Robert Kimmitt, Ex-US-Botschafter in Deutschland und bis Januar stellvertretender Finanzminister, über die Schuld der Banken an der Krise.
In der Zeit heftigster Finanzturbulenzen 2008 war Robert Kimmitt, 61, als Stellvertreter des Finanzministers Henry Paulson für das Krisenmanagement verantwortlich. Im SZ-Interview spricht er über die deutsch-amerikanische Zusammenarbeit, die Schuld der Banken, die Rolle Chinas und die Zukunft der Weltwirtschaft.
Robert Kimmitt: "Meine wichtigste Lehre ist die: Auch bei hohem Wachstum muss man Risiken ständig und extrem vorsichtig analysieren." (© Foto: ddp)
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SZ: Herr Botschafter, man sagt, die Amerikaner seien vom Mars, die Europäer von der Venus, weil Amerikaner schneller zu militärischen Lösungen neigen. In der Wirtschaftspolitik ist es gerade umgekehrt: Die USA gehen viel großzügiger mit dem Geld um als die Europäer. Warum?
Robert Kimmitt: Ich denke, wir leben beide auf der Erde. Es gibt mehr, das uns eint, als was uns trennt. Ich habe noch keine engere Zusammenarbeit gesehen als die zwischen Europa und den USA seit Ausbruch der Finanzkrise, und zwar unter der früheren ebenso wie unter der jetzigen Regierung. Während der deutschen Präsidentschaft in der EU und dem Vorsitz der Bundesregierung in der G7 im Jahre 2007 wurde eine solide Basis gelegt. Auf Initiative von Bundeskanzlerin Angela Merkel wurde der Transatlantische Wirtschaftsrat gegründet. Eine Arbeitsgruppe innerhalb dieser Organisation befasst sich intensiv mit Fragen der Finanzmarktregulierung. Ich behaupte nicht, dass wir immer einer Meinung sind, aber die Kommunikationswege sind weit geöffnet. Nach allem was ich höre, hat sich das mit dem Regierungswechsel nicht geändert.
SZ: Die Deutschen haben die Amerikaner doch vor der Krise zu mehr Regulierung gedrängt. Die US-Regierung lehnte das ab.
Kimmitt: Wir haben uns 2007 darauf geeinigt, dass Hedgefonds besser reguliert werden müssen und mehr Transparenz nötig ist. Die Branche sollte sich freiwillig Kontrollen unterwerfen. Es stimmt, dass die Deutschen gerne noch weiter gegangen wären. Man muss aber auch einräumen, dass die Krise nicht bei den Hedgefonds ausbrach, sondern im Kern des Bankensystems. Hypothekenverleiher, Banken, Ratingagenturen und Aufsichtsbehörden - alle sahen dabei schlecht aus. Amerikaner sind schnell bereit, Fehler anzuerkennen und aus ihnen zu lernen. Jeder Teil des Marktes muss nun strengere Regulierungen akzeptieren. Aber diese müssen durch die Disziplin der Märkte selbst ergänzt werden. Beides auszubalancieren - Regulierung und Marktdisziplin - darin liegt jetzt die Herausforderung.
SZ: Sie waren in die gesamte Krisenpolitik des US-Finanzministeriums von August 2007 an involviert. Was haben Sie persönlich aus der Krise gelernt?
Kimmitt: Meine wichtigste Lehre ist die: Auch bei hohem Wachstum muss man Risiken ständig und extrem vorsichtig analysieren. Nach einer längeren Phase günstiger Marktbedingungen neigt man dazu, in der Gleichung von Risiko und Rendite die Risiko-Seite zu mindern oder zu vergessen. Die zweite Lehre ist, dass es keine nationalen Lösungen mehr gibt. Ich habe vom ersten Tag an dafür gesorgt, dass das, was wir in den USA gemacht haben, auf bilateralen und multilateralen Kanälen diskutiert wurde. Es war mein Vorschlag, dass der Washingtoner Finanzgipfel im vorigen November auf der Ebene der G20 abgehalten wurde...
SZ:... in der auch China, Indien, Brasilien und andere Schwellenländer vertreten sind.
Kimmitt: Die G20 ist damit repräsentativer und sie wurde nach der Asienkrise vor zehn Jahren mit dem Ziel ins Leben gerufen, Finanzprobleme zu lösen. Ich habe mich gefreut, dass Kanzlerin Merkel die neue Rolle der G20 sehr unterstützt.
SZ: Die G7 als Club der Industrieländer sind irrelevant geworden?
Kimmitt: Nein, überhaupt nicht, schon allein wegen des Gewichts, das die Volkswirtschaften der G7 haben. Klar ist aber, dass die G7 künftig enger mit der G20 zusammenarbeiten wird.
SZ: Was sollte das Ziel sein bei all den Neuregulierungen?
Kimmitt: Alle sind sich einig, dass es keinen einheitlichen Welt-Regulierer geben wird, dass aber eine viel engere Zusammenarbeit der nationalen Regulierungsbehörden nötig ist. Dabei spielt der transatlantische Dialog über Finanzmarktregulierung eine wichtige Rolle. Zum Beispiel sollten wir nichttarifäre Handelshemmnisse beseitigen. Die Angleichung von Buchführungsregeln zwischen den USA ("US GAAP") und Europa ("IFRS") ist ein großer Fortschritt.
SZ: Gibt es denn überhaupt noch viele Handelshemmnisse?
Kimmitt: Leider ja. Im transatlantischen Dialog haben 2008 taktische Themen die Hauptrolle gespielt, man hat aber die strategischen Fragen vernachlässigt. Ich hoffe, dass jetzt unter der schwedischen Präsidentschaft in der EU, mit der Unterstützung Deutschlands und der neuen US-Regierung genau diese strategischen Fragen definiert werden. Wenn der Aufschwung kommt, sollte er so wenig Barrieren wie möglich haben. Die Grundsätze einer gesunden Marktwirtschaft sind: freier Handel, flexible Wechselkurse und der freie Fluss von Kapital über die Grenzen.
SZ: Viele Deutsche glauben, dass mit der Finanzkrise der angelsächsische Kapitalismus gescheitert ist.
Kimmitt: Es gab in den vergangenen Monaten in der Tat eine Fülle von Diskussionen darüber, wie das Finanzsystem auf beiden Seiten des Atlantiks funktioniert, angeregt zum Teil durch die Folgen des Falls Lehman Brothers. Wir waren uns über diese schwerwiegenden Wirkungen auch jenseits der amerikanischen Grenzen und besonders in Europa im Klaren. Im September 2008 hatten wir als Regierung nicht die Befugnisse, um angemessen auf die Lehman-Situation zu reagieren. Als Folge daraus hat der Kongress dem Finanzministerium entsprechende Vollmachten erteilt.
SZ: Ein neuer Fall Lehman ist ausgeschlossen?
Kimmitt: Wir haben die Grundlagen für ein sichereres und solideres Finanzsystem gelegt. Aber wir müssen wachsam bleiben, besonders dann, wenn die Zeiten wieder besser werden. Die Wirtschaft darf nicht immer zwischen Boom und Krise hin- und hergerissen werden.
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Kimmitt: ...aber sie wird sicher höher sein als früher. Und das hat Konsequenzen für Exportwirtschaften wie China oder Deutschland. Exporte werden immer ein zentrales Element Ihrer Wirtschaft sein, aber mehr heimische Nachfrage zu schaffen wäre ein wichtiger Beitrag zur Erholung der Weltwirtschaft.
und Merkel versteht gar nicht was dieser verrückte Amerikaner da erzählt.... Ist der etwa Kommunist?