Reden wir über Geld: Wladimir Kaminer "Ich musste riesige nackte Frauen verpacken"

Wladimir Kaminer ist in Deutschland mit Büchern wie "Russendisko" bekannt geworden. Jetzt redet er über kuriose Jobs, Hippies in der Sowjetunion - und ein besonderes Problem des Kapitalismus.

Interview: Oliver Bilger und Alina Fichter

SZ: Herr Kaminer, reden wir über Geld. Sie sind in der Sowjetunion aufgewachsen, im Kommunismus. Welche Rolle spielte damals Geld?

Wladimir Kaminer: "Das Problem im Kapitalismus ist ja nicht, heute Geld zu verdienen. Es ist die Angst davor, morgen keines mehr zu haben."

(Foto: ddp)

Kaminer: Ich stamme aus einem geldlosen Land. Alle verdienten das Gleiche, alle kauften das Gleiche. Wir lebten sogar in den gleichen Wohnungen. Wenn ich bei Fremden zu Gast war, musste ich nie fragen, wo die Toilette ist. Sie lag immer am Ende des Ganges, zweite Tür links.

SZ: Sie brauchten kein Geld?

Kaminer: Ich war Hippie, mit langen Haaren und langem Bart. Ich wollte ganz ohne Geld auskommen - in einem Land, in dem es sowieso kaum eine Rolle spielte. Dabei war es sehr leicht, es zu verdienen, jenseits des Staates.

SZ: Wie denn?

Kaminer: Auf einer Messe im Moskauer Kulturpark, 1984, verkaufte ich beispielsweise Plätze in einer Warteschlange. Es gab eine Lieferung Jeans und Turnschuhe, das war selten, also stellten sich die Menschen an. Meine Freunde und ich auch, obwohl wir keine Jeans wollten, sondern Geld. Das bekamen wir auch, wahrscheinlich sogar leichter als der Jeansverkäufer. Danach gingen wir zum Bahnhof, und der Schaffner gab uns ein Zugabteil nach Riga.

SZ: Einfach so?

Kaminer: Natürlich hätten wir zur Kasse gehen müssen, eigentlich. Deutlich einfacher war es, an einen Fahrschein zu kommen, wenn man direkt zum Schaffner ging (lacht). In Riga hatte ich einen Bekannten, der in einem guten Restaurant arbeitete, er versorgte uns mit Kuchen.

SZ: Ging für die Fahrt nach Riga das ganze Geld drauf?

Kaminer: Den Rest gaben wir in Bars aus, wir kauften ausländische Zigaretten für drei Rubel pro Schachtel.

SZ: Ein Hippie, der Warteschlangenplätze verkauft und sein Geld für Konsumgüter ausgibt - ist das kein Widerspruch?

Kaminer: Ach wieso, wir haben es doch an einem Tag verdient und am selben Tag auch wieder ausgegeben. Danach verschlug es uns in ein Hippie-Zeltlager; dort hauste ich einen Monat ganz ohne Geld.

SZ: Wie das?

Kaminer: Es kamen immer wieder irgendwelche Typen mit Essen, jeder schmiss alles in einen Topf. Ich brachte den Kuchen aus Riga mit.

SZ: Es gab also entspannte Nischen in der Sowjetunion, die ja sonst eine knallharte Diktatur war?

Kaminer: Was das Geld anging, ja. Das Problem im Kapitalismus ist ja nicht, heute Geld zu verdienen. Es ist die Angst davor, morgen keines mehr zu haben. Diese Angst hatten wir nicht, jeder bekam ja seine 120 Rubel. Jedenfalls habe ich seither ein sehr lockeres Verhältnis zu Geld.

SZ: 1990 sind Sie nach Deutschland ausgewandert. Wovon haben Sie gelebt?

Kaminer: Das Arbeitsamt gab mir eine Stelle als Toningenieur am Theater, eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Dort lernte ich sehr schnell Deutsch - die Menschen am Theater reden ja alle sehr gerne und sehr viel.

SZ: Wie viel verdienten Sie?

Kaminer: Ich bekam 1600 Mark im Monat und zog in eine kleine Wohnung: ein Zimmer im ersten Stock, Außenklo, keine Dusche. Dafür zahlte ich 16,50 Mark. Von meinen Nachbarn erfuhr ich, dass ich einen Eimer Wasser in der Küche warm machen und über mich kippen müsse, wenn ich mich waschen wolle. Ich bin dann lieber in die Sauna gegangen und duschte dort.

SZ: Eine Wohnung für 16,50?

Kaminer: So war das in Berlin: großer Leerstand, kleine Mieten. Meine zweite Wohnung kostete dann schon 22,50 Mark. Danach hatte ich eine mit Hochbett und Badewanne, die war richtig teuer: 50 Mark.

SZ: Ging der Aufstieg so weiter?

Kaminer: Leider nicht, ich erlebte auch Abstürze. Nachdem die Arbeitsbeschaffungsmaßnahme im Theater auslief, war ich ein paar Jahre arbeitslos.

SZ: War das schlimm für Sie?

Kaminer: Überhaupt nicht. Ich ging jeden Tag ins Kino. Irgendwann machte ich eine Umschulung zur Sekretärin. Später sammelte ich Altkleider und fuhr Pizzen aus.

SZ: Welcher Job war der schlimmste?

Kaminer: Der mit den erotischen Kalendern: In einer kleinen Verpackungsfabrik in Kreuzberg musste ich mit einem türkischen Kollegen riesengroße erotische Kalender verpacken, mit riesengroßen nackten Frauen drauf.

SZ: Klingt jetzt nicht so furchtbar.

Kaminer: Ich fragte meinen Kollegen: Wer braucht solche riesigen Kalender? Die haben uns nach drei Tagen entlassen, wir lachten ihnen zu viel.

SZ: Warum wurden Sie Schriftsteller?

Kaminer: Ich mag Geschichten. Und ich will Erinnerungen festhalten. Menschen sterben, Häuser zerfallen, aus Autos werden Löffel gemacht. Was bleibt, sind die Geschichten. Jemand muss sie aufschreiben, damit die folgenden Generationen daraus schöpfen können.

SZ: Ihren Kindern vererben Sie später also lieber kein Geld, weil es so flüchtig ist - sondern Geschichten?

Kaminer: Ich vererbe meinen Kindern alles, sofern ich das Geld vorher nicht ausgegeben habe. In meiner Familie läuft gerade ein Wettbewerb: Wer schafft es, am meisten Geld auszugeben. Aber wir haben wohl zu wenig Laster, meine Tochter kauft nur ein paar Bücher, mein Sohn Computerspiele.

SZ: Und Sie? Haben Sie keine Laster?

Kaminer: Keine, die mich etwas kosten. Ich mag Reisen, aber nur an Orte, an denen mich jemand sehen will. Und ich bekomme viele Einladungen, neulich wieder, Venedig. Vier Tage wohnten meine Frau, die Kinder und ich in Suiten des schönsten Hotels dort und aßen in feinen Restaurants. Bezahlt habe ich nichts.

SZ: Sie wissen also nicht, was Sie mit Ihrem Geld machen sollen? Solche Probleme hätten wir auch gern.

Kaminer: Ich würde viel Geld für Musik ausgeben, aber Musiker schenken mir ihre CDs, Autoren ihre Bücher. Anzüge habe ich auch schon bekommen, weil ich mich als Model für eine schmalschultrige italienische Marke fotografieren ließ. Ich stehe auf gutes Essen - aber selbst dazu werde ich eingeladen.

SZ: Und Ihre Frau? Gibt die kein Geld aus?

Kaminer: Sie hat den Führerschein bestanden und gerade angerufen, um mir zu sagen: Ich will ein Auto. Aber nicht mal das können wir kaufen. Ich bin Kolumnist einer Automobilzeitschrift und bekomme eines geschenkt.