollar, in London 2713 Pfund. Damit war der Rohstoff in Europa um 25 Prozent teurer als in den USA.

Viel Sorge und ein hohes Risiko

Das Auseinanderdriften der Kurse in New York und London macht auch den internationalen Kakaoverband ICCO misstrauisch. Zwar sei es nicht verboten, große Mengen an Kakao zu kaufen. Kritisch werde es jedoch, wenn ein einziger Käufer unbemerkt künstliche Engpässe auf dem Markt erzeugen könne, kritisierte der Verband.

Manipulationsversuche kommen an den Rohstoffbörsen immer wieder vor, und sie können sich als höchst riskant erweisen, wie das Beispiel der aus Texas stammenden Hunt-Brüder zeigt, die für kurze Zeit mit ihren Spekulationen den Silbermarkt aushebelten. In den 1970er Jahren hatten sie 5000 Tonnen Silber in Barren an der New Yorker Warenterminbörse erworben und aus Angst vor einer Enteignung heimlich außer Landes schaffen lassen.

Silber wurde daraufhin so knapp, dass die Notierungen ein Rekordhoch nach dem anderen erreichten. Doch den Brüdern gelang es nicht, den Markt längere Zeit zu beherrschen. Sie verloren vier Milliarden Dollar und gingen pleite. Mit ihnen verloren jedoch auch viele Anleger und Unternehmen ihr Geld.

Die aktuellen Kursausschläge bei Kakao lösen auch deshalb bei Händlern und Verarbeitern Besorgnis aus. Sie werfen der Nyse Liffe in ihrem Schreiben einen Mangel an Transparenz vor, der den Londoner Markt in Verruf bringe. Unberechtigt ist dieser Vorwurf nicht.

Während die New Yorker Rohstoffbörse ICE regelmäßig Berichte veröffentlicht, in denen die Positionen einzelner Händler und Unternehmen am Kakaomarkt veröffentlich werden, ist dies in London bislang nicht üblich. Der Börsenvorstand der Nyse Liffe sicherte nun zu, dass man "in naher Zukunft" ein ähnliches Informationssystem einrichten werde. Den Vorwurf der Marktmanipulation wies der Börsenvorstand zurück.