Reden wir über Geld: Franz Xaver Kroetz "Zu viel gesoffen"

SZ: Warum haben Sie die Rolle in Helmut Dietls "Kir Royal"-Nachfolge-Film "Zettl" abgelehnt?

Kroetz: Ich wollte keinen alten abgefuckten Reporter spielen. Der Dietl kann Dialoge schreiben, der ist ein Genie. Aber ich hab' gsagt: "I mog ned." Das Schlimme ist: Ich überrasche mich nicht mehr. Ich lege mich nicht mehr zehn Minuten auf die Straße und warte, ob mich einer überfährt. Gott sei Dank hab' ich eine Lebensgefährtin. Und meine Kinder.

SZ: Sie fühlten sich jahrelang wahnsinnig unter Druck, hatten Schreibblockaden. Wie hat sich das auf Ihre Familie ausgewirkt? Ihre Tochter soll ins Tagebuch geschrieben haben: Oh Gott, wir sind verzweifelt, Papa kann nicht schreiben.

Kroetz: Die Familie war ein Schreib-KZ und ich der Lagerkommandant. Das Schreiben hat meine Ehe mit der Marie-Theres kaputtgemacht. Ich war wie einer an der Nadel, meine Droge war das Schreiben.

SZ: Wie war es im Rausch?

Kroetz: Einfach toll. Ein Theaterstück ist nicht, was irgendwelche Kasperln auf der Bühne machen, sondern was im Reclam-Heft steht. Was sagen zwei Menschen, wenn sie essen, wenn sie arbeiten, wenn sie ficken, wenn sie reisen? Das ist mein Lebensthema. Wenn ich geschrieben hab', war ich nicht ansprechbar, weil ich geschrieben hab'. Und wenn ich nicht geschrieben hab', war ich gemeingefährlich, weil ich nicht geschrieben hab'.

SZ: Was hätten Sie anders gemacht?

Kroetz: Ich habe in meinem Leben zu wenig gemacht und zu viel geschrieben. Ich hätte ein Handwerk lernen sollen, dann wäre ich ein glücklicher Mensch. Jetzt ist ja diese Stille da. Wenn ich was gemacht hätte, könnte ich sie füllen.

SZ: Hätte weniger schreiben Ihre Ehe gerettet?

Kroetz: Nein, ich hätte nicht einen Satz für die Ehe aufgegeben.

SZ: Sie sind jetzt 65, was tun Sie?

Kroetz: Das Alter ist ein Massaker, in dem man die Hauptrolle spielen muss. Gerade war ich wieder beim Arzt, der sagte: "Franz, jetzt ist wieder alles Oberkante. Harnsäure, Zucker, was gibt's noch?"

SZ: Leber?

Kroetz: Ja, Leberwerte Oberkante. Zu viel gesoffen, zu wenig bewegt.

SZ: Was ist die Lösung?

Kroetz: Die Lösung ist Selbstmord.

SZ: Ist es so schlimm?

Kroetz: Wenn man es konsequent zu Ende denkt, ist es schlimm. Aber ich bin nicht der Typ für Selbstmord. Der Verfall ist da, aber ich beobachte ihn mit einer gewissen Gleichgültigkeit.

SZ: Früher waren Sie ein wilder Hund, der viel gerauft hat.

Kroetz: Und ich hab' nicht nur Stärkere verprügelt. Ich war so ein dreckiges Kerlchen. Aber das ist vorbei. Wenn ich heute zuschlagen würde, dann schlägt der andere zurück. Dann sind meine Implantate draußen.

SZ: Sie haben 60 Stücke publiziert. Was bleibt?

Kroetz: Das, was drinsteht.

SZ: Warum wird das heute nicht mehr beachtet?

Kroetz: Ich weiß es nicht. Natürlich will ich mein Leben lang der am meisten beachtete Dramatiker der Welt sein. Diese Hybris gehört zur Grundvoraussetzung: Schaut her, das hab' ich geschrieben, das müsst ihr lesen!

SZ: Schreiben Sie wieder ein Stück?

Kroetz: Nein. Wenn man früher ein Stück von mir gesehen hat, ging man raus und musste zum Gewehr greifen. Das ist nicht mehr so. Ich habe nicht mehr das Auge, das ich damals hatte.

SZ: Was haben Ihre Stücke bewirkt?

Kroetz: Nichts.

SZ: Können Sie das wissen?

Kroetz: Nein. Aber der gutmütigste Mensch kennt Franz Xaver Kroetz vielleicht noch als Brandner Kaspar und Baby Schimmerlos. Ich muss mich davon verabschieden, dass ich Dramatiker war.

SZ: Das muss weh tun.

Kroetz: Ich kann es nicht ändern. Mich ruft keiner mehr an. Das ist die Wahrheit.