Interview: Alexander Mühlauer und Hannah Wilhelm

Ein 13-Jähriger aus München-Neuperlach über Armut, Hänseleien in der Schule und wie es ist, als siebenköpfige Familie in einer Wohnung ohne Herd zu leben.

Laut neuem Armutsbericht der Bundesregierung ist jedes achte Kind in Deutschland arm. Nach Zahlen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung ist sogar jedes vierte Kind arm. Zu ihnen gehört der 13-jährige Grieche Janis Mastoridis, den Lehrer als hochbegabt einstufen.

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Möchte schneller groß werden: Janis Mastoridis. (© Foto: Andreas Heddergott)

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Janis lebt mit Eltern und vier Geschwistern in München-Neuperlach, das als Problemviertel gilt. Die älteste Schwester lebt in Griechenland und wird auch unterstützt. Janis' Vater verdient netto 2000 Euro, dazu kommen 1000 Euro Kindergeld. Wenn Miete, Strom und Telefon gezahlt sind, bleiben monatlich etwa 250 Euro pro Person übrig. Das sind 100 Euro weniger als ein erwachsener Hartz-IV-Empfänger bekommt. Ein Gespräch über Armut, Gerechtigkeit und Ziele im Leben.

SZ: Janis, reden wir über Geld. Ist deine Familie arm?

Janis Mastoridis: Arm sein bedeutet für mich, auf der Straße zu leben. Deshalb finde ich uns nicht arm. Wir haben eine Wohnung. Manchmal denke ich aber doch, dass wir arm sind. Wenn ich etwa eine neue Tasche für die Schule brauche und wir keine kaufen können.

SZ: Wie wohnt ihr?

Janis: Meine Eltern, meine Geschwister und ich haben eine Drei-Zimmer-Wohnung für sieben Personen. Das ist gut. Ich schlafe mit den zwölfjährigen Zwillingen in einem Zimmer auf einer Liege, Papa schläft mit meinem älteren Bruder in einem Raum und im Wohnzimmer sind meine Mutter und die Kleinste.

Vater Christos Mastoridis: Wir haben sogar einen Balkon. Aber keinen Keller, deshalb stapeln sich viele Sachen in der Wohnung.

Janis: Gerade haben wir aber etwas mehr Platz. Meine Mutter ist mit der kleinsten Schwester in Griechenland bei meiner Oma. Die Ärzte sagen, dass sie nicht mehr lange leben wird.

SZ: Das heißt, Sie sind mit den vier Kindern zurzeit alleine?

Vater: Ja.

Janis: Das ist schon in Ordnung. Mein Vater arbeitet von sechs Uhr abends bis halb drei Uhr nachts. Wir sind also abends alleine. Aber wir sind ja schon groß und wissen, wann wir ins Bett und wann wir zur Schule müssen.

SZ: Wo arbeiten Sie?

Vater: Bei einer großen Bäckerei im Lager. Ich packe immer acht Semmeln in eine Tüte.

SZ: Janis, bist du neidisch auf Menschen, die mehr haben als du?

Janis: Ja, schon. In der Schule haben andere bessere Sachen als ich, zum Beispiel Klamotten und Schuhe. Sie verarschen mich manchmal, sie sagen zum Beispiel, dass ich Gammelschuhe anhabe. Am liebsten möchte ich sie schlagen, aber dann gibt es einen Schulausschluss. Das ist doof, das will ich nicht.

SZ: Ist es dir peinlich vor den anderen, dass du kein Geld hast?

Janis: Meine Freunde wissen das ja nicht. Nur einer weiß es, der ist auch ein bisschen arm.

SZ: Versteht er dich?

Janis: Ja, er weiß wie es ist, Hunger zu haben oder ausgelacht zu werden. Der weiß, wie ich mich dann fühle, dass ich manchmal traurig bin.

SZ: Wenn du dir etwas wünschen dürftest, was wäre das?

Janis: Schneller groß zu werden und immer etwas zu essen zu haben.

SZ: Gibt es Tage, an denen ihr nichts zu essen habt?

Janis: Früher war das oft der Fall.

SZ: Was hast du dann gemacht?

Janis: Manchmal bin ich zu Freunden gegangen, wo es etwas zu essen gab. Heute ist es besser, weil uns der Verein Ghettokids hilft. Wenn uns jetzt das Essen ausgeht, kriegen wir dort etwas. Ich gehe jeden Samstag zu Ghettokids.

SZ: Was machst Du dort?

Janis: Essen. Da gibt es immer Essen. Etwa 45 Jugendliche kommen dort hin. Wir dürfen trommeln, malen, lernen und Klavier spielen. Man muss dafür aber auch was tun. Nur nehmen geht nicht. Man muss auch was geben. Zum Beispiel mache ich bei Trommel-Konzerten mit. Dafür bekomme ich dann auch mal eine Monatskarte für die U-Bahn. Für so eine Monatskarte muss jeder hart kämpfen.

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