Yale-Ökonom Robert Shiller spricht über die Lehren aus der Wirtschaftskrise - und den Untergang der Titanic.
Robert Shiller, Professor an der Universität Yale, warnte schon früh vor der Spekulationsblase auf dem amerikanischen Immobilienmarkt, aus der sich die große Finanzkrise entwickelte. Im SZ-Interview erläutert er, was die Krise mit dem Untergang der "Titanic" gemein hat.
Robert Shiller: "Kapitalismus ist keine einfache Sache, er muss organisiert werden und braucht Regeln." (© Foto: AP)
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SZ: Herr Professor Shiller, vor fast einem Jahr ist die Investmentbank Lehman Brothers zusammengebrochen. Was ist die wichtigste Lehre aus der globalen Finanzkrise?
Robert Shiller: Die Krise gehört zu jenen historischen Ereignissen, die uns die Chance geben, nach vorne zu schreiten und unsere Institutionen zu reparieren und zu verbessern. Kapitalismus ist keine einfache Sache, er muss organisiert werden und braucht Regeln. Unsere Finanzinstitutionen sind unvollkommen.
SZ: Das ist vornehm formuliert. Sind die Institutionen nicht einfach gescheitert?
Shiller: Viele Politiker äußern sich so, die deutsche Regierungschefin Angela Merkel ebenso wie der Wahlsieger von Japan, Yukio Hatoyama. Es kommt aber darauf an, den Kapitalismus zu verbessern, und nicht ihn zu verlassen. Eine Lehre ist zum Beispiel, dass es in der Marktwirtschaft schlechte Gleichgewichte geben kann: Die Zeiten sind schlecht, alle stellen sich darauf ein, und so wird daraus eine Erwartung, die sich selbst erfüllt. Das wussten wir auch schon früher. Aber die Krise hat uns daran erinnert, dass wir das Problem durch Regulierung anpacken müssen.
SZ: Angela Merkel sagte: Keine Bank darf so groß werden, dass sie die Regierung erpressen kann. Stimmen Sie ihr zu?
Shiller: Das ist in der Tat ein zentrales Problem. Wenn Unternehmen nicht mehr pleite gehen können, setzen sie nicht nur die Regierung unter Druck, sie behindern auch kleinere, innovative Unternehmen. Wie wollen Sie mit jemandem konkurrieren, der eine Staatsgarantie hat? In der Finanzkrise wurde das Problem noch verschärft. Die amerikanische Regierung hat nicht nur große Banken belohnt, sie hat sogar das Entstehen noch größerer Banken gefördert. Das Umgekehrte wäre richtig: Wir müssen über die Aufspaltung großer Banken nachdenken.
SZ: War es ein Fehler, dass die amerikanische Regierung die Bank of America gedrängt hat, Merrill Lynch zu übernehmen?
Shiller: Das Ergebnis ist jedenfalls eine Institution, die noch weniger pleite gehen darf. Ich habe keinen Plan, aber wir müssen das Problem lösen. Kartellpolitik ist ein integraler Bestandteil des Kapitalismus und sollte auf Finanzinstitute angewandt werden.
SZ: Kartellpolitik war in den vergangenen zwanzig Jahren nicht sehr populär in den USA.
Shiller: Wir haben dem Kapitalismus zu viel zugetraut. Deshalb sind Regulierungsbehörden nachlässig geworden, das hat zu Spekulationsblasen geführt. Alan Greenspan und sogar Ben Bernanke glaubten, dass Finanzmärkte effizient sind und klüger als jedes Individuum.
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@NeinDanke: Ich fürchte, wir sind hier jetzt unter uns...
Zum Thema: Ich stimme Ihnen in vielen Punkten zu, doch die Eigentumsverhältnisse, sprich der Privatbesitz an Produktionsmitteln, bleiben nun mal die Grundlage des Kapitalismus.
Haben die Produzenten bzw. die Gesellschaft nicht die Macht über die Produktionsmittel, kann sie auch nicht nach ihren Bedürfnissen produzieren. Das Gewinnstreben, das Gesellschaft wie Umwelt auslöschen wird, wäre so nicht zu beenden. Shareholder Value bzw. der Profit des kleinen Kapitalisten blieben das Maß aller Dinge, alle Beziehungen Geldbeziehungen. Deshalb vom Kopf auf die Füße.
"Die Eigentumsverhältnisse müssen aus meiner Sicht grundlegend umgeworfen werden." Sicher, aber das wäre nur ein kosmetischer Eingriff. Selbst wenn die Eigen.verh. umgeworfen würden, bliebe das System so wie es ist. Allein, dass das Eigentum "anders" verteilt würde, liesse die Grundlage/den Ursprung allen Eigentums sprich:"die Arbeit" und deren Organisation unangetastet. Arbeit bliebe sinnlose Lohnsklaverei nur anders bezahlt. Das wäre keine wünschenswert Lösung.
Ich finde hingegen, dass man -bevor man umverteilt oder drgl.- die Produktion von Waren/Dingen an sich hinterfragen muss. Es muss überdacht werden: für wenn und warum überhaupt Sachen hergestellt werden? Heute werden fast alle Dinge hergestellt, um einen hysterisch aufgegeilten Markt zu befriedigen. Ob nun diese hergestellten Produkte sinnvoll, gesund, schädlich, unvernünftig oder was auch immer sind, spielt keine Rolle. Hauptsache sie lassen sich verkaufen und entsp. Profit damit erzielen.
Als Alternative dazu stelle ich mir eine "demokratische Produktion" von Dingen vor. In der tatsächlich abgestimmt wird: für wen, warum und wie ein Ding produziert wird. Und in der klar erkennbar ist, welche "Mühen" (im Sinne von Aufwand (wie auch immer man diesen berechnen würde)) die Produktion verursacht, welche Arbeitsbedingungen bei der Produktion herrschen, welchen Einfluss diese Produktion auf die Umwelt hat...(jaja die Idee ist nich´ so ausgereift und so...schon klar).
Naja...aber Alternativen zu dem was ist, sollten doch denkbar und machbar sein, die fallen selbst mir ein und ich bin keine Prof in Yale ;-). Den Status Quo a la Shiller zu verteidigen, hingegen "Es kommt aber darauf an, den Kapitalismus zu verbessern, und nicht ihn zu verlassen." kann man sich echt sparen, das ist so unsexy und so 2008!!
Zitat WM2000: "Kapitalismus mit bedingungslosen Bürgergeld? Meinten Sie so etwas mit Ihrer Darstellung?"
Nein, ich lehne den Kapitalismus im Grundsatz ab. Die Eigentumsverhältnisse müssen aus meiner Sicht grundlegend umgeworfen werden. Oder wie Marx sagt, vom Kopf auf die Füße gestellt.
Die Widersprüche der Marktwirtschaft, sei sie "frei" oder "sozial", offenbaren sich an allen Ecken und Enden. Entweder wir schaffen sie ab oder sie uns.
Der Überzeugung dass sich auch Europa zur sozialen Marktwirtschaft heute bekennen würde, wenn diese 1983 nicht eingeschläfert geworden wäre und vielleicht darüber hinaus, viele Ihrer Forderungen für das Gemeinwohl bereits erfüllt wären. Denn so etwas muss wachsen, wurde aber im Wachstum massiv gestört.
Kapitalismus mit bedingungslosen Bürgergeld? Meinten Sie so etwas mit Ihrer Darstellung?
@WM2000: Nein, wir lebten auch vor 1983 im Kapitalismus. Dass er (fordistisch) abgefederter war als heute einverstanden. Sie mögen das dann analog zu Ludwig Erhard und der Godesberg-SPD als "soziale Markwirtschaft" bezeichnen.
Den Luxus leistet sich das Kapital angesichts fallender Profitraten und angesichts eines fehlenden globalen Gegners aber nicht mehr. Die haben Sozialstaat und Mitbestimmung nicht mehr nötig, es ist ihnen nur noch im Weg, um ihre Profite zu realisieren.
Wer heute die "soziale Marktwirtschaft" fordert, besorgt das Geschäft der INSM. Wie dieser Tinus, der hier rumgeistert.
Wir brauchen eine Gesellschaft, in der nicht nur das zahlungsfähige Bedürfnis gilt. Statt unsere Bedürfnisse dem chaotischen Markt und seinen eklatanten Widersprüchen zu überlassen, sollten wir die vom Spätkapitalismus entfesselte enorme Produktivkraft nutzen, um unsere Bedürfnisse planvoll zu befriedigen. Es ist genug für alle da. Und das hat nichts mit Verstaatlichung zu tun und Planwirtschaft à la Sowjetunion oder DDR zu tun. Dort wurde im Zuge einer nachholenden Industrialisierung der Staat zum einzigen Kapitalisten. Das kann nicht der Weg sein. Aber die Produzenten müssen über ihre Produkte verfügen.
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