Der Immobilienunternehmer Schneider über seine Milliardenpleite, die Liebe zu alten Häusern und wie er die Kreditinstitute hereinlegte.
SZ: Herr Schneider, reden wir über Geld. Wie viel haben Sie einstecken?
Jürgen Schneider: "Der Trick war, überhöhte Mietflächen anzugeben." (© Foto: Reuters)
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Jürgen Schneider: 50 Euro.
SZ: Früher war es vermutlich mehr.
Schneider: Ich habe nie besonders viel Geld einstecken gehabt. Ich hatte ja genug bei der Bank.
SZ: Sie haben in den neunziger Jahren einen Riesenkonkurs hingelegt, am Ende sind 1,23 Milliarden Euro Schulden geblieben. Heute ist das beinahe Kleingeld, die Banken verlieren Hunderte Milliarden Euro. Was löst das in Ihnen aus?
Schneider: Das ist selbst für mich erst mal unbegreiflich. Es ist ein Desaster. Aber dass das einmal passieren würde, das war mir nach meinem Prozess und meiner Verurteilung schon klar. Das lag in der Luft.
SZ: Warum?
Schneider: Dem Gericht war völlig klar, dass ein einzelner Mensch gar nicht in der Lage ist, alleine 50 Banken über den Tisch zu ziehen. Die Banken und ich, wir haben damals gemeinsam meine Immobilien extrem überbewertet, um hohe Kredite zu ermöglichen. Je höher der Wert der Objekte, desto mehr Geld konnten die Banken mir geben.
SZ: Lag Ihnen daran, dass auch die Bankiers angeklagt werden?
Schneider: Um Gottes Willen, auf gar keinen Fall. Wenn die auf die Anklagebank gekommen wären, hätte mein Prozess sehr viel länger gedauert. Meine Anwälte hatten von mir die strikte Anweisung, nichts in diese Richtung zu unternehmen. Das hätte auch nicht meiner Geisteshaltung entsprochen. Ich bin Corpsstudent gewesen, wir haben gefochten, und da hieß es immer, den Gegner achten. Und die Banken waren am Verhandlungstisch meine Gegner. Ich wollte so viel Geld wie nur irgend möglich haben, und ich habe verloren. Und dann sage ich nicht zu den anderen, Ihr seid jetzt meine Feinde, Ihr müsst jetzt auch büßen.
SZ: Das Gericht hat den Banken eine Mitschuld gegeben. Was haben die Banken falsch gemacht?
Schneider: Wir haben gemeinsam spekuliert. Die Werte der Immobilien haben sich von Mitte der achtziger bis Anfang der neunziger Jahre teilweise verdreifacht. Wir haben in die Zukunft hinein gewettet. Der Trick war der, überhöhte Mietflächen anzugeben. Da gab es Schätzzahlen, und da haben wir die Nutzflächen für Keller, Treppenhäuser, Gänge und dergleichen kleingehalten und die Mietflächen möglichst groß angesetzt. Zum Beispiel bei der Zeil-Galerie in Frankfurt. Die Nutzflächen betrugen 20.000 Quadratmeter und die Mietflächen nur 9000 Quadratmeter. So war das auch auf dem Bauschild zu lesen. Und in meiner Finanzierungsanfrage standen 20.000 Quadratmeter Mietfläche.
SZ: Die Bankiers hätten also nur das Bauschild lesen müssen?
Schneider: So war es. Und dann haben wir bei den kalkulierten Mieteinnahmen getrickst. Auf der Zeil waren 280 Mark pro Quadratmeter der Schnitt. Dann haben wir 180 Mark angesetzt, aber das war natürlich falsch, wie wir alle wussten. Auch die Banken.
SZ: Warum war das falsch?
Schneider: Bei einem so komplexen Bauwerk sind 50 Prozent Abschlag richtig, wir hätten also 140 Euro ansetzen müssen. Wir haben einfach gesagt, bis der Bau fertig ist, dauert es drei Jahre, in der Zeit steigen die Mieten. Ich habe bei meinen Projekten einfach in die Zukunft spekuliert, und die Banken haben das mitgemacht.
SZ: Und alle haben sich verspekuliert.
Schneider: Nicht immer. Das Objekt Fürstenhof habe ich 1990 mit 200 Millionen Mark Gewinn verkauft, weil die Büromieten gestiegen waren.
SZ: In den USA ist das Gegenteil passiert.
Schneider: Die haben auch auf Wertsteigerungen gesetzt, die Objekte zu 100 Prozent beliehen, und jetzt geht die Rechnung nicht auf. Es ist ganz genau das gleiche System wie bei mir damals. Im Urteil steht, bei der Zeil hätten die Bankiers die 9000 Quadratmeter kennen müssen. Die gingen in dem Viertel ja mit ihren Frauen einkaufen.
SZ: Die Banken wollten hereingelegt werden?
Schneider: Nein, das nicht. Die haben mitgemacht. Aber der Täter war ich, ich habe ja die 20.000 Quadratmeter angegeben. Ich habe gewusst, dass die Zahlen nicht stimmen, und das darf man nun einmal nicht machen.
SZ: Zu den Luftrechnungen kamen ja auch noch gefälschte Unterschriften dazu.
Schneider: Das habe ich dann machen müssen, damit der Schwindel nicht gleich aufflog. Die Zeil war fertig, nun musste ich Mieter vorweisen. Ich hatte aber nur 30 Kunden. Ich habe gewusst, wenn ich den Bankiers nur diese Verträge vorzeige, gibt es ein Desaster. Das war 1992. Also habe ich einfach 30 weitere Mieter dazuerfunden und für die unterschrieben. Diese Verträge sahen aus einer wie der andere. Normalerweise ist jeder Vertrag anders.
SZ: Und die Banken haben das geschluckt?
Schneider: Die haben gesagt, sie müssen die Verträge haben. Da habe ich geantwortet, die gebe ich nicht aus der Hand. Ich habe irgendeinen Quatsch erzählt, vom Schutz vor Konkurrenten. Ich habe den Bankiers gesagt, sie könnten ja kommen und die Verträge einsehen. Und dann kamen die.
SZ: Und Sie haben Blut und Wasser geschwitzt?
Schneider: Überhaupt nicht, ich war völlig ruhig. Ich habe mir gesagt, die hoffen ja alle bloß, dass ich die Mietverträge habe. Wenn ich die Verträge nicht gehabt hätte, hätten die alle ihren Hut nehmen können. Die saßen da, leichenblass. Doof waren die ja nicht, die wussten, um was es für sie ging. Ich legte die Mietverträge hin, und dann konnte ich richtig die Steine von deren Herzen fallen hören. Das war eine reine Show.
SZ: Denen ging es nur ums eigene Überleben?
Schneider: Die hätten nur einen Lehrjungen hinschicken müssen, um die Türschilder zu zählen, und schon wäre alles aufgeflogen. Die haben das offenbar in Kauf genommen.
Auf der nächsten Seite: Wie Jürgen Schneider die Zeit im Gefängnis erlebte.
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Bruce Springsteen in Frankfurt
Ich kann mir auch nicht helfen - irgendwie ist mir dieser Doktor Schneider nicht unsympathisch!
Er war straffällig geworden, hat viel Schaden angerichtet und er hat seine Strafe abgesessen.Gut, dass es ihn gibt, und dass er seine Köpenickiade aus dem Immobilienwesen und der Bankenwelt heute als Lehre preisgibt.
Es sollten auch Lehren für Staatsanwälte sein...
Warum sollte die SZ solch ein (ausgezeichnet fachliches) Interview nicht veröffentlichen? Man sollte den Journalisten Layendecker und Ott dankbar sein dafür, dass sie mit diesem Interview den Bankbossen den Spiegel vorhalten, denn die sind in gewissen Bereichen um das Mehrfache krimineller als dieser Doktor Schneider, dem es offensichtlich nach seiner persönlichen Pleite wieder ganz gut geht....
Auch das ist bundesdeutsche Wirtschaftswirklichkeit..
...halte ich für keine gute Idee. Trotzdem ist der Schneider als Fallstudie für das Agieren von Hochstaplern interessant. Schliesslich brachten es auch Felix Krull und andere ins Kino.
Das die Schadenfreude gegenüber den Banken das Mitleid mit den geprellten Handwerkern übersteigt ist menschlich nachvollziehbar.
Hier könnte unsere Rechtsordnung aber für Ausgleich sorgen. Geht heute ein Unternehmen pleite (siehe Phillipp Holzmann) dann sind die Gläubiger Banken die Ersten die sich mit Horden von Anwälten die fettesten Stücke aus dem Kadaver sichern. Kleine Handwerksunternehmen, für die das Ausbleiben der Zahlungen den Ruin bedeuten kann, verfügen nicht über die gleichen Chancen (sprich Anwälte). Oft haben die auch nicht die nötige finanzielle "Luft", um lange juristische Streiterein zu überstehen. Ein generelle Bevorteilung der finanziell schwächeren Gläubiger wäre eine Möglichkeit zu mehr Chanchengleichheit.
Die SZ als Zentralorgan der Gutmenschen.
Wirtschaftskriminell darf man sein , schwarzfahren bei der DB fuer Jugendliche , auch keine Problem.
Aber wehe Du sagst was gegen die Dame aus Frankfurt und Muenchen. Dann schnappt der SZensor zu.
...so ein Interview zu geben.
Ich persönlich sehe Herrn Schneider als große Persönlichkeit an, von dem vieles (nicht alles) lernen kann.
Besser hätte ich es nicht sagen können. Ich habe den Autor schon gesprochen, seinerzeit als die Steueraffären am höchsten kochten und, mich wohl im Widerspruch zu ihm befindlich, doch den Mann respektiert, denn er war mir glaubwürdig in seinen Argumenten zu dem "Verbre.chen". Er war seinerseits wohlerzogen und sprechwillig - so geht man in fairer Gegnerschaft miteinander um.
Als ich nun hier das Interview las, war ich befremdet, bin es noch und immer mehr.
Wenn für Stimmungsmache und das Verstärken des eigenen Horntutens auch noch H. Schneider herangezogen wird, dann ist das selbsterklärend.
Paging