Reden wir über Geld: Tom Koenigs "Heute gilt der als gut, der reich ist"

Eigentlich will er gar nicht über Geld reden, macht es dann aber doch: Der Grünen-Politiker Tom Koenigs über Revolution von unten, warum er sein gesamtes Erbe dem Vietcong schenkte - und selbst keine Reichtümer hortet.

Interview: A. Mühlauer u. H. Wilhelm

Tom Koenigs ist 66 Jahre alt, Grüner, Vorsitzender des Menschenrechtsausschusses im Bundestag und unwillig. Warum will jemand mit ihm über Geld sprechen? Ganz einfach: Weil er Taxifahrer, Fließbandarbeiter bei Opel und Kassenwart der höchstverschuldeten deutschen Kommune Frankfurt war. Außerdem hat er ein Vermögen dem Vietcong geschenkt. Also: Los geht's!

Tom Koenigs: "Viele, die heute arm sind, haben keine Hoffnung mehr, dass sie mal aufsteigen könnten."

(Foto: Regina Schmeken)

SZ: Herr Koenigs, reden wir über Geld ...

Tom Koenigs: ... sind Sie vom Finanzamt?

SZ: Nein, vom Finanzteil. Haben Sie Angst bekommen?

Koenigs: Nein, ich habe keine Angst vorm Finanzamt. Ich zahle brav meine Steuern. Aber warum wollen Sie mit mir über Geld reden?

SZ: Sie haben Ihr gesamtes Erbe dem Vietcong geschenkt.

Koenigs: Nicht schon wieder diese alte Geschichte. Das ist 40 Jahre her. Lassen Sie uns über etwas anderes reden.

SZ: Sie stammen aus einer Bankiersfamilie.

Koenigs: Ach, die nächste alte Geschichte. Ich bin auf dem Land großgeworden als Sohn eines Soldaten und einer Gärtnerin. Ja, es gab viele Banker in meiner Familie. Ich wollte aber Bauer werden und habe mich darauf auch lange vorbereitet.

SZ: Ist ja nichts draus geworden.

Koenigs: Nein, dafür hätte ich ja Land gebraucht. Ich habe dann eine Banklehre bei meinem Onkel bei der Deutschen Bank gemacht und Betriebswirtschaft studiert. Beides mit wenig Begeisterung.

SZ: Warum haben Sie es gemacht?

Koenigs: Wenn einem nichts anderes einfällt, studiert man eben Betriebswirtschaft. Außerdem wollte es meine Familie so. Mein Großvater war Bankier. Ein guter anscheinend. Mit 40 hat er sich auf sein Landgut zurückgezogen, 1908, und von Stund an nur Chopin gespielt und seine Bibliothek bewohnt. Sehr reizvoll.

SZ: Kannten Sie ihn?

Koenigs: Er starb, als ich klein war. Als ich mit 21 volljährig wurde, stellte ich fest, dass er mir viel vererbt hatte. Ich war zu der Zeit in der Studentenbewegung in Berlin aktiv, mich beschäftigte die Frage der Gerechtigkeit und Gleichheit mehr als Geld. Das habe ich konsequenterweise an den Vietcong verschenkt.

SZ: Ihr Onkel bei der Deutschen Bank war sicherlich begeistert.

Koenigs: Mit dem wohlhabenden Teil meiner Familie habe ich mich zerstritten und dann den Kontakt abgebrochen. Wir haben uns einfach politisch auseinandergelebt.

SZ: Und jetzt erklären Sie uns: Wie übergibt man bitte Geld an den Vietcong? Sind Sie nach Vietnam geflogen? Oder haben Sie das Geld überwiesen?

Koenigs: Das sind alte Geschichten, die interessieren doch keinen Menschen mehr.

SZ: Uns schon.

Koenigs: Damals war das nichts Besonderes. Ich habe einen Großteil des Geldes in zwei Sporttaschen an die Vietnamesen übergeben, auf einem Parkplatz in West-Berlin. Die sind mit einem Botschaftsauto aus Ost-Berlin gekommen. Das war 1972. 2005 war ich zum ersten mal in Ho-Chi-Minh-Stadt, als Menschenrechtsbeauftragter der rot-grünen Regierung. Ich habe den Mann wiedergetroffen, der 1972 Botschafter des Vietcong in Ost-Berlin gewesen war. Er ist auch mit seinem Leben zufrieden, er ist pensioniert und besitzt ein Moped. Er fragte mich: "Wollen wir nicht was mit Import/Export machen?" (Lacht). Ich fand das gut.

SZ: Haben Sie sich jemals gefragt, was der Vietcong mit dem Geld gemacht hat?

Koenigs: Damals wollte ich einfach dem kleinen bedrohten Volk der Vietnamesen helfen.

SZ: War das nicht naiv? Der Vietcong wird mit Ihrem Geld Waffen gekauft haben.

Koenigs: Ich bin kein Pazifist. Dass manche Konflikte mit Waffen ausgetragen werden müssen, bedauere ich. Gewalt ist aber nicht einfach dadurch zu verhindern, dass man weggeht.

SZ: Was würden Sie heute mit dem Geld machen?

Koenigs: Ich würde es an Unicef spenden. Das sollten sich alle überlegen, die eine Erbschaft gemacht haben. Ich bin sowieso dafür, dass große Erbschaften höher besteuert werden sollten. Das würde honorieren, dass der Staat über eine lange Periode die Stabilität und damit auch die Geldvermögen erhalten hat. Sowieso: Was nicht selbst erarbeitet wurde, sollte hoch besteuert werden.

SZ: Irgendjemand hat das Geld ja mal verdient.

Koenigs: Also meine Vorfahren haben das Geld jedenfalls nicht durch ihrer Hände Arbeit verdient, sie haben es mit Geldanlagen gemacht.

SZ: Hätten Sie es anders behandelt, wenn es hart erarbeitet worden wäre?

Koenigs: Wenn meine Vorfahren nur hart gearbeitet hätten, hätte ich vermutlich nichts geerbt.

SZ: Wussten die anderen in der Studentenbewegung, dass Sie viel Geld hatten?

Koenigs: Ja. Wir haben das damals offen diskutiert. Ich war auch nicht der Einzige, der Geld erbte und es spendete.

SZ: Wurden Sie angefeindet, weil Sie Geld hatten?

Koenigs: Nein. Die linken Anwälte hatten ja auch Geld und viele andere auch. Wir fühlten uns alle gleich. Es gab keine Schichtenunterschiede innerhalb der Bewegung. Aber es gab Unterschiede, wer aktuell wie viel hatte. Ich wohnte damals in einer Wohngemeinschaft, und wir verdienten alle unterschiedlich viel. Dann haben wir ausdiskutiert, wer wie viel beiträgt. Bei uns lebte eine Frau, die hatte fast nichts. Die haben wir mitgezogen. Das gab natürlich viele Diskussionen. Sie hat aber mehr geraucht, als sie beigetragen hat. Auch das gab Diskussionen.

SZ: Sind die Menschen heute anders?

Koenigs: Soziale Ungleichheit nimmt zu. Arme und Reiche driften weiter auseinander. Diese Entwicklung wird häufig in vielen politischen Lagern nicht kritisch gesehen: Heute ist der gut, der reich ist. Dass wir gleich geboren sind, ist im öffentlichen politischen Diskurs weniger präsent.

SZ: Was können wir ändern?

Koenigs: Viele, die heute arm sind, haben keine Hoffnung mehr, dass sie mal aufsteigen könnten. Es gibt keine Chancengleichheit, das halte ich für fatal. Da sollte man die, die viel haben, heranziehen, damit mehr möglich wird, beispielsweise im Bildungsbereich. Oder sehen Sie sich unser Gesundheitssystem an: Das ist für ältere Menschen oft ohne Würde. Wir müssen mehr tun für die, die in sozial schwachen Situationen sind.

SZ: Das wissen wir nun wirklich schon seit 20 Jahren und Sie haben daran auch nichts geändert.

Koenigs: Dass ich noch nicht erfolgreich war, obwohl ich recht habe, spornt mich eher an, weiterzumachen. Meine Generation muss noch mit daran arbeiten, dass die Gerechtigkeitsfrage besser beantwortet wird. Wir 68er, die Blairs, die Schröders, die Clintons, die haben noch nicht fertig. Bis vor kurzem herrschte noch diese schreckliche Geiz-ist-geil-Mentalität. Mittlerweile zweifeln daran sogar Teile der CDU. Wir Egalitaristen sind ein bisschen im Aufwind.

SZ: Dank der Finanzkrise.

Koenigs: Fortschritt - auch in Sachen Menschenrechte - entwickelt sich immer über Krisen. Selbst die Genfer Konvention und die Vereinten Nationen sind das Ergebnis grausiger Kriege.

SZ: Haben Sie Geld in der Krise verloren?

Koenigs: Ich habe kein Geld. Ich verdiene hinreichend, aber ich gebe es aus. Ich unterhalte zwei Wohnungen und reise viel. Ich spare nicht.

SZ: Aus Prinzip?

Koenigs: Meine Familie hat drei Erbteilungen durchgemacht. Die haben immer zu Streit geführt. Wenn ich sterbe, will ich nicht, dass sich meine Kinder streiten. Deshalb wissen sie, dass bei mir nichts übrig bleibt. Ich wünsche jedem eine gute Ausbildung, ein anständiges Einkommen und ein Leben in Würde und Sicherheit. Aber man muss kein Vermögen ansammeln. Für junge Menschen sind Vermögen eher negativ.

SZ: Warum?

Koenigs: Sie sollten stolz darauf sein, vom Selbstverdienten leben zu können. Das schafft Unabhängigkeit. Ich war sehr stolz, als ich zum ersten Mal etwas verdient hatte... aber das ist eine uralte Geschichte.

SZ: Also, wir kennen sie nicht.

Koenigs: Ich habe als Kind beim Bauern gearbeitet. Dafür hat mir der Bauer einmal einen Sack Hühnerfutter gegeben, der so schwer war, dass ich ihn gerade noch tragen konnte. Das war mein erstes Selbstverdientes. Ich war stolz wie Bolle, vielleicht sieben Jahre alt. 20 Jahre später war ich auf die 1000 Mark stolz, die ich bei Opel am Band verdient habe. Ich habe geschweißt. Das war harte Arbeit.

SZ: Warum haben Sie am Band gearbeitet?

Koenigs: In unserer politischen Gruppe fanden wir damals, dass jede gesellschaftliche Umwälzung von der Arbeiterklasse ausgehen müsse. Deshalb sind wir zu Opel gegangen.

SZ: Wie lange waren Sie dort?

Koenigs: 15 Monate. Ich habe Politik gemacht, wie heute. Der spätere Kabarettist Matthias Beltz und der spätere Minister Joschka Fischer waren auch dort.

SZ: Die Revolution ist aber ausgeblieben.

Koenigs: Wir haben erreicht, dass ein konservativer Betriebsrat abgewählt und ein sozialdemokratischer gewählt wurde. Das war kein Staatsstreich, aber eine Umwälzung im Kleinen, die Verbesserungen für die Arbeiter gebracht hat.

SZ: Was haben Sie bei Opel gelernt?

Koenigs: Die Organisierung und Eingliederung der Arbeiterklasse in eine industrielle Großproduktion ist schon faszinierend. Diese Arbeitsteilung erdrückt und entmündigt sie. Die Karosserie wird aus vier Teilen zusammengeschweißt. Vorne am Fenster, da ist eine Schweißnaht, die habe ich 550-mal in jeder Schicht gemacht. Das ist schon heftig. Man hat 1,3 Minuten für jedes Auto. Aber jetzt sagen Sie mir bitte: Wen interessiert das alles?