Reden wir über Geld: Klink "Die Amerikaner essen Mist, aber sie sind froh dabei."

SZ: Sie werfen der Industrie vor, dass es kaum mehr authentische Lebensmittel gibt.

Klink: Seit die Leute Privatfernsehen gucken, sind sie Opfer der Werbung. Sie gewöhnen sich das selbständige Denken ab. Die Sachen sind ja auch perfekt designt, optisch und geschmacklich.

SZ: Und wenn es den Leuten schmeckt, was ist dann falsch daran?

Klink: Das ist das Gleiche wie mit den Kolonisten in Afrika: Sie haben den Schwarzen Glasperlen für Gold angedreht.

SZ: Ist das designte Essen ungesund?

Klink: Dann müssten die Amerikaner ja schon ausgerottet sein. Und die Engländer noch vorher. Der Mensch ist unzerstörbar. Aber das Lebensglück geht so verloren.

SZ: Das Lebensglück?

Klink: Fahren Sie morgens U-Bahn? Gucken Sie die Leute doch an.

SZ: War das denn früher anders?

Klink: Klar, in meiner Jugend ist auf dem Bau noch der Bierwagen vorgefahren, und im Büro hat man noch eine gequalmt. Heute hängt Mehltau über dem ganzen Land. Es geht nur noch um den großen Genuss, um ein Auto oder einen iPod. Das Essen ist aber Glück im Kleinen, ein Stückchen Urlaub im Alltag. Die Brotzeit in Bayern ist heute kein Thema mehr, vor 30 Jahren war es das Wichtigste überhaupt.

SZ: Das heißt, die Deutschen essen schlecht und sind deshalb depressiv? Nicht gerade sympathisch.

Klink: Mir macht die Seelenlage der Deutschen Angst. Die Amis, die sind in zwei Jahren aus der Finanzkrise raus. Die haben einen phantastischen Optimismus. Ich bekomme in zwei Wochen einen Koch aus Kanada, der verbreitet schon per Mail mehr Power als die ganzen Schlafkappen hier.

SZ: Gut essen tun die Amerikaner auch nicht.

Klink: Stimmt, wo haben die ihren verdammten Optimismus her? Sie essen mit Lust. Sie essen Mist, aber sie sind froh dabei. Das ist viel besser, als wenn sich jemand morgens sein Müsli mit linksdrehendem Joghurt reinzwingt.

SZ: Was muss eine Flasche guter Wein kosten?

Klink: Sieben Euro.

SZ: Alles drunter ist Mist?

Klink: Man kann mal Glück haben.

SZ: Was darf ein Kilo Tomaten kosten?

Klink: Hören Sie, ich habe keine Ahnung von Preisen. (lacht) Ich achte nicht drauf. Mein Küchenchef ist ein Pfennigfuchser, den muss ich manchmal bremsen. Letztens hat er einen günstigen Parmesan gekauft, das war aber ein Padano, den konnten wir nur fürs Personalessen nehmen. Für die Gäste brauchen wir Reggiano und der ist eben nicht billig.

SZ: Gutes Essen muss teuer sein?

Klink: Ganz klar. Aber das Problem ist: Der Verbraucher will immer was ganz Tolles billig haben, zum Beispiel einen halben Hummer für neun Euro. Stattdessen sollte er lieber ein Basisprodukt nehmen, aber davon dann das Beste. Mein Frühstück ist ganz simpel: eine Brotscheibe und Butter drauf. Das ist aber das beste Brot und eine Butter aus der Normandie. Dagegen ist alles, was wir hier haben, Fettschmiere. Das ist ein preiswertes Frühstück.

SZ: Wo kauft man am besten ein?

Klink: Ich behaupte, das ist eine Bauch-Entscheidung. Ich kaufe keine Ware bei einem Unsympathen. Ich kenn' den Typen, der mir meine Eier liefert. Wenn ich dem in die Augen gucke, dann weiß ich, der bescheißt mich nicht.

SZ: Aber das Bauchgefühl fehlt vielen Deutschen vermutlich.

Klink: Weil sie es nicht pflegen. Die Finanzkrise ist ein Zeichen dafür, dass den Menschen der Instinkt abhanden gekommen ist.

SZ: Der Instinkt wofür?

Klink: Viele Menschen haben den Bezug zu den Geldsummen verloren. Das waren nur noch Zahlen im Computer, ob das Millionen oder Milliarden waren, hat keiner mehr durchschaut. Wissen Sie, ich kann nicht rechnen. Das war schon so, als ich ein kleiner Bub war. Mein Opa hat immer gesagt: "Drei mal vier ist 180? Frag dich immer: Kann das sein?" Die Frage stell' ich mir bis heute. "Kann etwas - gefühlsmäßig - stimmen?" Wenn es schon Spargel zu kaufen gibt, obwohl noch Schnee liegt - kann das sein?