Reden wir über Geld (27): Juli Zeh "Für Besitz muss man sich nicht schämen"

SZ: Wie viel Marketing braucht ein Schriftsteller, um bekannt zu werden?

Zeh: Marketing spielt keine so große Rolle in der Literatur. Der Verlag kann nicht gezielt einen Bestseller platzieren. In der Literatur ist der Erfolg nicht planbar. Nehmen Sie das Jakobsweg-Buch von Hape Kerkeling: Am Anfang wurden nur ein paar Tausend Exemplare gedruckt - und dann verkaufte es sich wie verrückt. Es bleibt ein Mysterium, das finde ich schön. Sonst wäre ein Buch auch nur ein Produkt, das man designen kann.

SZ: Schreiben Schriftsteller über Geld? Sie müssen die Frage entschuldigen, wir sind aus der Wirtschaftsredaktion, nicht aus dem Feuilleton.

Zeh: Dafür müssen Sie sich in Deutschland vermutlich entschuldigen, oder? Alles ist böse, was mit Geld und Wirtschaft zu tun hat. Geld ist gesellschaftlich geächtet. Deshalb kommt es in der Literatur auch selten vor. Fertig ist die Antwort. Dabei könnten wir ja auch wunderschön über die Abwesenheit von Geld schreiben. "Schuld und Sühne" von Dostojewski ist so ein Beispiel - dort führt die Abwesenheit von Geld zu furchtbarer Grausamkeit.

SZ: Verstehen Sie die gesellschaftliche Ächtung des Themas Geld?

Zeh: Nein. Man darf nicht sagen, dass man gerne Geld besitzt und dass man gerne welches ausgibt. Das ist lächerlich, denn Geld ist nie ein Selbstzweck. Es steht für etwas: Wenn ich Geld verdiene, steht es für eine gute Leistung; wenn ich es ausgebe, für meine Wertschätzung. In Deutschland tun alle so, als ob sie weniger haben als es der Fall ist. Als ob man sich grundsätzlich für Besitz schämen müsste, weil andere Menschen weniger haben. Und die Globalisierung - dieser inhaltsleere Begriff - wird als Drohkulisse aufgebaut, als übermächtiges Kapitalismus-Monster.

SZ: Es gilt doch als schick, Globalisierungsgegner zu sein. Sie sind keiner?

Zeh: Nein. Grenzen sind gefallen, wir können international reisen und handeln. Jahrhunderte lang haben sich Menschen dafür angestrengt, nun sind wir fast am Ziel - und was machen wir? Wir sitzen da und heulen ins Taschentuch. Natürlich ist nicht alles Sonnenschein. Aber der alte Satz stimmt doch: Menschen und Staaten, die miteinander Handel treiben, führen keinen Krieg gegeneinander. Man muss doch sehen, was für eine Versöhnungsleistung die Liberalisierung des Handels nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa erbracht hat. Dass uns heute in Frankreich keiner mehr aus der Kneipe schmeißt, weil wir Deutsche sind, hat nicht zuletzt etwas damit zu tun, dass es keine Zölle mehr zwischen Deutschland und Frankreich gibt.

SZ: Und das soll jetzt auch weltweit funktionieren?

Zeh: Das ist schwierig, klar. Aber es als Bedrohung zu sehen, ist Schwachsinn. Was ist denn die Alternative? Eine Abschottung, uns ein- und alle anderen aussperren? Die Nato, die Uno, die EU, alles abschaffen? Zurück zum 19. Jahrhundert, zum Nationalstaat? Die Globalisierungsgegner tun so, als ob es eine paradiesische Alternative gäbe - sagen aber nie, wie sie aussehen soll.