Rentenprognosen Das Rentenniveau wird sinken - und die Beiträge steigen

  • Die Rentenprognosen im Rentenversicherungsbericht gehen nicht weit genug in die Zukunft, sagt der Sozialbeirat der Bundesregierung.
  • Der Sozialbeirat geht in einem Gutachten davon aus, dass der Beitragssatz deutlich ansteigen wird.
Von Thomas Öchsner, Berlin

Jedes Jahr gibt die Bundesregierung einen gewagten Ausblick: Im Rentenversicherungsbericht rechnet sie für die nächsten 15 Jahre vor, wie sich die Altersbezüge entwickeln werden. Der amtliche zeitliche Rentenhorizont reicht daher derzeit bis 2029. So mancher mag das schon für Kaffeesatzleserei halten. Der Sozialbeirat der Bundesregierung hält dies dennoch für nicht ausreichend. Dies geht aus dem Jahresgutachten des Expertengremiums hervor, das der Süddeutschen Zeitung  vorliegt.

"Rentenpolitik beeinflusst die Einkommensperspektiven der Versicherten über viele Jahrzehnte hinweg." Eine vorausschauende Rentenpolitik müsse daher einen ausreichend langen Planungshorizont haben. 15 Jahre seien dafür "zu kurz", heißt es in dem Gutachten. Vorsitzender des Sozialbeirats, in dem Gewerkschaften und Arbeitgeber zusammenarbeiten, ist der DIW-Ökonom Gert Wagner.

In dem Bericht, der zum zweiten Mal unter Wagners Federführung dem Bundesarbeitsministerium vorgelegt wurde, gibt der Sozialbeirat nun selbst einen Ausblick über das Jahr 2030 hinaus - und warnt dabei davor, allzu schwarz zu sehen. Zwar soll nach der Prognose des Statistischen Bundesamtes die Anzahl der Personen im Erwerbsalter von 20 bis 64 Jahren von derzeit gut 49 Millionen bis zum Jahr 2060 um fast ein Viertel zurückgehen. Gleichzeitig dürfte die Anzahl der Personen im Ruhestandsalter von mindestens 65 Jahren von 17 Millionen um mehr als ein Drittel steigen. Der Sozialbeirat weist aber darauf hin, dass von etwa 2035 an die geburtenschwächeren Jahrgänge ab Ende der 1960er Jahre ins Rentenalter rücken. In der Folgezeit werde die Altersstruktur "kaum noch durch die seit 1970 nahezu konstante Geburtenziffer von 1,4 Kindern je Frau beeinflusst".

Außerdem könnte es sich positiv auswirken, wenn zunehmend mehr Menschen länger arbeiten und später in Rente gehen. Hinzu komme die hohe Zuwanderung vieler junger Menschen, "die sich nach 2030 günstig auf die Finanzierung der Rentenversicherung auswirken dürfte".

Nach der Einschätzung des Sozialbeirats wird es allerdings für Rentner und Beitragszahler nach 2030 eher noch schlechter aussehen als in den 2020er-Jahren. "Der Beitragssatz wird voraussichtlich über 22 Prozent hinaus angehoben werden müssen", heißt es in dem Gutachten. Derzeit liegt er bei 18,7 Prozent. Auch die Rentenerhöhungen dürften "spürbar hinter der durchschnittlichen Lohn- und Gehaltsentwicklung zurückbleiben". Das Rentenniveau eines Durchschnittsverdieners dürfte demnach von derzeit 47,4 auf unter 43 Prozent seines Gehalts sinken.

Der Beirat weist dabei auf die sehr verschiedenen Rechnungen von Instituten hin, die 2050/60 das Rentenniveau zwischen 36 und 43 Prozent und den Beitragssatz auf 24 bis 28 Prozent taxieren. In dem Gutachten wird jedoch angemerkt: Schon wegen der hohen Zuwanderung sei es geboten, diese Langzeitprognosen auf ihre Plausibilität zu untersuchen. Die Bundesregierung wird deshalb aufgefordert, mit eigenen Modellrechnungen über das Jahr 2030 hinaus "einen realistischen Ausblick auf die Beitragssatz- und Rentenniveauentwicklung zu geben".