Deutschland denkt um: In keinem anderen Land ist der Energieverbrauch so stark zurückgegangen. Daher ist auch ein hoher Benzinpreis gut. Denn wenn Energie zu billig zu haben ist, geben alle weiter Vollgas.
Wenn es ums Auto geht, verstehen die Deutschen keinen Spaß. Schon gar nicht dieser Tage: Ein Liter Superbenzin kostet 1,56 Euro - so viel wie noch nie. Das ist ein hoher Preis für eine Gesellschaft, die immer noch glaubt, ein Recht auf billigen Kraftstoff zu haben. Wie fest die Bürger daran glauben, ist zurzeit an den Tankstellen zu beobachten; dort verbünden sich aufgebrachte Lenker aller Fahrzeugklassen. Ihre Wut ist verständlich - niemand freut sich über steigende Preise. Doch auch wenn die individuelle Fortbewegung in Zukunft sicher noch mehr kosten wird: Die aktuelle Hysterie ist völlig unangebracht.
Bild vergrößern
Die Deutschen sparen an der Zapfsäule - sie tanken einfach weniger. (© Foto: AP)
Anzeige
Der Zorn über steigende Benzinpreise führt zu ökonomisch wie ökologisch unsinnigen Postulaten. Drei Viertel aller Deutschen fordern laut einer Umfrage, die Mineralölsteuer zu senken. Politiker anderer Länder wollen reagieren und die Bürger entlasten. Der französische Präsident Nicolas Sarkozy drängt die EU-Staaten, die Mehrwertsteuer auf Benzin wegen des hohen Ölpreises zu begrenzen. Er fordert dies, weil er innenpolitisch unter massivem Druck steht: Französische Fischer, Lastwagen- und Taxifahrer machen mit lautstarkem Protest gegen die hohen Spritpreise mobil. Italiens Präsident Silvio Berlusconi will Erdölkonzerne stärker besteuern - und das Geld den Bürgern zurückgeben.
Das Auto als kaufbarer Mythos
Selbst die Bundeskanzlerin, die ja will, dass ihre Partei grüner wird, hat es nicht mehr so eilig, die Umwelt zu retten, schließlich führt auch in Deutschland der Weg zum Wähler durch den Zapfhahn. Die Kfz-Steuer endlich abhängig vom Verbrauch eines Fahrzeugs zu machen, dieses nötige Signal soll erst im Jahr 2010 kommen. Und die Populisten von der CSU wollen ausgerechnet den Pendlern wieder mehr Geld geben, die täglich genau das zerstören, was sie auf dem Land suchen: die gute Luft. Das ist ganz im Sinn der Automobilindustrie, die nicht müde wird, schnellere und stärkere Fahrzeuge zu bauen. Ein Luxus-Geländewagen bringt eben eine höhere Gewinnmarge als ein kleineres Auto.
Immer wenn die teuer erkaufte Freude am Fahren durch hohe Benzinpreise gebremst wird, drücken die Deutschen auf die Hupe. Dass die Menschen ein Tempolimit als Beschneidung ihrer Grundrechte sehen, dass sie mehr als ein Jahresgehalt in den Kauf eines Autos investieren oder sich gar dafür verschulden, all das ist rational nicht mehr erklärbar. Vielleicht liegt es daran, dass das Auto der letzte kaufbare Mythos auf dieser Welt ist, der die Träume von Freiheit, Aufbruch und Flucht in sich vereint.
Ein gesellschaftlicher Umdenkprozess kann aber nur in Gang gesetzt werden, wenn es den Bürgern ans Portemonnaie geht. Nur dann ändern sie ihr Verhalten. Deshalb hat der hohe Benzinpreis auch sein Gutes. Wenn sich nämlich nichts ändert, geben alle weiter Vollgas. Die Verbraucher scheinen das erkannt zu haben: In keinem anderen Land der Erde ist der Energieverbrauch so stark zurückgegangen wie in Deutschland. Der Grund ist der hohe Ölpreis. Dass dieser in Zukunft nicht sinken wird, dafür sorgt die Nachfrage aus wirtschaftlich aufstrebenden Ländern. Weltweit legt der Energieverbrauch weiter zu - zur Hälfte ist China dafür verantwortlich.
Otto Normalverbraucher muss umdenken
Jetzt liegt es an der Autoindustrie, sich nicht weiter mit aller Macht gegen EU-Auflagen zum Bau verbrauchsarmer Fahrzeuge zu stemmen. Es ist erstaunlich, dass noch keiner auf die Idee kam, unter die Werbeplakate der Autohersteller eine Information der EU-Gesundheitsminister zu drucken: "Autofahren gefährdet Ihre Gesundheit. Es kann zu Fettleibigkeit und Lungenkrebs führen." Die Politik sollte nicht nur deshalb mehr Geld in den Ausbau von Nahverkehrsmitteln wie S- und U-Bahnen stecken.
Ein hoher Benzinpreis trifft in Deutschland vor allem die Armen. Sie wären die einzigen Bürger, die es zu entlasten gilt. Otto Normalverbraucher muss umdenken - anders geht es nicht. Niemand hat das Recht, die Natur und künftige Generationen zu belasten, nur weil man nicht bereit ist, weniger Auto zu fahren. Es geht schlicht darum, die Zukunft vor den üblen Folgen einer mobilitätssüchtigen Gegenwart zu retten.
- Benzinpreis Der Urlaub wird richtig teuer 19.06.2008
- Superbenzin Benzinpreis springt auf 1,56 Euro 18.06.2008
- Sozialtarife für Energie "Sache der Konzerne" 13.06.2008
- Diesel Zehn Jahre - doppelter Preis 10.06.2008
- Rohölpreis Angst vor einer Öl-Blase 03.06.2008
(SZ vom 20.06.2008/tob)
Bruce Springsteen in Frankfurt
wenn das nur endlich mehr Menschen kapieren würden, wäre der Welt schon sehr geholfen. Ich finde den Benzinpreis gut und fahre nur Auto wenn es sich wirklich nicht mehr anders bewerkstelligen lässt. Im Raum München gibt es kein kaum ein
Argument für ein Auto für den Weg zur Arbeit.
allein das
"Dass die Menschen ein Tempolimit als Beschneidung ihrer Grundrechte sehen, dass sie mehr als ein Jahresgehalt in den Kauf eines Autos investieren oder sich gar dafür verschulden, all das ist rational nicht mehr erklärbar. Vielleicht liegt es daran, dass das Auto der letzte kaufbare Mythos auf dieser Welt ist, der die Träume von Freiheit, Aufbruch und Flucht in sich vereint."
geht runter wie Öl