SZ: Haben sich Manager früher mehr in die Politik eingemischt?

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Poullain: Ja, die führenden Männer der Wirtschaft waren präsenter und kritischer. Alfred Herrhausen war einer der Letzten. Er hat sich beispielsweise für eine Entschuldung der Entwicklungsländer eingesetzt. Er ist dann von der RAF 1989 ermordet worden. Heute wagt niemand mehr, etwas zu kritisieren. Ein Sparkassenpräsident müsste doch bei drei Prozent Inflation auf der Barrikade stehen. Schließlich vertrauen Millionen Sparer seiner Organisation ihr Geld an. Es sind ja nicht nur die Rohstoffpreise, die heute zu einer höheren Inflation führen. Es ist auch ein politisches Versagen. Die Politik gibt viel zu viel Geld für den Konsum aus, etwa für soziale Leistungen, statt die Staatsverschuldung und damit die Belastung durch Zinszahlungen zu senken.

SZ: Warum sind Manager heute nicht mehr kritisch?

Poullain: Viele Manager sind glatter als früher. Vor allem aber wollen sie sich ganz und gar auf ihren Job konzentrieren. Sie wollen nicht noch eine zusätzliche Front aufmachen, indem sie sich in die Politik einmischen. Dabei wissen sie aufgrund ihrer internationalen Kontakte und ihres Geschäfts über viele Dinge gut Bescheid. Es ist zwar schön, wenn ich wegen kritischer Äußerungen über die Finanzwelt vom Bundespräsidenten Horst Köhler gelobt werde. Richtig wäre es, wenn sich die aktiven Manager einmischen würden.

SZ: Haben die Manager überhaupt noch Zeit für die Gesellschaft?

Poullain: Das Geldverdienen nimmt die Manager heute so in Anspruch, dass sie sich absolut darauf konzentrieren. Meiner Meinung nach hat ein Mensch, der verantwortlich an einer wichtigen Stelle im Unternehmen steht, auch eine gesamtvolkswirtschaftliche Verantwortung. Er muss sich da stellen.

SZ: Setzen sich die Banker heute zu wenig für die Belange der Sparer ein?

Poullain: Bei der Einführung des Euro haben sie jedenfalls die Gelegenheit ge-nutzt und die Sparerschutzgemeinschaft abgeschafft, die ihnen immer lästig war.

SZ: Sie haben schon viele Finanzkrisen erlebt. Hat sich etwas verändert?

Poullain: Die Motive haben sich verändert. Mir fiel vor kurzem ein Büchlein des verstorbenen Publizisten Johannes Gross in die Hände, der vor etwa zehn Jahren sinngemäß schrieb, diese Generation werde mit einer Sache fertig werden müssen, welche die Menschheit bisher nicht kannte, dem Mangel an Knappheit. Dies bezieht sich besonders auf das Geld.

SZ: Die Geldmenge hat sich drastisch erhöht?

Poullain: Es hat eine wundersame Geldvermehrung stattgefunden. Geld ist heute eine Ware. Ich habe mich schon vor Jahren gefragt, wie es sein kann, dass Banken in Relation zu erfolgreichen Industriekonzernen phänomenale Gewinne ausweisen können, die heute sogar völlig überhöht sind. Sind die tüchtiger, schaffen die Banker mehr Werte? Nein, dies liegt daran, dass Geld eine Ware an sich geworden ist. Man hat begonnen, mit Geld Geld zu verdienen. Der Antrieb dafür ist eine maßlose Habgier.

SZ: Wer ist der Gierige?

Poullain: Wenn ich lese, dass die SachsenLB, als es gut lief, 80 Prozent ihrer Erträge aus Geschäften mit riskanten Kreditpapieren bezogen hat, da stimmt doch die Welt nicht mehr. Wie kann es sein, dass Banker, die ihren Kunden zur Vorsicht raten, selbst ganz anders auf Rechnung der eigenen Bank handeln, wenn ihnen jemand hohe Zinsen anbietet? Warum werden hohe Zinsen für ein Darlehenspaket vergütet? Doch nur, weil der Risikogehalt gewaltig ist. Die Banker haben die Augen zugemacht.

SZ: Eigentlich ein simpler Sachverhalt: höherer Zins für mehr Risiko.

Poullain: Absolut. Das lerne ich im ersten Lehrjahr bei einer Sparkasse.

SZ: Wie erklären Sie sich die Gier an den Finanzmärkten?

Poullain: Ich denke, es ist ein Ausdruck der gesellschaftspolitischen Situation, die wir als Globalisierung bezeichnen. Diese Entwicklung brachte Anreize, immer mehr zu nehmen. Das fing mit der Vergütung von Managern an. Da wurden die amerikanischen Verhältnisse nach Deutschland übertragen.

SZ: Sollten die Staaten die Finanzmärkte strenger kontrollieren?

Poullain: Sicher kann man strengere Regeln einziehen, wie die Finanzminister der G8-Staaten es jetzt auch vorgesehen haben. Die werden aber nicht wirken, wenn den handelnden Personen die Triebhaftigkeit nicht genommen wird, der Antrieb der Raffgier. Mit anderen Worten: Die Gesellschaft muss sich ändern. Ich bin 88 Jahre, ich werde es nicht mehr erleben. Jedenfalls ist es ein sehr langer Prozess. Ich habe das Verhalten der Banker in meiner ungehaltenen Rede vor drei Jahren kritisiert. Ich bekam damals viel Beifall. Doch seitdem hat sich die Landschaft doch nur verbösert.

SZ: Wo müsste eine Veränderung ansetzen? Ist es eine Frage der Erziehung?

Poullain: Die Frage beschäftigt mich sehr. Kürzlich diskutierte ich darüber mit vier Doktoranden der Universität Witten/Herdecke, wo es ein Studium Fundamentale gibt, bei dem sich Studenten aller Fakultäten mit ethischen Fragen befassen. Die Ansichten der Doktoranden haben mich ermutigt. Wenn diese Knaben einmal an den Schalthebeln der Macht sitzen, könnte es besser werden.

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(SZ vom 30.5.2008/jkf/jkr)